ADMARES und MHP wollen den Wohnungsbau in die Smart Factory verlagern

Der Wohnungsbau gilt bis heute als eine Branche, in der viele Abläufe ortsgebunden, personalintensiv und nur begrenzt skalierbar sind. ADMARES und MHP setzen nun auf ein Modell, das eher aus der Automobilindustrie bekannt ist: Wohngebäude sollen in einer hoch automatisierten Fabrik entstehen, digital geplant, standardisiert gefertigt und weitgehend bezugsfertig ausgeliefert werden.

Nach Angaben der beteiligten Unternehmen sei dafür gemeinsam mit Porsche Consulting, der EDAG Group und Siemens Digital Industries Software ein digitales Fertigungssystem entwickelt worden. In einer geplanten Produktionsstätte mit 310.000 Quadratmetern könnten demnach künftig bis zu 16.320 Smart Homes pro Jahr gebaut werden. Das Projekt zielt damit auf mehr als nur eine Effizienzsteigerung einzelner Bauprozesse. Es steht für den Versuch, den modularen Wohnungsbau als industrielles System neu aufzusetzen.

Damit greift ADMARES ein strukturelles Problem der Branche auf. Zwar gibt es seit Jahren Ansätze für vorgefertigte Module, Plattformkonzepte und digitale Planung, ein global etabliertes Modell für kosteneffiziente industrielle Gebäudefertigung im großen Maßstab hat sich bislang aber nicht durchgesetzt. Genau an dieser Lücke setzt das Vorhaben an. Der Wohnungsbau soll aus der klassischen Baustellenlogik herausgelöst und stärker wie ein Fertigungsprozess organisiert werden, mit wiederholbaren Abläufen, standardisierten Schnittstellen und besser kalkulierbaren Kosten.

Besonders relevant ist dabei, dass die Gebäudemodule die Fabrik laut Projektbeschreibung bereits vollständig ausgestattet verlassen sollen. Maximilian Sander, Partner bei MHP, sagt: „Die Gebäudemodule verlassen die Fabrik vollständig ausgestattet und bezugsfertig“. Für den Markt wäre das ein deutlicher Schritt über herkömmliche Vorfertigung hinaus, weil nicht nur Rohmodule, sondern weitgehend komplette Wohneinheiten in Serie produziert würden.

Die Digitalisierung wird hier nicht als Zusatz verstanden, sondern als Rückgrat des gesamten Werks

Im Zentrum des Projekts steht der digitale Zwilling. Gemeint ist ein virtuelles Abbild von Produkten, Abläufen und Produktionsumgebung, das Planung, Simulation und spätere Optimierung miteinander verbindet. Nach Darstellung der Partner werde der gesamte Prozess von der Produktentwicklung bis zur Auslieferung virtuell konfiguriert und laufend angepasst. Für Laien lässt sich das so übersetzen: Noch bevor Maschinen installiert oder Module real gebaut werden, wird die Fabrik digital getestet.

Das ist für eine Fabrik dieser Größenordnung mehr als ein technisches Detail. Solche Modelle sollen Fehler in Layout, Materialfluss oder Produktionsabfolge früh sichtbar machen und teure Nachbesserungen vermeiden. MHP habe ADMARES deshalb nicht nur bei Softwarefragen, sondern bereits bei der Betriebs- und IT-Strategie begleitet. Dazu hätten die Entwicklung einer digitalen Zielarchitektur, die Auswahl skalierbarer Digitalisierungskonzepte und die Planung weiterer Ausbaustufen gehört. Die Projektpartner argumentieren damit, dass Investitionssicherheit heute nicht erst in der Produktion beginne, sondern schon in der strategischen Vorarbeit.

Der Versuch, Methoden aus der Autoindustrie auf den Wohnungsbau zu übertragen, ist ökonomisch plausibel, aber nicht risikofrei

Die industrielle Logik hinter dem Projekt ist klar. ADMARES überträgt nach eigener Darstellung Prinzipien aus der Automobilindustrie auf den Wohnungsbau, etwa standardisierte Prozesse, eng abgestimmte Lieferketten, digitale Planung und automatisierte Serienfertigung. Das ist deshalb naheliegend, weil gerade im Bau die Produktivität seit Jahren hinter anderen Industrien zurückbleibt. Wer Wohngebäude stärker modularisiert, kann Qualität, Zeit und Kosten theoretisch besser steuern.

Allerdings ist der Transfer nicht eins zu eins möglich. Autos entstehen aus hochgradig standardisierten Plattformen, Gebäude müssen dagegen örtliche Vorschriften, Grundstücksbedingungen, Genehmigungen und unterschiedliche Marktanforderungen berücksichtigen. Der entscheidende Punkt ist daher nicht nur die Automatisierung selbst, sondern die Frage, wie viel Standardisierung der Markt akzeptiert, ohne dass Individualität, baurechtliche Anpassung oder regionale Besonderheiten verloren gehen. Genau deshalb ist die Verbindung aus modularer Produktlogik und flexibler digitaler Konfiguration für ADMARES strategisch so wichtig.

Federico Magno, Group CEO bei MHP, beschreibt das Vorhaben als Aufbau einer „durchgängig digitale[n] Wertschöpfungskette“. Das verweist auf einen zweiten Kern des Projekts: Nicht einzelne Maschinen, sondern die Verzahnung von Produktentwicklung, Produktion, IT und späteren digitalen Services soll den Unterschied machen. Wenn dieser Ansatz funktioniert, könnte daraus ein Modell entstehen, das nicht nur schneller baut, sondern auch neue Standards für Planung und Betrieb setzt.

Entscheidend wird sein, ob die Smart Factory über das Pilotprojekt hinaus einen neuen Industriestandard setzen kann

Nach Angaben der Unternehmen wurden sämtliche Produktionsabläufe und das spätere Produktionslayout bereits virtuell geplant, noch bevor die erste Maschine installiert worden sei. Dadurch seien rund 30 Prozent geringere Anfangsinvestitionen möglich geworden. Auch die erforderliche Mindestanlagenverfügbarkeit liege unter 90 Prozent, was auf ein vergleichsweise robustes und flexibles Fertigungsdesign hindeuten soll. Solche Kennzahlen sind für Investoren und Industriepartner relevant, weil sie darauf verweisen, dass das Modell nicht nur technisch ambitioniert, sondern auch wirtschaftlich tragfähig sein soll.

Für die Branche wäre ein Erfolg des Projekts in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Erstens könnte sich der modulare Wohnungsbau von einem Nischenmodell zu einer ernsthaften industriellen Alternative entwickeln. Zweitens würde sich die Lieferkette verändern, weil Wertschöpfung stärker in die Fabrik verlagert und auf digitale Steuerung ausgerichtet würde. Drittens bekäme die Debatte über Wohnraummangel, Baukosten und Fachkräftemangel eine neue industriepolitische Dimension. Dann ginge es nicht mehr nur um schnelleres Bauen, sondern um die Frage, ob sich Wohnen in Teilen wie ein industrielles Produkt organisieren lässt.

Noch ist offen, ob ADMARES diesen Anspruch im globalen Maßstab tatsächlich einlösen kann. Der Ansatz zeigt aber, wohin sich der Sektor bewegt: weg von der improvisierten Baustelle, hin zu planbaren, datengetriebenen und stärker standardisierten Prozessen. Gerade weil im Wohnungsbau bislang kein weltweit etabliertes Großserienmodell existiert, dürfte das Projekt weit über das Unternehmen selbst hinaus beobachtet werden.

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