Bertelsmann Nachhaltigkeitsbericht zeigt Fortschritte und offene Baustellen beim Klimaschutz

Bertelsmann hat im Nachhaltigkeitsbericht neue Zahlen zu seinen Klimaaktivitäten vorgelegt. Die Bertelsmann Klimabilanz zeigt seit 2018 deutliche Fortschritte, zugleich lagen die Emissionen 2025 wieder leicht über dem Vorjahr.

Der Medien-, Dienstleistungs- und Bildungskonzern meldet für 2025 Treibhausgasemissionen von 2,66 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten. Gegenüber dem Basisjahr 2018 entspricht das einem Rückgang um 929.000 Tonnen, also rund 30 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Emissionen jedoch um 70.000 Tonnen. Die Zahlen zeigen, dass Dekarbonisierung in einem breit aufgestellten Konzern kein linearer Prozess ist, sondern von Geschäftsstruktur, Energieverbrauch, Lieferketten und Produktionsvolumen abhängt.

Das Klimaziel 2030 sieht vor, die Treibhausgasemissionen gegenüber 2018 bis Ende des Jahrzehnts zu halbieren. Nach Unternehmensangaben wurde dieses Ziel erneut von der Science Based Targets initiative validiert. Für die Bewertung bleibt entscheidend, wie stark künftige Reduktionen aus operativen Veränderungen stammen und nicht nur aus Portfolioeffekten, Methodenanpassungen oder externen Stromzertifikaten.

Klimaschutz entscheidet sich an energieintensiven Standorten

Die größten Emissionsanteile entfallen laut Bericht auf Penguin Random House, Bertelsmann Marketing Services, die Arvato Group und die RTL Group. Damit rücken sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle in den Mittelpunkt: Buchproduktion und Papierverbrauch, Druck- und Marketingdienstleistungen, internationale Logistik sowie Film- und Fernsehproduktionen. Klimaschutz in der Medienbranche wird deshalb nicht nur in Redaktionen, Studios oder Streamingplattformen entschieden, sondern auch in Lagerhallen, Druckereien und Rechenzentren.

An den eigenen Standorten setzt Bertelsmann auf Ökostrom, Photovoltaik, Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und effizientere Technologien. Der Konzern gibt an, inzwischen 97 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken. Bei der Papierbeschaffung stammten 89 Prozent aus zertifizierter Forstwirtschaft oder Recyclingfasern. Solche Kennzahlen sind wichtig, weil Papier, Energie und Transport in mehreren Geschäftsbereichen zentrale Klimafaktoren bleiben.

Besonders sichtbar wird der Zielkonflikt bei Arvato. Die Digitalisierung von Logistikprozessen kann Papier, Material und Verwaltungsaufwand reduzieren. Gleichzeitig steigt durch Automatisierung, Lagertechnik und datengetriebene Prozesse der Strombedarf. Wenn Bertelsmann Treibhausgasemissionen senken will, müssen Effizienzgewinne schneller wirken als zusätzliche Nachfrage nach Energie und Rechenleistung.

Der größte Teil der Aufgabe liegt außerhalb der direkten Konzernkontrolle

In der Klimabilanz unterscheidet Bertelsmann zwischen direkten Emissionen aus eigenen Anlagen und Fahrzeugen, indirekten Emissionen aus eingekaufter Energie sowie weiteren Emissionen entlang der Wertschöpfungskette. Diese Kategorien werden häufig Scope 1, Scope 2 und Scope 3 genannt. Für Laien ist die Unterscheidung wichtig, weil sie zeigt, worauf ein Unternehmen unmittelbar Einfluss hat und wo es auf Lieferanten, Dienstleister und Kunden angewiesen ist.

Scope 3 gilt als besonders schwer zu steuern. Dazu zählen etwa Herstellung und Transport eingekaufter Materialien, Geschäftsreisen, Produktionsreisen oder Zulieferleistungen. Bei Bertelsmann betrifft das ganze Produktions- und Distributionssysteme: Bücher müssen gedruckt und transportiert werden, TV-Formate benötigen Technik, Reisen und Kulissen, Logistikstandorte arbeiten mit externen Partnern und großen Warenströmen. Das Klimaziel 2030 wird deshalb vor allem an der Lieferkette gemessen werden.

Nach Angaben des Unternehmens wurden methodische Änderungen in der Treibhausgasbilanzierung sowie Portfolioanpassungen rückwirkend auf das Basisjahr 2018 angewendet. Das ist für die Vergleichbarkeit plausibel, macht die Bewertung aber anspruchsvoller. Investoren, Geschäftspartner und Öffentlichkeit werden nicht nur auf die prozentuale Reduktion schauen, sondern auch darauf, wie transparent die Berechnung bleibt.

Digitale Geschäftsmodelle verschärfen den Zielkonflikt

Bertelsmann steht beispielhaft für ein Problem vieler Medien- und Dienstleistungskonzerne. Digitalisierung kann Emissionen reduzieren, wenn Papierdokumente ersetzt, Transporte besser geplant oder Produktionsabläufe effizienter gesteuert werden. Zugleich erzeugen Streaming, künstliche Intelligenz, datenintensive Geschäftsmodelle und Rechenzentren neue Energiebedarfe. Der Konzern beschreibt Digitalisierung daher nicht nur als Klimachance, sondern auch als zusätzliche Herausforderung.

Bei RTL gewinnen nachhaltigere Film- und Fernsehproduktionen an Bedeutung. Standards wie Green Shooting oder vergleichbare Zertifizierungen sollen helfen, Energieverbrauch, Reisen, Materialeinsatz und Abfall systematischer zu erfassen. Das ist ein Fortschritt, weil audiovisuelle Produktionen lange schwer vergleichbar waren. Offen bleibt jedoch, wie stark solche Standards in der Breite wirken, wenn Produktionsvolumen, technische Anforderungen und digitale Verwertung weiter steigen.

Auch Penguin Random House zeigt, dass Klimaschutz im Mediengeschäft häufig in klassischen Industriefragen beginnt. Papier, Druck, Lagerung und Transport bleiben wesentliche Faktoren, selbst wenn Vertrieb und Vermarktung digitaler werden. Eigene Solaranlagen, etwa am Standort Crawfordsville im US-Bundesstaat Indiana, können einzelne Standorte entlasten. Für die Gesamtbilanz ist entscheidend, ob solche Maßnahmen skaliert werden und in emissionsstarken Geschäftsbereichen strukturell greifen.

Die Bertelsmann Klimabilanz setzt den Konzern unter Zugzwang

Die Bertelsmann Klimabilanz enthält zwei Botschaften zugleich. Einerseits hat der Konzern seit 2018 spürbare Fortschritte erzielt und seine Klimadaten stärker systematisiert. Andererseits zeigt der Anstieg gegenüber dem Vorjahr, wie anfällig Fortschritte bleiben, wenn Energiebedarf, digitale Nutzung und globale Lieferketten wachsen. Genau hier entscheidet sich, ob aus einzelnen Programmen ein belastbarer Transformationspfad wird.

Für das Klimaziel 2030 bleiben die nächsten Jahre entscheidend. Bertelsmann muss Treibhausgasemissionen senken, ohne die eigenen digitalen und logistischen Geschäftsmodelle auszubremsen. Das wird nur gelingen, wenn erneuerbare Energien, Effizienzmaßnahmen, Lieferantenmanagement und Produktionsstandards zusammenwirken. Für die Branche zeigt der Fall, dass Klimaschutz in Medienunternehmen längst nicht mehr nur eine Frage nachhaltiger Inhalte ist, sondern eine industrielle Aufgabe entlang von Energie, Material, Daten und Transport.

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