Bosch Qualcomm Partnerschaft rückt ADAS-Lösungen ins Zentrum

Bosch und Qualcomm vertiefen ihre Zusammenarbeit in einem Bereich, der für die Autoindustrie zunehmend strategisch wird. Nach mehr als zehn Millionen ausgelieferten Cockpit-Computern auf Basis der Snapdragon Cockpit-Plattformen wollen beide Unternehmen nun stärker bei Fahrerassistenzsystemen zusammenarbeiten. Damit verschiebt sich der Fokus von digitalen Bedienoberflächen im Innenraum hin zu zentralen Rechensystemen, die Komfort, Sicherheit und automatisierte Fahrfunktionen verbinden sollen.

Bosch und Qualcomm haben mit ihrer bisherigen Kooperation bereits eine Größenordnung erreicht, die über ein einzelnes Modellprogramm hinausweist. Seit dem Start der Auslieferungen im Jahr 2021 habe Bosch nach Unternehmensangaben mehr als zehn Millionen Fahrzeugcomputer für den weltweiten Automobilmarkt entwickelt und ausgeliefert. Die Systeme basieren auf Snapdragon Cockpit-Plattformen von Qualcomm und werden in Fahrzeugen unterschiedlicher Preisklassen eingesetzt, vom Einstiegssegment bis zur Premiumklasse. Die nun angekündigte Erweiterung der Bosch Qualcomm Partnerschaft zeigt, dass sich der Wettbewerb im Auto nicht mehr allein über Motor, Karosserie oder klassische Zulieferteile entscheidet, sondern zunehmend über Rechenleistung, Softwareintegration und die Fähigkeit, neue Funktionen industriell zuverlässig in große Stückzahlen zu bringen.

Für Bosch ist der Schritt auch deshalb relevant, weil der Konzern sich im Wandel zur softwareorientierten Mobilität neu positionieren muss. Der Stuttgarter Zulieferer liefert nicht nur einzelne Komponenten, sondern will stärker als Integrator auftreten, der Hardware, Software, Sicherheitsanforderungen und Fahrzeugarchitektur zusammenführt. Qualcomm wiederum bringt Rechenplattformen ein, die ursprünglich aus der Chip- und Kommunikationstechnik kommen und im Auto inzwischen für Displays, Sprachassistenz, Infotainment und Fahrerassistenz genutzt werden. Aus Sicht der Branche entsteht hier ein Modell, das für viele Hersteller attraktiv sein kann, weil sie komplexe Funktionen schneller über skalierbare Plattformen in verschiedene Baureihen bringen wollen.

Fahrerassistenz wird zum Testfeld für bezahlbare Hochleistungsrechner

Die neue Zusammenarbeit konzentriert sich auf ADAS-Lösungen, also auf Systeme, die Fahrer beim Abstandhalten, Spurführen, Einparken oder teilautomatisierten Fahren unterstützen. Solche Funktionen sind technisch anspruchsvoll, weil sie Daten aus Kameras, Radar, Ultraschall oder anderen Sensoren verarbeiten und daraus ein möglichst präzises Bild der Fahrzeugumgebung ableiten müssen. Für Laien lässt sich der Unterschied zu älteren Assistenzsystemen so beschreiben: Statt vieler einzelner Steuergeräte, die jeweils eine begrenzte Aufgabe erfüllen, sollen leistungsfähige Fahrzeugcomputer mehrere Funktionen zugleich koordinieren und laufend mit Software erweitert werden können.

Bosch setzt dafür auf eine ADAS-Integrationsplattform, die als modularer Fahrzeugcomputer ausgelegt ist. Sie soll hohe Datenmengen verarbeiten, verschiedene Sensordaten zusammenführen und Sicherheitsstandards erfüllen, die im Auto besonders streng sind. Qualcomm steuert mit Snapdragon Ride die Rechenbasis bei, auf der solche Anwendungen laufen können. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Funktion als die Skalierbarkeit. Ein Hersteller kann ähnliche technische Grundlagen für einfache Level-2-Funktionen wie Abstandstempomat und Spurhalteassistent nutzen, später aber leistungsfähigere Varianten für komplexere automatisierte Fahrfunktionen anbieten. Erste Fahrzeuge aus den neu gewonnenen Programmen sollen nach Angaben der Unternehmen 2028 auf die Straße kommen.

Zentralisierte Fahrzeugarchitekturen verändern die Machtbalance im Auto

Die strategische Bedeutung der Kooperation liegt vor allem in der Entwicklung hin zu zentralisierten Fahrzeugarchitekturen. Moderne Autos enthalten heute noch viele Steuergeräte, die historisch für einzelne Funktionen entwickelt wurden. Dieses Modell stößt an Grenzen, weil neue Softwarefunktionen, schnellere Updates und höhere Sicherheitsanforderungen schwerer zu koordinieren sind, wenn die Rechenleistung über zahlreiche Einzelmodule verteilt ist. Softwaredefinierte Fahrzeuge folgen deshalb einer anderen Logik: Wenige leistungsstarke Rechner übernehmen Aufgaben, die früher auf viele kleine Steuergeräte verteilt waren.

Für Automobilhersteller kann das Kosten senken und Entwicklungszeiten verkürzen, es verändert aber auch die Lieferkette. Wer zentrale Rechner liefert, sitzt näher an den künftigen Kernfunktionen des Fahrzeugs als ein klassischer Komponentenlieferant. Bosch versucht, diese Rolle mit Systemintegration und Sicherheitskompetenz zu besetzen. Qualcomm wiederum erweitert seine Präsenz im Auto über Infotainment hinaus in Bereiche, die direkter mit Fahrdynamik, Sicherheit und automatisierten Funktionen verbunden sind. Die Bosch Qualcomm Partnerschaft ist deshalb auch ein Beispiel dafür, wie sich Halbleiterunternehmen und traditionelle Zulieferer gegenseitig brauchen: Der eine liefert Rechenplattformen, der andere muss sie automobiltauglich in Serienfahrzeuge überführen.

Besonders relevant ist dabei die Möglichkeit, Cockpit- und Assistenzfunktionen auf einer gemeinsamen Plattform zu bündeln. Snapdragon Ride Flex soll Anwendungen mit unterschiedlichen Sicherheitsanforderungen auf einem System-on-Chip ermöglichen. Ein solcher Chip kann Infotainment, Anzeige- und Assistenzfunktionen zwar nicht beliebig vermischen, er kann sie aber in einer gemeinsamen technischen Architektur getrennt und sicherheitszertifizierbar abbilden. Für Hersteller kann das weniger Bauteile, geringeren Stromverbrauch und niedrigere Systemkosten bedeuten. Zugleich wächst die Abhängigkeit von wenigen zentralen Plattformen, was in der Industrie immer auch Fragen nach Verfügbarkeit, Austauschbarkeit und langfristiger Softwarepflege aufwirft.

Der Erfolg im Cockpit liefert die industrielle Grundlage für den nächsten Schritt

Der Meilenstein von zehn Millionen Cockpit-Computern ist mehr als eine Produktionszahl. Er zeigt, dass Bosch und Qualcomm ihre Technik bereits in großem Maßstab in Serienfahrzeuge gebracht haben. Gerade in der Autoindustrie ist diese Fähigkeit entscheidend, weil neue digitale Funktionen nicht nur auf Messen oder in Oberklassemodellen funktionieren müssen, sondern über Jahre hinweg zuverlässig, sicher und kosteneffizient in verschiedenen Märkten eingesetzt werden sollen. Die Snapdragon Cockpit-Plattformen bilden dabei die Rechenbasis für digitale Anzeigen, Kamerasignale, Sprachassistenz, Navigation und personalisierte Bedienoberflächen.

Das digitale Cockpit ist für Hersteller zu einem wichtigen Differenzierungsmerkmal geworden. Große Displays, schnelle Reaktionszeiten, vernetzte Dienste und KI-gestützte Sprachfunktionen prägen zunehmend den Eindruck, den Fahrer von einem Fahrzeug gewinnen. Zugleich dürfen solche Systeme nicht zu teuer werden, wenn sie in Volumenmodellen eingesetzt werden sollen. Die bisherige Zusammenarbeit zeigt nach Darstellung der Unternehmen, dass sich eine Plattformstrategie über unterschiedliche Fahrzeugsegmente hinweg skalieren lässt. Für softwaredefinierte Fahrzeuge ist genau diese Übertragbarkeit zentral, weil Funktionen nicht mehr für jedes Modell vollständig neu entwickelt werden sollen.

Allerdings bleibt die technische und wirtschaftliche Herausforderung erheblich. Cockpit-Systeme müssen zwar zuverlässig sein, Fahrerassistenz greift aber deutlich näher in sicherheitskritische Vorgänge ein. Deshalb gelten bei ADAS-Lösungen andere Anforderungen an Redundanz, Absicherung und Validierung. Bosch und Qualcomm sprechen von Systemen bis hin zu ASIL-D, der höchsten Einstufung für funktionale Sicherheit im Automobilbereich. Für die breite Einführung solcher Technik wird entscheidend sein, ob sich hohe Sicherheitsanforderungen mit bezahlbaren Plattformkosten verbinden lassen. Nur dann könnten Funktionen wie freihändiges Fahren auf freigegebenen Strecken oder intelligente Einparkhilfen schrittweise aus der Oberklasse in größere Fahrzeugsegmente wandern.

Ostasien wird zum frühen Markt für die nächste Fahrzeuggeneration

Auffällig ist, dass die neuen ADAS-Programme nach Angaben der Unternehmen bereits Kunden im ostasiatischen Markt gewonnen haben. Das ist kein Zufall. In Ostasien, besonders in China und angrenzenden Automobilmärkten, ist der Wettbewerb um digitale Fahrzeugfunktionen besonders intensiv. Hersteller bringen dort neue Modelle in kurzen Zyklen auf den Markt, und Käufer erwarten zunehmend große Displays, vernetzte Dienste und fortgeschrittene Assistenzsysteme. Für Zulieferer entsteht dadurch ein Testfeld, in dem sich Plattformen schnell bewähren müssen.

Für europäische Anbieter wie Bosch hat diese Entwicklung zwei Seiten. Einerseits eröffnet sie Wachstumsmöglichkeiten in Märkten, die bei Elektromobilität, digitalem Cockpit und automatisierten Funktionen hohes Tempo vorlegen. Andererseits erhöht sie den Druck, bei Software, Halbleitern und Systemintegration nicht hinter neue Wettbewerber zurückzufallen. Die Zusammenarbeit mit Qualcomm kann Bosch helfen, schneller auf Rechenplattformen zuzugreifen, die für verschiedene Hersteller und Regionen angepasst werden können. Qualcomm wiederum profitiert davon, dass Bosch über langjährige Beziehungen zu Autobauern und Erfahrung mit Sicherheitsfreigaben verfügt.

Langfristig dürfte sich die Bedeutung solcher Kooperationen noch erhöhen. Fahrzeuge werden stärker über Softwarefunktionen aktualisiert, während zentrale Rechner zu einer Art technischer Grundstruktur werden. Damit verschiebt sich Wertschöpfung von mechanischen Komponenten hin zu Plattformen, Chips, Betriebssystemen und Integrationsleistungen. Für Autofahrer kann das mehr Assistenz und Komfort bedeuten, für Hersteller aber auch höhere Komplexität in der Absicherung und größere strategische Abhängigkeit von Technologiepartnern. Die angekündigten Fahrzeuge ab 2028 werden deshalb nicht nur neue Funktionen zeigen, sondern auch, ob sich die Versprechen zentralisierter Rechenarchitekturen im industriellen Maßstab einlösen lassen.

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