BASF und Cromology zeigen, dass Kreislaufwirtschaft in der Farbenindustrie bereits bei chemischen Grundstoffen beginnen kann. In Frankreich ist seit März 2026 eine Innenwandfarbe der Marke Tollens erhältlich, deren zirkuläres Bindemittel auf Rohstoffen aus chemisch recycelten Altreifen basiert.
BASF Cromology rückt damit ein Segment in den Blick, das im Alltag unscheinbar wirkt, industriell aber stark von fossilen Vorprodukten abhängig ist. Wandfarben bestehen nicht nur aus Pigmenten und Wasser, sondern auch aus Bindemitteln, die Haftung, Deckkraft und Beständigkeit sichern. Dort setzt Acronal Ccycled von BASF an. Das Bindemittel soll konventionelle Rohstoffe teilweise durch rechnerisch zugeordnete Recyclinganteile ersetzen, ohne die Anwendungseigenschaften zu verändern.
Für Cromology ist die neue Tollens Maxiline+ zunächst ein Produkt im französischen Markt, zugleich aber ein Signal an eine Branche, die stärker auf Ressourcenschonung, CO₂-Fußabdruck und Nachweisbarkeit achten muss. Dass die Lösung bei einer etablierten Innenwandfarbe ansetzt, macht den Schritt für den Beschichtungsmarkt relevant.
Chemisches Recycling erweitert den Rohstoffbegriff der Farbenindustrie
Im Zentrum steht ein Verfahren, das Altreifen nicht mechanisch zerkleinert und direkt weiterverarbeitet, sondern sie über chemisches Recycling wieder in die industrielle Rohstoffbasis zurückführen soll. Technologiepartner wandeln die Reifen in Pyrolyseöl um, das BASF anschließend in den Produktionsverbund einspeist. Dieses Öl ersetzt dort fossile Ressourcen, während das Endprodukt nach Angaben der Unternehmen die Eigenschaften eines herkömmlich hergestellten Bindemittels behalten soll.
Entscheidend ist dabei der Massenbilanzansatz. Nicht jedes Molekül aus einem Altreifen muss physisch im Farbeimer nachweisbar sein. Stattdessen wird ein zertifizierter Anteil recycelter Rohstoffe rechnerisch bestimmten Produkten zugeordnet, ähnlich wie bei Grünstrommodellen. BASF verweist darauf, dass die Acronal Ccycled Bindemittel nach REDcert² zertifiziert seien und ohne Anpassungen in anspruchsvolle Anstrichfarben integriert werden könnten.
Für die Chemieindustrie ist diese Konstruktion wichtig, weil viele Anlagen hoch integriert arbeiten. Einzelne Rohstoffströme lassen sich dort nur begrenzt isolieren. Der zertifizierte Massenbilanzansatz soll dennoch Transparenz schaffen und Investitionen in alternative Rohstoffe ermöglichen.
Die Kooperation ist auch ein Test für Vertrauen in zertifizierte Lieferketten
Die neue Innenwandfarbe Tollens Maxiline+ ist nach Angaben der Unternehmen ebenfalls nach REDcert² zertifiziert. Damit soll die Rückverfolgbarkeit der Materialströme entlang der Wertschöpfungskette abgesichert werden. Für Kunden, Handel und professionelle Anwender ist das zentral, weil Nachhaltigkeitsversprechen bei chemischen Produkten sonst schwer überprüfbar bleiben. Qualität, Verarbeitung und Haltbarkeit müssen weiterhin überzeugen.
Cromology stellt deshalb nicht den Verzicht, sondern die Gleichwertigkeit in den Vordergrund. Philippe Hosotte, Leiter Innovation und Produktentwicklung bei Cromology, sagt: „Diese Innovation ermöglicht es uns, leistungsstarke Anstrichfarben mit einer spürbaren Verringerung ihrer Umweltbelastung in Einklang zu bringen – ohne Abstriche bei der Qualität oder der Verarbeitbarkeit“. Die Aussage zeigt, worauf es bei solchen Produkten ankommt: Der ökologische Vorteil darf für Malerbetriebe und Endkunden nicht mit schlechterer Deckkraft, komplizierterer Anwendung oder höherem Risiko verbunden sein.
Für BASF Cromology ist die Zertifizierung zugleich ein industriepolitisches Argument. Europa verlangt von Herstellern zunehmend belastbare Angaben zur Herkunft von Rohstoffen und zu Umweltwirkungen. Wenn chemisches Recycling und Massenbilanz in qualitätskritischen Anwendungen akzeptiert werden, könnten solche Modelle auch in anderen Bereichen der Bauchemie an Bedeutung gewinnen.
Altreifen werden zum Beispiel für Kreislaufwirtschaft im Alltag
Die Unternehmen veranschaulichen den Ansatz mit einer konkreten Rechnung: In einem 10-Liter-Gebinde Tollens Maxiline+ soll die eingesetzte Menge an Pyrolyseöl ungefähr der Menge aus zwei Altreifen entsprechen. Solche Vergleiche machen sichtbar, dass Abfallströme aus einem Industriebereich in einem anderen Markt genutzt werden können.
Für die Kreislaufwirtschaft der Farbenindustrie ist diese sektorübergreifende Nutzung entscheidend. Reifenabfälle fallen in großen Mengen an, während Hersteller von Farben und Lacken Alternativen zu fossilen Rohstoffen suchen. Werden diese Ströme industriell verknüpft, entsteht eine Lieferkette, die weniger auf Primärrohstoffe angewiesen ist. Offen bleibt, wie schnell solche Lösungen skalieren und preislich konkurrieren können.
Dr. Robert Heger, bei BASF verantwortlich für Polymerdispersionen für Architekturfarben und Bauanwendungen in der Region EMEA, verweist darauf, dass die Acronal Ccycled Bindemittel für hochwertige Innenwandfarben geeignet seien. Durch Rohstoffe aus chemischem Recycling würden fossile Ressourcen geschont, während Kunden einen reduzierten CO₂-Fußabdruck erreichen könnten. Entscheidend wird sein, ob solche Produkte über einzelne Markeninitiativen hinaus in größere Sortimente Eingang finden.
Der Markterfolg hängt von Skalierung und Akzeptanz ab
Technologisch zeigt die Kooperation von BASF und Cromology, wie etablierte chemische Zwischenprodukte in eine Kreislaufstrategie eingebunden werden können. Wirtschaftlich ist der Schritt anspruchsvoller. Zirkuläre Rohstoffe müssen verfügbar, zertifizierbar und bezahlbar sein, damit sie für Massenmärkte wie Wandfarben relevant werden. Der französische Beschichtungsmarkt kann dafür als Testfeld dienen.
Für BASF liegt der strategische Wert darin, das eigene ChemCycling Modell in einer alltagsnahen Anwendung sichtbar zu machen. Für Cromology geht es darum, eine traditionsreiche Marke wie Tollens stärker an Nachhaltigkeitsanforderungen im Bausektor auszurichten. Das zirkuläre Bindemittel wird damit als Antwort auf eine strukturelle Verschiebung der Branche präsentiert. Kunden, Regulierer und Investoren erwarten zunehmend, dass Umweltwirkungen entlang der Wertschöpfungskette reduziert und nachvollziehbar dokumentiert werden.
Langfristig dürfte die Bedeutung solcher Kooperationen davon abhängen, ob sie messbare Vorteile liefern und zugleich industriell robust bleiben. Chemisches Recycling ist kein Ersatz für Abfallvermeidung, kann aber bei komplexen Materialströmen eine ergänzende Rolle spielen. Wenn sich Qualität, Zertifizierung und Verfügbarkeit verbinden lassen, könnten Innenwandfarben wie Tollens Maxiline+ zu einem frühen Beispiel dafür werden, wie zirkuläre Rohstoffe aus Nischenprojekten in den breiten Markt wandern.


