BASF Coatings will seine Rolle in der Fahrzeugreparaturbranche ausbauen und Werkstätten stärker bei der Einführung automatisierter Lackierprozesse unterstützen. Im Mittelpunkt steht nicht die Entwicklung eigener Roboter, sondern die Verbindung von Lackwissen, digitalem Farbmanagement und Applikationstechnik. Damit rückt die robotergestützte Lackapplikation näher an den Alltag von Karosserie- und Lackierbetrieben.
Werkstätten stehen unter wachsendem Effizienzdruck. Reparaturen sollen schneller, verlässlicher und mit möglichst geringem Materialeinsatz ausgeführt werden. Gleichzeitig fehlen vielerorts Fachkräfte und die Qualitätsanforderungen steigen. Automatisierung kann wiederkehrende Arbeitsschritte standardisieren, muss aber mit den Besonderheiten der Unfallreparatur umgehen. Jedes Fahrzeug, jeder Schaden und jede Lackoberfläche bringt andere Anforderungen mit.
BASF Coatings setzt deshalb nicht beim Roboter als einzelner Maschine an, sondern bei seiner Einbindung in bestehende Werkstattabläufe. Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben mit Automatisierungspartnern, Fahrzeugherstellern, Pilotkunden und weiteren Industrieakteuren zusammen. Ziel ist es, Prozesse zu validieren, technische Standards mitzuentwickeln und Betriebe bei der Einführung zu begleiten.
Lackierroboter müssen in bestehende Werkstattprozesse passen
In der Fahrzeugproduktion ist robotergestützte Lackapplikation längst etabliert. In Reparaturbetrieben ist ihr Einsatz deutlich schwieriger. Serienfertigung arbeitet mit planbaren Bauteilen, gleichbleibenden Abläufen und hohen Stückzahlen. Werkstätten müssen dagegen individuelle Schäden, unterschiedliche Fahrzeugmodelle und wechselnde Lackzustände bewältigen.
BASF Coatings will diese Lücke mit Prozesswissen schließen. Robotik soll zunächst dort eingesetzt werden, wo Arbeitsschritte vergleichsweise gut standardisierbar sind. Dazu gehören Anwendungen von Primer, Basislack und Klarlack auf vollständigen Fahrzeugteilen. Solche Vorgänge lassen sich in wiederholbare Bewegungen, definierte Materialmengen und überprüfbare Prozessstandards übersetzen.
Für Werkstätten könnten sich daraus Vorteile bei Wiederholgenauigkeit, Durchsatz und Materialeffizienz ergeben. Gleichzeitig deckt die Technologie noch nicht alle Aufgaben ab. Beilackierungen oder Innenlackierungen stellen höhere Anforderungen an Sensorik, Prozesssteuerung und handwerkliche Bewertung. Robotik bleibt deshalb zunächst ein ergänzender Baustein und kein vollständiger Ersatz für qualifizierte Lackierarbeit.
Digitales Farbmanagement wird zur Voraussetzung
Eine zentrale Rolle spielt das digitale Farbmanagement. BASF Coatings verweist auf sein Refinity-Ökosystem, mit dem Werkstätten Farbmessung, Farbtonfindung, Mischprozesse und Workflow-Management digital steuern können. Solche Systeme verbinden Farbinformationen, Reparaturdaten und Arbeitsschritte miteinander.
Für automatisierte Lackierprozesse ist diese Vernetzung entscheidend. Roboter benötigen nicht nur festgelegte Bewegungen, sondern auch zuverlässige Daten zu Farbe, Materialmenge und Applikationsparametern. Sind Farbmessung, Rezeptur, Mischung und Arbeitsplanung bereits digital verknüpft, lässt sich die Lackapplikation leichter in einen kontrollierten Ablauf integrieren.
Der Roboter wird dadurch nicht als isoliertes Gerät betrachtet, sondern als Teil einer digitalen Prozesskette. Das kann Schwankungen reduzieren und Ergebnisse über mehrere Standorte hinweg vergleichbarer machen.
Chen Liu, Global Head of Technology Automotive Refinish Coatings, beschreibt den Ansatz so: „Robotik verbindet digitales Farbmanagement und physische Applikation zu einem durchgängigen, vernetzten Prozess.“
Der strategische Kern liegt damit weniger in der Hardware als in der Integration von Lackmaterial, Prozessführung und Applikationstechnik. Für Werkstätten wird entscheidend sein, ob diese Systeme auch unter realen Bedingungen stabile Ergebnisse liefern.
Automatisierung verändert die Rollen in der Reparaturbranche
Mit der robotergestützten Lackapplikation verändert sich auch die Rollenverteilung innerhalb der Lieferkette. Lackhersteller liefern künftig nicht mehr nur Materialien und Farbsysteme. Sie stellen zunehmend auch Prozesswissen, digitale Werkzeuge und technische Validierung für automatisierte Anwendungen bereit.
BASF Coatings positioniert sich dabei als Integrationspartner. Das Unternehmen entwickelt nach eigenen Angaben keine eigene Robotik-Hardware, will aber an praktikablen Prozessmodellen mitarbeiten. Dadurch rückt der Lackanbieter näher an Entscheidungen von Werkstattketten, Versicherern, Fahrzeugherstellern und Ausrüstern.
Das ist strategisch relevant, weil sich die Wertschöpfung im Refinish-Markt von einzelnen Produkten zu vernetzten Lösungen verschiebt. Wer Werkstätten bei der Automatisierung begleitet, kann die Kundenbindung über technische Beratung, Datenprozesse und Schulungen vertiefen.
Die Akzeptanz wird jedoch davon abhängen, ob die Systeme einen messbaren Nutzen bringen. Entscheidend ist, ob sie Fachkräfte entlasten, Ausschuss reduzieren, Material sparen und realistische Amortisationszeiten ermöglichen.
Reproduzierbare Qualität ist wichtiger als die Maschine
Langfristig wird sich Robotik im Reparaturgeschäft nicht allein durch technische Machbarkeit durchsetzen. Entscheidend ist, ob automatisierte Lackierprozesse in unterschiedlichen Werkstattgrößen, Märkten und Qualifikationsniveaus funktionieren.
Große Betriebe und Werkstattketten könnten schneller profitieren, weil sie höhere Auslastungen, standardisierte Prozesse und größere Investitionsspielräume haben. Kleinere Werkstätten müssen genauer prüfen, ob Anschaffung, Integration und laufender Betrieb wirtschaftlich zu ihrem Geschäftsmodell passen.
BASF Coatings setzt deshalb auf Orientierung, Validierung und Zusammenarbeit mit Kunden. Roar Solberg erklärt: „Unser Ansatz ist es, Orientierung, Validierung und enge Zusammenarbeit zu bieten, damit Kunden fundierte Entscheidungen für zukunftsfähige Reparaturprozesse treffen können.“
Die Branche befindet sich damit in einer Übergangsphase. Automatisierung gewinnt an Bedeutung, ist aber noch nicht für jede Anwendung und jeden Betrieb gleichermaßen geeignet. Besonders relevant dürfte Robotik dort werden, wo Fachkräftemangel, Prozesskosten und Qualitätssicherung gleichzeitig Druck erzeugen.
Digitales Farbmanagement, vernetzte Werkstattprozesse und automatisierte Applikation könnten Reparaturen langfristig planbarer und reproduzierbarer machen. Ob daraus ein neuer Branchenstandard entsteht, hängt jedoch weniger von einzelnen Pilotprojekten als von stabilen Ergebnissen im täglichen Werkstattbetrieb ab. Genau an dieser Schnittstelle will BASF Coatings seine Position im Refinish-Markt stärken.


