Der Chemie- und Agrarkonzern Bayer hat in der Europäischen Union einen Zulassungsantrag für ein neues Unkrautbekämpfungsmittel gestellt. Icafolin basiert auf einem Wirkprinzip, das nach Unternehmensangaben seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr auf den Markt gekommen ist. Die Einführung ist zunächst in Brasilien geplant – ein wichtiger Markt für den globalen Sojaanbau.
Der Schritt unterstreicht die wirtschaftliche Bedeutung von Pflanzenschutzmitteln für die Agrarbranche, die weltweit vor steigenden Produktionskosten, dem Druck zur Reduktion chemischer Mittel und zunehmenden Ernteausfällen durch resistente Unkräuter steht. Für Konzerne wie Bayer bleibt das Geschäft mit Agrarchemikalien zentral, auch weil der wachsende Bedarf an Nahrungsmitteln Innovationen in Saatgut, Dünger und Pflanzenschutz befeuert.
Bayer treibt Zulassung für neues Herbizid Icafolin in wichtigen Agrarmärkten voran
Der Konzern Bayer hat in der EU einen Zulassungsantrag für das Herbizid Icafolin eingereicht. Der Wirkstoff soll Landwirten weltweit beim Umgang mit zunehmenden Unkrautresistenzen helfen und gilt als erste neue Wirkstoffklasse für die nachlaufende Unkrautbekämpfung in Ackerkulturen seit über drei Jahrzehnten. Nach Anträgen in Brasilien, den USA und Kanada wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Icafolin ab dem Ende des Jahrzehnts auf den Markt kommt.
Bedeutung für Landwirtschaft und Agrarwirtschaft
Die wachsende Verbreitung resistenter Unkräuter stellt landwirtschaftliche Betriebe weltweit vor große wirtschaftliche Risiken. Werden Nutzpflanzen von widerstandsfähigen Wildkräutern verdrängt, können Ernteerträge sinken und Produktionskosten steigen. Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Regierungen suchen daher verstärkt nach Pflanzenschutzlösungen, die sowohl wirksam als auch umweltverträglich sind.
Bayer positioniert Icafolin als Baustein in einer moderneren Form des Pflanzenschutzes, bei dem weniger Wirkstoff ausgebracht werden soll und sich digitale Entscheidungsunterstützungssysteme mit neuen chemischen Wirkmechanismen kombinieren lassen.
Das Vorhaben: Wirkmechanismus und Einsatzgebiete
Icafolin gehört zu einer neuen chemischen Klasse. Landwirte sollen den Wirkstoff nach dem Auflaufen der Kulturpflanzen einsetzen können, also dann, wenn Unkraut bereits sichtbar auf dem Feld steht. Laut Bayer sorge der Wirkstoff dafür, dass behandelte Unkräuter quasi „einfrieren“ und ihre Konkurrenz um Wasser, Nährstoffe und Licht einstellen. Die Pflanzen sollen auf dem Feld verbleiben und als Mulchschicht Bodenerosion verringern und Feuchtigkeit speichern.
Vorgesehen ist der Einsatz in zahlreichen Kulturen, darunter Soja, Getreide, Hülsenfrüchte, Raps, Weinbau, Obstbau und Nussanbau. Mit der Markteinführung rechnet das Unternehmen zunächst in Brasilien im Jahr 2028, gefolgt von Nordamerika, der EU und weiteren Regionen.
Beteiligte Technologieansätze und Entwicklungsmodell
Icafolin ist das erste Produkt, das auf dem Forschungsansatz CropKey basiert. Statt wie in früheren Entwicklungsprozessen Millionen potentieller Moleküle zu testen, sollen Wissenschaftler Wirkstoffe gezielt entwerfen, die bestimmte Proteine in Unkräutern blockieren. Dieser Ansatz nutzt unter anderem Datenanalyse und KI-gestützte Modellierungen, um Entwicklungsrisiken zu reduzieren und Zulassungsverfahren zu beschleunigen.
Nach Angaben der Forschungsabteilung habe das interne Betriebsmodell DSO dazu beigetragen, die Anträge früher als geplant einzureichen.
Mögliche Anwendungsfelder und Folgen für Betriebe
Die potenziellen Einsatzszenarien reichen von großflächigem Ackerbau bis zum Obst- und Weinbau. Eine gezielte Anwendung und geringere Dosierungen könnten nicht nur Betriebskosten senken, sondern auch zu einer geringeren Bodenbearbeitung führen – ein wichtiger Bestandteil regenerativer Landwirtschaft.
Insbesondere in Regionen mit hoher Erosionsgefahr könnte Icafolin dazu beitragen, Böden langfristig fruchtbarer zu halten. Das Mittel ergänzt laut Bayer andere Herbizide wie Glyphosat, was für Agrarbetriebe relevant sein kann, die Resistenzen in ihren Beständen beobachten.
Stimmen aus dem Unternehmen
Mike Graham, Leiter Forschung und Entwicklung der Crop-Science-Sparte, betonte laut Mitteilung die Bedeutung neuer Lösungen im Kampf gegen resistente Unkräuter. Wörtlich erklärte er: „Unkräuter bedrohen die Ernährungssicherheit und den Lebensunterhalt von Landwirten.“
Rachel Rama, verantwortlich für den Bereich Small Molecules, verwies auf die Rolle datenbasierter Entwicklungsmethoden. Sie sagte, die Kombination aus gezieltem Moleküldesign und künstlicher Intelligenz beschleunige den Weg vom Labor bis auf die Felder der Landwirte.
Politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Neue Pflanzenschutzmittel werden in Europa besonders gründlich geprüft. Regulatorische Vorgaben sollen sicherstellen, dass Produkte Mensch, Tier und Umwelt nicht schädigen. Zugleich wächst der Druck, widerstandsfähigere Ernten zu ermöglichen, denn Wetterextreme, geopolitische Spannungen und steigende Produktionskosten wirken inzwischen weltweit auf Agrarmärkte.
Vor diesem Hintergrund versuchen Unternehmen, Innovationen mit Nachhaltigkeitsanforderungen zu kombinieren, während Verbraucher- und Umweltverbände auf strenge Prüfung pochen.
Offene Fragen und Risiken
Noch ist unklar, wie sich Icafolin in großflächigen Anwendungen und unter unterschiedlichen klimatischen Bedingungen bewähren wird. Auch mögliche Wechselwirkungen mit anderen Pflanzenschutzmitteln und ökologische Effekte über mehrere Vegetationsperioden hinweg müssen untersucht werden. Zudem ist nicht absehbar, ob sich langfristig erneut Resistenzen gegen den neuen Wirkmechanismus entwickeln.
Ausblick
Gelingt die Zulassung in den wichtigsten Agrarmärkten, könnte Icafolin zu einem relevanten Marktprodukt im Pflanzenschutz werden. Die Entwicklung deutet auf einen Trend zu stärker wissenschaftlich modellierten Ansätzen und darauf, dass chemischer Pflanzenschutz sich künftig stärker mit digitaler Steuerung, Präzisionslandwirtschaft und ökologischen Anforderungen verzahnt.
Quellenhinweis:
Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von Bayer, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.


