BASF SE will sein Netz für digitale Dienstleistungen ausbauen und setzt dabei erneut auf Indien. Im ersten Quartal 2026 soll in Hyderabad ein neuer Digital Hub starten, der weltweit standardisierte IT-Services liefert. Hinter der Standortwahl steht nicht nur Technologie, sondern auch ein Umbauprogramm, das bis 2030 spürbare Folgen für Beschäftigte haben dürfte und die Rolle von IT in der Industrie neu vermisst.
BASF plant, den neuen BASF Digital Hub in Hyderabad als Teil eines globalen Verbunds aufzubauen, der bereits Standorte in Ludwigshafen, Madrid und Kuala Lumpur umfasst. Solche Zentren funktionieren wie eine interne Dienstleistungsfabrik: Prozesse werden vereinheitlicht, Tools zentral betrieben und Aufgaben in großer Stückzahl für viele Länder erledigt. Das reicht von Support und Betrieb digitaler Plattformen bis zu standardisierten Projekten, die in den einzelnen Geschäftseinheiten sonst mehrfach parallel entstehen würden. Die Logik dahinter ähnelt der industriellen Serienfertigung, nur dass hier Code, Daten und Prozessdesign die Rohstoffe sind.
Die Ankündigung passt in einen breiteren Trend, in dem Industrieunternehmen ihre IT und datengetriebenen Funktionen in zentralen Serviceeinheiten bündeln. Hyderabad gilt dabei als etablierter IT-Standort mit großem Arbeitsmarkt, was den Druck auf europäische Kostenstrukturen zusätzlich erhöht. Für BASF ist die Entscheidung deshalb mehr als ein Standortsignal: Sie markiert, wie sehr digitale Leistungsfähigkeit inzwischen als Teil der Wettbewerbsfähigkeit eines Chemiekonzerns verstanden wird. BASF erwirtschaftete 2024 nach eigenen Angaben 65,3 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt rund 112.000 Menschen, und in dieser Größenordnung wird Digitalisierung zur Organisationsfrage, nicht nur zur Frage einzelner Softwareprojekte.
Der IT-Standort Hyderabad wird für BASF vor allem zum Kostenhebel
Der Konzern argumentiert, dass sich digitale Leistungen dort günstiger und zugleich in hoher Qualität skalieren ließen. Finanzvorstand und Chief Digital Officer Dirk Elvermann begründete den Schritt mit dem Satz: „Mit diesem nächsten Schritt zur Optimierung der BASF Service Organisation sichern wir uns digitale Services zu wettbewerbsfähigen Konditionen“. Die Formulierung deutet auf ein klassisches Ziel hin, nämlich Kostendisziplin bei Funktionen, die zwar geschäftskritisch sind, aber selten als unmittelbarer Differenzierungsfaktor im Markt gelten. Gleichzeitig ist der Standortwettbewerb in indischen Metropolen hart, und Unternehmen müssen dort mit attraktiven Karrierepfaden, Weiterbildung und internationaler Projektarbeit um Talente konkurrieren. Dass BASF in Hyderabad eine eigene Gesellschaft aufbauen will, BASF Digital Solutions Private Limited, spricht dafür, dass der Konzern das Thema als dauerhaftes Betriebsmodell anlegt und nicht als vorübergehende Kostenrunde.
Standardisierte digitale Services sollen die Chemieindustrie Digitalisierung beschleunigen
Im Kern setzt BASF auf weniger Sonderwege und mehr Wiederholbarkeit, intern ist von einer stärkeren Fokussierung und Vereinheitlichung des digitalen Portfolios die Rede. Für Außenstehende lässt sich das übersetzen: Wer dieselben Bausteine und Abläufe in vielen Ländern nutzt, kann Wartung, Sicherheit und Weiterentwicklung zentral organisieren und muss nicht jede Lösung mehrfach erfinden. Genau an dieser Stelle wird die Chemieindustrie Digitalisierung greifbar, weil Effizienzgewinne oft weniger aus spektakulären Innovationen kommen als aus sauber orchestrierten Standards. Der Nutzen hängt allerdings davon ab, ob sich die Einheiten tatsächlich auf gemeinsame Prozesse einigen, denn in gewachsenen Konzernen entstehen Abweichungen oft aus regulatorischen Vorgaben, Kundenerwartungen oder historisch getrennten IT-Landschaften. Hinzu kommen Anforderungen an Datensicherheit und Zugriffskontrollen, die bei globaler Arbeitsteilung nicht verschwinden, sondern eher komplexer werden, weil Zuständigkeiten über Zeitzonen und Hierarchien verteilt sind.
Der Umbau der BASF-Digitaleinheit hat auch eine beschäftigungspolitische Dimension
Mit dem Ausbau in Indien verknüpft BASF einen klaren Personalpfad. Die Serviceeinheit Global Digital Services solle ihre Belegschaft bis 2030 weltweit deutlich reduzieren, und das betreffe ausdrücklich auch Stellen in Ludwigshafen. Zugleich ist vorgesehen, die Zahl der Standorte zu verringern, an denen Mitarbeitende dieser Einheit arbeiten, was den Veränderungsdruck nicht nur räumlich, sondern auch organisatorisch erhöht. BASF kündigt an, Maßnahmen sozialverträglich umzusetzen und die bestehenden Mitbestimmungsrechte zu wahren, doch erfahrungsgemäß werden gerade bei IT-Funktionen die Grenzen zwischen Verlagerung, Automatisierung und echter Produktivitätssteigerung schnell politisch.
Dietrich Spandau, President der Einheit, verbindet den Start mit Tempo und Skalierung und sagte: „Ich freue mich, dass wir den Hub so zügig in Betrieb nehmen können und nachhaltig hochfahren“. Für Beschäftigte in Europa steckt darin zugleich ein Signal, dass Rekrutierung und Hochlauf nicht als Pilot, sondern als beschleunigter Rollout gedacht sind. Je schneller der Hub Aufgaben übernimmt, desto dringlicher wird die Frage, welche Tätigkeiten in Deutschland bleiben, welche umgebaut werden und wo Qualifizierung realistisch ist. Damit wird das Projekt zu einem Prüfstein dafür, wie ein Industriekonzern digitale Zentralisierung betreibt, ohne Know-how-Verlust und Reibungsverluste in der Umsetzung zu riskieren.
Indien gewinnt für BASF strategisch an Gewicht, Europa verliert Spielraum
Der Schritt nach Hyderabad fügt sich in eine langfristige Präsenz des Konzerns in Indien ein, die neben Produktion auch Forschung und Entwicklung umfasst. Nach BASF-Angaben arbeiten dort Ende 2024 rund 2.411 Menschen, der Umsatz lag im selben Jahr bei etwa 2,4 Milliarden Euro, was Indien zu einem relevanten, aber nicht dominierenden Markt im Konzernverbund macht. Gerade deshalb ist die Standortwahl strategisch interessant: Der IT-Standort Hyderabad verschiebt Wertschöpfung in Richtung digitaler Prozesse, die quer über alle Regionen wirken und klassische Standortdebatten in Europa verschärfen können. In Deutschland trifft das auf eine Industriepolitik, die einerseits digitale Handlungsfähigkeit fordert und andererseits Unternehmen beim Kostendruck wenig Spielraum lässt. Langfristig könnte der Hub die Reaktionsgeschwindigkeit erhöhen, weil Services zentraler ausgerollt werden, doch der Wettbewerbsvorteil entsteht nur, wenn BASF die Steuerung so aufsetzt, dass globale Standards nicht zu globaler Trägheit werden.
Quellenhinweis:
Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von BASF, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.


