Bayer Consumer Health erweitert sein Entwicklungsnetz in China um ein Zentrum in der Provinz Shandong. Der neue Standort Shandong soll Forschung, Zulassung und industrielle Fertigung enger verbinden und damit Self-Care-Lösungen schneller in asiatische und weitere internationale Märkte bringen.
China wird für Bayer damit nicht nur als Absatzmarkt wichtiger, sondern auch als Ausgangspunkt für neue Produkte. Das Unternehmen bezeichnet das Land als seinen zweitgrößten Markt im Geschäft mit rezeptfreien Gesundheitsprodukten und bindet lokale Forschungseinrichtungen und Hersteller zunehmend in die globale Entwicklung ein. Hinter Open Innovation China steht ein Modell, bei dem Bayer Wissen, Labore und Produktionskapazitäten nicht allein im Konzern organisiert, sondern mit externen Partnern bündelt. Das kann Entwicklungswege verkürzen, erhöht aber zugleich die Abhängigkeit von funktionierenden Kooperationen, verlässlichen Qualitätsstandards und regulatorischer Abstimmung.
Das neue Zentrum soll die Lücke zwischen Labor und Großproduktion schließen
Das zweite China Center of Innovation and Partnership, kurz CCIP, entsteht gemeinsam mit Jewim Pharmaceutical und dem Shandong Institute for Food and Drug Control. Inhaltlich konzentriert sich die Zusammenarbeit auf Hautgesundheit und Verdauung, zwei Felder mit einem breiten Angebot rezeptfreier Präparate. Der Konzern will wissenschaftliche Erkenntnisse, Daten zum Verbraucherverhalten und Produktionskompetenz früher zusammenführen. Der Standort Shandong übernimmt damit vor allem eine Übersetzungsfunktion zwischen Forschung, Produktentwicklung, Zulassung und Industrialisierung.
Für Verbraucher ist der Begriff Self-Care-Lösungen zunächst weit gefasst. Gemeint sind Produkte, die ohne dauernde ärztliche Begleitung bei alltäglichen Beschwerden oder bei der Vorsorge eingesetzt werden, etwa gegen Haarausfall oder für die Verdauungsgesundheit. Für Hersteller ist dieses Segment attraktiv, weil sich Gesundheitsbedürfnisse zunehmend in den Alltag verlagern und Produkte über Apotheken, Drogerien sowie digitale Vertriebskanäle international skalieren lassen. Entscheidend bleibt jedoch, ob der wissenschaftliche Nutzen nachvollziehbar belegt ist und die Qualität auch bei großen Produktionsmengen stabil bleibt.
Bayer macht China zu einem Baustein seiner globalen Produktentwicklung
Das Zentrum in Shandong baut auf einer 2024 eröffneten Plattform in Shanghai auf. Nach Angaben des Unternehmens gingen aus dem bisherigen Netzwerk bereits ein Minoxidil-Präparat gegen Haarausfall, eine Lactulose-Lösung für die Verdauung und probiotische Produkte hervor. Einzelne Entwicklungen würden inzwischen in mehreren Ländern verkauft oder für Markteinführungen im asiatisch-pazifischen Raum und in Australien vorbereitet. Damit folgt Bayer Consumer Health einer Strategie, bei der Produkte nicht mehr ausschließlich in westlichen Forschungszentren entstehen und anschließend regional angepasst werden.
Open Innovation China bedeutet in diesem Fall auch eine Neuordnung der Lieferkette. Forschungspartner, Wirkstoffhersteller, Prüfinstitute und Produzenten sollen früher als bisher an gemeinsamen Projekten arbeiten. Das kann Doppelarbeit reduzieren und den Technologietransfer erleichtern, sofern Verantwortlichkeiten und Datenzugänge klar geregelt sind. Zugleich gewinnt China innerhalb des Konzerns an strategischem Gewicht, weil lokale Entwicklungen für andere Märkte nutzbar werden sollen und nicht auf den chinesischen Vertrieb begrenzt bleiben.
Shandongs Industrieumfeld ist für die Skalierung wichtiger als Symbolpolitik
Die Wahl der Provinz ist vor allem industriell begründet. Bayer verweist auf eine vorhandene pharmazeutische Produktionsbasis, kurze Wege zu Prüfinstitutionen und ein politisches Umfeld, das Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschung unterstützt. Jewim Pharmaceutical soll dabei nicht nur als Auftragsfertiger auftreten, sondern auch an Entwicklung, Qualitätsmanagement und Produktionsüberführung beteiligt sein. Der Standort Shandong ist deshalb weniger ein klassisches Forschungszentrum als eine Plattform, die marktfähige Prozesse aus gemeinsamen Projekten machen soll.
Für Bayer liegt der Vorteil in einer enger verzahnten Wertschöpfungskette. Ein Wirkstoff oder eine Formulierung kann wirtschaftlich erst dann relevant werden, wenn Zulassungsanforderungen erfüllt, Produktionsverfahren reproduzierbar und Liefermengen planbar sind. Gerade diese sogenannte letzte Meile zwischen Laborergebnis und Serienfertigung verursacht in der Pharma- und Gesundheitsindustrie häufig Verzögerungen. Das neue Zentrum soll diese Übergänge institutionalisieren, ohne dass Bayer sämtliche Kompetenzen selbst aufbauen muss.
Der Ausbau erhöht Chancen, aber auch den Steuerungsbedarf
Langfristig könnte das Netzwerk Bayer einen schnelleren Zugang zu Produktideen verschaffen, die aus regionalen Konsumgewohnheiten und medizinischen Bedürfnissen entstehen. Self-Care-Lösungen aus China sollen dabei nicht unverändert exportiert, sondern für unterschiedliche Märkte angepasst werden. Das verlangt belastbare klinische und regulatorische Nachweise, aber auch ein Verständnis dafür, dass Vertriebswege und Erwartungen an Gesundheitsprodukte regional stark variieren. Der wirtschaftliche Erfolg hängt deshalb weniger von der Zahl der Partnerschaften ab als von der Fähigkeit, gemeinsame Standards durchzusetzen.
Bayer Consumer Health kündigt an, weitere Hochschulen, Forschungsorganisationen und Industriepartner in das Modell einzubinden. Damit wächst zugleich die Aufgabe, geistiges Eigentum, Datennutzung und Qualitätskontrolle über mehrere Organisationen hinweg zu steuern. Open Innovation China kann die Entwicklung beschleunigen, wenn die Plattform tatsächlich verbindliche Abläufe schafft und nicht nur lose Einzelprojekte zusammenfasst. Für den Konzern wird Shandong damit zu einem Test, ob lokale Innovationsnetzwerke dauerhaft in eine globale Produktstrategie integriert werden können.


