EU-Innovationsfonds fördert vier neue CCUS-Projekte von Heidelberg Materials

Heidelberg Materials hat aus Brüssel Rückenwind erhalten: Vier weitere Vorhaben zur CO₂-Abscheidung, -Nutzung und -Speicherung (CCUS) wurden vom EU-Innovationsfonds für die Ausarbeitung von Fördervereinbarungen ausgewählt. Es geht um Standorte in Belgien, Frankreich, Italien und Polen – und um die Frage, ob Europas schwer zu dekarbonisierende Grundstoffindustrien ihre Emissionen rechtzeitig und bezahlbar senken können.

Heidelberg Materials präsentiert die Zusagen als strategischen Meilenstein, doch entschieden ist damit noch wenig: Die Förderauswahl ist ein wichtiges Signal, ersetzt aber weder die schwierigen Investitionsrechnungen noch den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur für Transport und Speicherung.

Heidelberg Materials steht mit seinen Heidelberg Materials CCUS-Projekte exemplarisch für ein Dilemma der Industriepolitik: In der Zementproduktion entstehen große Teile der Emissionen nicht nur durch Energieeinsatz, sondern durch den Prozess selbst, wenn aus Kalkstein Klinker wird. Effizienzsteigerungen und erneuerbare Energie können zwar helfen, stoßen aber an Grenzen; deshalb gilt CCUS vielen Unternehmen als verbleibender Hebel, um die sogenannten Prozess-Emissionen deutlich zu reduzieren. Für Heidelberg Materials ist die EU-Innovationsfonds Förderung damit weniger ein PR-Pokal als ein Baustein, um eine Technologie in die Größe zu bringen, die über Jahre als teuer, komplex und politisch umstritten galt.

Gleichzeitig wächst der Erwartungsdruck: Wer öffentliche Mittel erhält, muss liefern – und zwar nicht nur an einem Pilotstandort, sondern entlang einer stabilen Kette von Abscheidung bis Speicher. Das Unternehmen verweist darauf, dass die Projekte in vier Kernmärkten liegen und dadurch Skaleneffekte möglich würden. Aus redaktioneller Sicht ist genau das der entscheidende Punkt: Nicht einzelne Anlagen machen den Unterschied, sondern die Standardisierung von Technik, Genehmigungen und Logistik – und damit eine Art europäischer „Industrie-Backbone“ für CO₂, der erst noch entstehen muss.

Europas Dekarbonisierung der Zementindustrie wird zur Infrastrukturfrage

Die Auswahl im Innovationsfonds deutet darauf hin, dass Brüssel CCUS inzwischen als realpolitisches Instrument betrachtet, nicht mehr nur als Übergangstechnologie. Förderlogik und Bewertungskriterien zielen auf Wirkung, Reifegrad und Wiederholbarkeit – also auf Projekte, die sich prinzipiell an vielen Standorten kopieren lassen. Damit rückt die Zementindustrie Dekarbonisierung Europa in eine neue Phase: Weg von einzelnen Leuchttürmen, hin zu einem Wettbewerb um standardisierte Lösungen, die sich industriell ausrollen lassen.

Für Heidelberg Materials ist das strategisch nützlich, weil der Konzern über viele europäische Werke verfügt und damit eine kritische Masse erreichen kann, die kleineren Wettbewerbern fehlt. Politisch ist es ebenso relevant, weil Zement als Grundstoff für Wohnungsbau, Verkehr und Energiewende benötigt wird – und die EU vermeiden will, dass Emissionen schlicht ins Ausland verlagert werden. Allerdings bleibt die heikle Frage, wie dauerhaft diese Projekte wirtschaftlich tragfähig werden, wenn CO₂-Preise schwanken, Genehmigungen dauern und die Speicherung vor Ort auf Widerstand stößt.

Die Technik hinter CCUS bleibt kompliziert – und teuer

CCUS klingt abstrakt, folgt aber einem einfachen Prinzip: CO₂ wird an der Quelle abgeschieden, verdichtet und anschließend entweder genutzt oder dauerhaft gelagert. In Zementwerken ist das technisch anspruchsvoll, weil Abgase und Prozesschemie variieren und die Abscheidung zusätzliche Energie benötigt. Heidelberg Materials plant in Belgien am Standort Antoing eine Anlage, die auf Oxyfuel-Technologie basiert – dabei wird die Verbrennung mit nahezu reinem Sauerstoff betrieben, um ein Abgas mit hoher CO₂-Konzentration zu erzeugen, das leichter zu trennen ist. Das Unternehmen rechnet damit, nach Inbetriebnahme mehr als 95 Prozent der Emissionen des Standorts abfangen zu können; in absoluten Zahlen werden für Antoing mehr als 800.000 Tonnen pro Jahr genannt.

In Italien setzt Heidelberg Materials nach eigenen Angaben auf ein hybrides Abscheidesystem im Werk Rezzato Mazzano bei Brescia. Das Projekt „DREAM“ wird als erstes vollständiges CCS-Vorhaben der italienischen Zementindustrie beschrieben und soll CO₂ in Richtung Ravenna bringen, wo ein Speicherzentrum unter der Adria vorgesehen ist. Für den Markt wäre das ein Testfall: Wenn sich „CO₂-armer Zement“ nicht nur im Labor, sondern im großtechnischen Betrieb herstellen lässt, könnte das Beschaffungsentscheidungen in öffentlichen und privaten Bauprojekten verändern – zumal große Auftraggeber zunehmend CO₂-Bilanzen in Ausschreibungen berücksichtigen.

Ohne nationale Regeln und Geld bleibt die Auswahl ein Vorvertrag

So wichtig die EU-Innovationsfonds Förderung ist: Sie löst nicht das Kernproblem, dass CCUS-Projekte in mehreren Ländern gleichzeitig an Genehmigungen, Haftungsfragen und Preisrisiken hängen. Heidelberg Materials macht deutlich, dass zusätzliche staatliche Instrumente nötig seien – etwa Carbon Contracts, also staatlich abgesicherte Ausgleichszahlungen, wenn klimafreundliche Produktion im Marktpreis nicht refinanzierbar ist. Solche Mechanismen könnten Investitionen planbarer machen, sind aber politisch heikel, weil sie als Industrie-Subventionen wahrgenommen werden und Haushaltsmittel binden.

Hinzu kommt die praktische Seite: CO₂ muss von den Werken zu Speichern gelangen – und genau hier wird aus einer Werksmodernisierung schnell ein länderübergreifendes Infrastrukturprojekt. In Frankreich etwa soll das in Airvault abgeschiedene CO₂ Teil einer regionalen Initiative sein, die den Transport per Pipeline-Netz zur Küste nach Saint-Nazaire und anschließend per Schiffslogistik zu Speichern unter der Nordsee vorsieht. Das klingt nach einer sauberen Kette, bedeutet in der Realität aber viele Schnittstellen zwischen Industrie, Netzbetreibern, Häfen, Genehmigungsbehörden und Speicherbetreibern. Ob daraus am Ende eine finale Investitionsentscheidung wird, hängt deshalb weniger an der Technik als an der Frage, ob Politik und Verwaltung Tempo, Rechtssicherheit und Akzeptanz organisieren.

Polens Onshore-Pläne zeigen, dass Akzeptanz zum Engpass werden kann

Am deutlichsten tritt das gesellschaftliche Risiko im polnischen Projekt zutage: HuCCSar soll das Speicherpotenzial in Zentralpolen prüfen und damit den Weg für die erste Onshore-CCS-Wertschöpfungskette des Landes ebnen. Anders als Offshore-Speicher unter der Nordsee oder der Adria findet Speicherung an Land in unmittelbarer Nähe von Gemeinden statt – und ist damit politisch angreifbarer. Dass das Projekt ausdrücklich Maßnahmen zur gesellschaftliche Akzeptanz vorsieht, ist deshalb kein Nebensatz, sondern ein Eingeständnis: Ohne Zustimmung vor Ort kann selbst eine technisch überzeugende Lösung scheitern.

Für Heidelberg Materials ist der polnische Ansatz zugleich Chance und Risiko. Gelingt der Nachweis von Speicherstätten und ein tragfähiges Genehmigungsmodell, könnte Polen für CCUS in Mittel- und Osteuropa eine Blaupause werden. Scheitert er, wäre das ein Warnsignal für viele Standorte, an denen CO₂ nicht einfach „ins Ausland“ verschoben werden kann. In diesem Spannungsfeld versucht der Konzern, seine Strategie als lernendes System zu positionieren und verweist auf bereits geförderte Projekte in Bulgarien und Deutschland – doch die politische Langfristigkeit ist bislang die offene Flanke.

Der Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Achten ordnete die Auswahl in Brüssel öffentlich als Signal für den Umbau der Branche ein und sagte: „Dies ist ein großartiger Tag für unser Unternehmen und für die Dekarbonisierung der Zementindustrie in Europa.“ Für die Redaktion ist daran vor allem der zweite Teil interessant: Wenn die Dekarbonisierung der Zementindustrie in Europa gelingen soll, wird sie nicht allein über einzelne Förderbescheide entschieden, sondern über den Aufbau eines Marktes für CO₂-arme Baustoffe – inklusive Infrastruktur, Regeln und belastbarer Nachfrage nach Produkten wie evoZero Near-Zero-Zement. Gerade daran wird sich messen lassen, ob die Heidelberg Materials CCUS-Projekte mehr sind als technisch beeindruckende Pilotvorhaben.

Quellenhinweis

Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von Heidelberg Materials, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.

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