Continental und Renault entwickeln Reifen für mehr Reichweite

Continental und Renault wollen die Effizienz künftiger Elektroautos nicht allein über Batterien und Antriebe verbessern. Ein neu abgestimmter Reifen mit geringem Rollwiderstand soll bei 500 Kilometern Batteriereichweite nach Unternehmensangaben bis zu 30 zusätzliche Kilometer ermöglichen. Das Projekt zeigt, wie stark die Reifenentwicklung in Europa inzwischen in die Gesamtarchitektur von Elektrofahrzeugen einbezogen wird.

Ausgangspunkt ist der Continental EcoContact 7, dessen Gummimischung, Seitenwand und Konstruktion für Anforderungen der Renault Group angepasst wurden. Der Rollwiderstand soll bis zu 35 Prozent unter dem Wert liegen, der für die Bestnote A des EU-Reifenlabels nötig ist. Die beiden Partner leiten daraus einen möglichen Reichweitengewinn von rund sechs Prozent ab, sofern ein Fahrzeug unter vergleichbaren Bedingungen 500 Kilometer schafft. Für die Reichweite von Elektroautos ist das relevant, weil jeder vermiedene Energieverlust entweder zusätzliche Kilometer erlaubt oder Spielraum für kleinere Batterien schafft.

Der Effizienzgewinn ist relevant, aber kleiner als die Prozentzahl vermuten lässt

Die Angabe von 35 Prozent bezieht sich nicht auf den gesamten Stromverbrauch des Fahrzeugs, sondern auf den Abstand zum Grenzwert der besten Reifenlabel-Klasse. Sie bedeutet daher weder 35 Prozent mehr Reichweite noch einen ebenso starken Rückgang des Energiebedarfs. Die genannten 30 Kilometer bleiben zudem ein rechnerisches Beispiel des Herstellers, dessen Übertragbarkeit von Fahrzeuggewicht, Temperatur, Geschwindigkeit und Fahrprofil abhängt. Dennoch ist der Ansatz wirtschaftlich interessant, weil Effizienzverbesserungen an vielen einzelnen Komponenten in der Summe über Batteriekosten, Ladehäufigkeit und Alltagstauglichkeit entscheiden.

Nach Angaben von Continental entfallen bei Autos unabhängig von der Antriebsart etwa 20 bis 30 Prozent des Energieverbrauchs auf den Rollwiderstand. Reifen verformen sich beim Abrollen, wobei ein Teil der eingesetzten Energie als Wärme verloren geht. Ein Reifen mit geringem Rollwiderstand begrenzt diesen Verlust, muss aber zugleich genügend Haftung beim Bremsen und in Kurven bieten. Genau in diesem Zielkonflikt liegt die eigentliche Entwicklungsleistung, denn geringere Reibungsverluste dürfen nicht zulasten von Sicherheit, Verschleiß oder Fahrverhalten gehen.

Der Reifen wird zum Teil des Energiemanagements

Bei Elektroautos rückt der Reifen stärker in den Mittelpunkt, weil Effizienz unmittelbar in verfügbare Fahrstrecke übersetzt wird. Hersteller können zusätzliche Reichweite zwar über größere Batterien erzielen, doch das erhöht Gewicht, Materialeinsatz und in der Regel auch die Kosten. Verbesserungen an Reifen, Aerodynamik, Software und Antrieb gelten deshalb als ergänzende Hebel, um denselben Energiespeicher besser zu nutzen. Die Reichweite von Elektroautos wird damit zunehmend zu einer Systemfrage und nicht nur zu einem Wettbewerb um möglichst große Batteriekapazitäten.

Für Zulieferer eröffnet diese Entwicklung neue Möglichkeiten, ihre Produkte enger auf einzelne Fahrzeugplattformen zuzuschneiden. Die Zusammenarbeit zeigt zugleich, dass ein Reifen nicht mehr nur nach Größe, Traglast und Komfort ausgewählt wird, sondern Teil der energetischen Abstimmung eines Modells werden kann. Das stärkt die Bedeutung der Erstausrüstung, also jener Reifen, die ein Hersteller bereits für ein neues Fahrzeug freigibt. Für Continental ist die Kooperation damit auch ein Weg, technisches Know-how früher in die Fahrzeugentwicklung einzubringen.

Virtuelle Tests sollen Entwicklungszeit und Materialverbrauch senken

Ein Schwerpunkt des Projekts lag auf Fahrsimulatoren, die Reifeneigenschaften schon vor dem Bau zahlreicher Prototypen bewertbar machen sollen. Continental nutzte dafür ein Driver-in-the-Loop-System, in dem ein realer Fahrer auf ein digital simuliertes Fahrzeug reagiert. Renault ergänzte die Arbeit mit dem eigenen ROADS-Simulator, der wiederholbare Fahrsituationen virtuell abbildet. Solche Verfahren können Varianten schneller vergleichen, sie ersetzen physische Erprobung auf Straße und Testgelände aber nicht vollständig.

Continental beziffert die Einsparung durch virtuelle Reifenentwicklung inzwischen auf bis zu 10.000 Testreifen pro Jahr. Die Zahl stammt vom Unternehmen und lässt sich aus der Mitteilung nicht unabhängig prüfen, verweist aber auf einen klaren industriellen Vorteil. Weniger Prototypen senken Materialverbrauch und Kosten, während Entwicklungszyklen kürzer werden können. Für die Reifenentwicklung in Europa ist das strategisch bedeutsam, weil Hersteller und Zulieferer unter hohem Zeitdruck neue Elektroplattformen zur Serienreife bringen müssen.

Die Partnerschaft verschiebt Wettbewerb in die Zulieferkette

Continental und Renault ordnen das Vorhaben in die Entwicklungsplattform „Garage Futurama“ der Renault Group ein. Damit wird aus einer klassischen Lieferbeziehung eine frühere technische Zusammenarbeit, bei der Fahrzeughersteller und Zulieferer gemeinsame Zielwerte definieren. Solche Partnerschaften können Wettbewerbsvorteile schaffen, wenn Bauteile genauer auf Software, Fahrwerk und Energiemanagement eines Modells abgestimmt werden. Sie erhöhen allerdings auch die gegenseitige Abhängigkeit und machen die Frage wichtiger, ob die erreichten Werte später in Serienfahrzeugen unter Alltagsbedingungen bestätigt werden.

Für die Reifenentwicklung in Europa hat das Projekt deshalb eine Bedeutung, die über 30 zusätzliche Kilometer hinausgeht. Es zeigt, dass Reichweitenfortschritte nicht zwingend aus einem einzelnen Technologiesprung entstehen, sondern aus der koordinierten Optimierung vieler Komponenten. Ob daraus ein messbarer Vorteil im Markt wird, hängt von Serienfreigabe, Kosten, Haltbarkeit und realem Verbrauch ab. Die entscheidende Bewährungsprobe beginnt somit erst, wenn die Technik in Fahrzeugen für Kundinnen und Kunden verfügbar ist.

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