Covestro setzt in Dormagen auf einen Dampfkompressor für weniger Energieverbrauch

Covestro will am Standort Dormagen ein großes Energieeffizienzprojekt umsetzen und damit den Energiebedarf seiner deutschen Produktion spürbar senken. Im Zentrum steht ein neuer Dampfkompressor für die TDI-Produktion, der bislang ungenutzte Wärme besser in industrielle Prozesse zurückführen soll. Für die Chemieindustrie Energieeffizienz ist das Vorhaben mehr als eine technische Einzelmaßnahme, denn es zeigt, wie stark Klimaziele, Energiekosten und Standortpolitik inzwischen miteinander verbunden sind.

Covestro Dormagen wird damit zu einem wichtigen Schauplatz für eine Frage, die viele energieintensive Unternehmen beschäftigt: Wie lassen sich bestehende Anlagen so modernisieren, dass sie weniger Energie verbrauchen, ohne die Produktion grundsätzlich neu aufzubauen. Das Unternehmen beziffert die geplante Einsparung auf rund zwei Prozent seines Energiebedarfs in Deutschland gegenüber 2025. Zugleich sollen jährlich mehr als 40.000 Tonnen CO2 vermieden werden. Die Investition liegt nach Unternehmensangaben im niedrigen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Der Dampfkompressor TDI soll ein Problem adressieren, das in vielen Industrieprozessen auftritt. Bei der Herstellung von TDI entsteht Wasserdampf, der zwar Energie enthält, aber für weitere Produktionsschritte nicht heiß und druckvoll genug ist. Bisher wird ein Teil dieser Wärme als Abwärme abgegeben. Der neue Kompressor soll den Dampf so verdichten, dass Temperatur und Druck steigen und die Energie wieder als Prozesswärme genutzt werden kann.

Die Modernisierung zeigt, wie viel Potenzial in bestehenden Chemieanlagen steckt

Der technische Ansatz ähnelt dem Prinzip einer Wärmepumpe, wird aber im industriellen Maßstab angewendet. Dabei geht es nicht um einen sichtbaren Produktwechsel, sondern um die bessere Nutzung von Energie, die ohnehin im Prozess anfällt. Für Laien lässt sich das Prinzip so beschreiben: Ein Teil der Wärme, der bislang nicht hochwertig genug war, wird auf ein Niveau gebracht, auf dem er erneut in der Produktion eingesetzt werden kann. Genau darin liegt die ökonomische und ökologische Bedeutung des Projekts.

Für die Chemieindustrie Energieeffizienz ist diese Art von Modernisierung besonders relevant, weil viele Anlagen langfristig betrieben werden und hohe Investitionen binden. Neue Werke entstehen nicht beliebig schnell, bestehende Produktionsketten lassen sich jedoch durch gezielte Eingriffe effizienter machen. Covestro verweist darauf, den Energieverbrauch zwischen 2005 und 2022 bereits deutlich gesenkt zu haben. Bis 2030 will das Unternehmen den Energieeinsatz pro Tonne Produkt weiter reduzieren, was den Druck auf weitere Maßnahmen in der Produktion erhöht.

Energieeffizienz wird für Covestro auch zu einer Standortfrage

Die Investition in Covestro Dormagen hat deshalb auch eine industriepolitische Dimension. Energiepreise, CO2-Kosten und regulatorische Anforderungen beeinflussen zunehmend, wie wettbewerbsfähig chemische Standorte in Europa bleiben. Wenn ein Projekt jährlich ein niedriges dreistelliges Gigawattstunden-Volumen einsparen kann, wirkt sich das nicht nur auf die Klimabilanz aus. Es kann auch helfen, laufende Kosten zu begrenzen und die Planungssicherheit eines energieintensiven Standorts zu verbessern.

Covestro stellt das Projekt in den Zusammenhang seiner Strategie für klimaneutrale Produktion. Das Unternehmen will die direkten Emissionen und die Emissionen aus eingekaufter Energie bis 2035 klimaneutral stellen. Langfristig sollen auch die Emissionen entlang der Wertschöpfungskette erfasst und reduziert werden. Der Dampfkompressor TDI ist damit kein isoliertes Effizienzprojekt, sondern Teil eines breiteren Umbaus, bei dem Kreislaufwirtschaft, CO2-Reduktion und Kostenkontrolle zusammenlaufen.

Der Umbau betrifft ein Material, das in vielen Alltagsprodukten steckt

TDI ist eine chemische Komponente, die unter anderem für Weichschaum verwendet wird. Solche Schäume finden sich etwa in Matratzen, Polstermöbeln, Autositzen und anderen Produkten, bei denen Elastizität und Komfort gefragt sind. Für Verbraucher bleibt die Technologie meist unsichtbar, doch für die Lieferketten vieler Branchen ist die stabile Produktion solcher Vorprodukte wichtig. Genau deshalb ist die Modernisierung einer TDI-Anlage wirtschaftlich relevanter, als es ein einzelnes Aggregat zunächst vermuten lässt.

Covestro beliefert nach eigenen Angaben Industrien wie Mobilität, Bauen und Wohnen sowie Elektro und Elektronik. Veränderungen in der Produktionsweise können daher indirekt in mehrere Wertschöpfungsketten hineinwirken. Wenn die Herstellung energieärmer wird, verbessert das zwar nicht automatisch die Klimabilanz jedes Endprodukts. Es kann aber dazu beitragen, dass Vorprodukte aus der chemischen Industrie unter strengeren Klima- und Effizienzanforderungen wettbewerbsfähig bleiben.

Die Inbetriebnahme ab 2027 wird zeigen, wie belastbar der Effizienzpfad ist

Der Baubeginn für das Projekt ist für Ende dieses Jahres geplant. Mitte 2027 soll der neue Kompressor in Betrieb gehen. Erst dann wird sich zeigen, ob die erwarteten Einsparungen im laufenden Betrieb in der angekündigten Größenordnung erreicht werden. Bei Industrieprojekten dieser Art hängt der Erfolg nicht nur von der Technik selbst ab, sondern auch von der Integration in bestehende Anlagen, Auslastung und Prozessstabilität.

Für Covestro ist die Maßnahme dennoch ein Signal an den Standort Dormagen. Nach dem Einbau eines energieeffizienten Reaktors in der TDI-Anlage im vergangenen Jahr folgt nun ein weiteres größeres Modernisierungsvorhaben. Die Botschaft ist klar: Klimaneutrale Produktion soll nicht allein durch neue Energiequellen erreicht werden, sondern auch durch weniger Verbrauch im Bestand. Damit rückt Effizienz wieder stärker in den Mittelpunkt einer Debatte, die lange vor allem von grünem Strom und neuen Rohstoffen geprägt war.

Schreibe einen Kommentar