Bahnwerk Cottbus erhält IHK-Bildungspreis für seine Junior Company

Das Bahnwerk Cottbus ist mit dem bundesweiten IHK-Bildungspreis 2026 ausgezeichnet worden. Prämiert wurde die Junior Company, ein Ausbildungskonzept, das junge Beschäftigte stärker in praktische Verbesserungen des Werkalltags einbindet und damit über klassische berufliche Ausbildung hinausgeht.

Das Bahnwerk Cottbus setzte sich in der Kategorie „Große Unternehmen“ gegen ein breites Bewerberfeld durch. Nach Angaben der Veranstalter waren rund 140 Bewerbungen eingegangen, in der Endrunde konkurrierte das Projekt mit zwei weiteren nominierten Vorhaben. Für den Lausitz Industriestandort ist die Auszeichnung mehr als ein symbolischer Erfolg, weil sie zeigt, wie stark die Frage der Fachkräftesicherung inzwischen mit moderner Industriepolitik verbunden ist. Gerade Regionen im Strukturwandel stehen unter Druck, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen und zugleich industrielle Arbeitsplätze langfristig attraktiver zu machen.

Die Junior Company wurde im Sommer 2024 gegründet und soll Auszubildenden ermöglichen, im Werk nicht nur vorgegebene Aufgaben zu lernen, sondern eigene Ideen zu entwickeln. Nach Darstellung des Unternehmens arbeiten die Nachwuchskräfte an praxisnahen Lösungen für die Instandhaltung, verbessern Arbeitsabläufe und erproben dabei auch Formen nachhaltigen Wirtschaftens. Damit wird berufliche Ausbildung stärker als Teil realer Produktions- und Organisationsprozesse verstanden. Für junge Fachkräfte kann ein solches Modell besonders relevant sein, weil Verantwortung, Teamarbeit und Fehlerkultur nicht abstrakt vermittelt werden, sondern in konkreten Projekten sichtbar werden.

Die Auszeichnung zeigt, wie stark Ausbildung zur Standortfrage geworden ist

Der IHK-Bildungspreis lenkt den Blick auf eine Entwicklung, die viele Industrieunternehmen betrifft. Ausbildung gilt nicht mehr nur als betriebliche Pflichtaufgabe, sondern zunehmend als strategisches Instrument gegen Fachkräftemangel und Standortkonkurrenz. Das Bahnwerk Cottbus steht dabei exemplarisch für einen Lausitz Industriestandort, der sich nach Jahren wirtschaftlicher Umbrüche stärker über industrielle Zukunftsfelder profilieren will. Wenn Auszubildende früh in Verbesserungen eingebunden werden, kann das die Bindung an den Betrieb erhöhen und zugleich die Innovationsfähigkeit im Alltag stärken.

Enrico Kramer, Nachwuchskräftegesamtkoordinator beim Bahnwerk Cottbus der DB Fahrzeuginstandhaltung, beschreibt den Ansatz mit den Worten: „Wir erleben jeden Tag, dass junge Menschen nicht nur lernen, sondern auch gestalten wollen.“ Dieses Zitat verdeutlicht den Kern des Projekts, ohne die strukturelle Herausforderung zu verdecken. Entscheidend wird sein, ob die Junior Company dauerhaft in die Organisation eingebettet bleibt und nicht nur als ausgezeichnetes Einzelprojekt wahrgenommen wird. Für berufliche Ausbildung in großen Industrieunternehmen liegt genau darin die größere Frage: Wie viel echte Mitgestaltung wird jungen Beschäftigten tatsächlich eingeräumt?

Nachhaltigkeit wird im Werkalltag erst wirksam, wenn sie messbar und praktisch wird

Zum Konzept gehören fünf sogenannte LABs, also Lern- und Arbeitsräume, in denen die Auszubildenden Projekte entwickeln, präsentieren und mit anderen Bereichen des Werks verbinden können. Ein Werkstatt-LAB dient etwa Präsentationen und Workshops, wodurch die Junior Company nicht isoliert neben dem Betrieb steht, sondern in den Arbeitsalltag hineinwirken soll. Die Ergebnisse werden laut Unternehmen im Nachhaltigkeitsdashboard der DB Fahrzeuginstandhaltung sichtbar gemacht. Für Außenstehende ist das ein wichtiger Punkt, weil Nachhaltigkeit in der Industrie häufig abstrakt bleibt, während hier zumindest ein Ansatz zur Transparenz angelegt ist.

Gleichzeitig sollte der Begriff nachhaltiges Wirtschaften nicht zu weit gefasst werden. Aus der Pressemitteilung geht nicht hervor, welche konkreten Einsparungen, Effizienzgewinne oder ökologischen Effekte bereits erreicht wurden. Redaktionell betrachtet liegt die Stärke des Projekts daher weniger in messbaren Umweltkennzahlen als in der Verbindung von Lernkultur, Prozessverbesserung und Verantwortungsübernahme. Die Junior Company kann damit als Versuch verstanden werden, Ausbildung näher an die tatsächlichen Anforderungen moderner Instandhaltung zu rücken.

Soziales Engagement erweitert das Projekt über den Werkzaun hinaus

Die Junior Company ist nicht nur innerhalb des Bahnwerks aktiv. Im vergangenen Jahr beteiligten sich Auszubildende an der bundesweiten Aktionswoche #DBPacktan und gestalteten das Außengelände einer Cottbuser Kita zu einem Spielbereich um. Solche Projekte ersetzen keine industrielle Qualifizierung, können aber soziale Kompetenzen stärken und die Sichtbarkeit des Unternehmens in der Region erhöhen. Gerade für einen Lausitz Industriestandort kann diese lokale Verankerung wichtig sein, weil Akzeptanz und Nachwuchsgewinnung auch davon abhängen, wie ein Betrieb im städtischen Umfeld wahrgenommen wird.

Das Preisgeld von 6.000 Euro soll nach Unternehmensangaben an eine gemeinnützige Bildungsinitiative gehen. Damit bleibt der finanzielle Effekt für das Bahnwerk Cottbus überschaubar, die öffentliche Wirkung dürfte jedoch größer sein. Der Bildungspreis macht ein Modell sichtbar, das in Zeiten knapper Fachkräfte für andere Industrieunternehmen interessant sein könnte. Ob daraus ein breiter übertragbarer Ansatz entsteht, hängt davon ab, wie konsequent die Junior Company weitergeführt wird und ob ihre Ergebnisse über einzelne Projekte hinaus in die betriebliche Praxis einfließen.

Schreibe einen Kommentar