Covestro Standort Brunsbüttel setzt auf Rondo Heat Battery für industrielle Prozesswärme

Am Industrie- und Chemieort Brunsbüttel startet Covestro mit einem Partner ein Pilotprojekt, das die klimaneutrale Wärmeversorgung in Fabriken voranbringen soll. Kern ist ein thermischer Speicher, der erneuerbaren Strom in Dampf für die Produktion übersetzt. Für die Debatte um bezahlbare Energiewende in der Industrie ist das ein Signal, das über Schleswig-Holstein hinaus gelesen wird.

Covestro und Rondo Energy haben am Covestro Standort Brunsbüttel den Baustart für eine Anlage markiert, die überschüssige erneuerbare Energie zwischenspeichern und später als Prozessdampf verfügbar machen soll. Die Inbetriebnahme sei für Ende 2026 vorgesehen, in der Dimension von 100 MWh. Nach Angaben der Beteiligten könne die Anlage rund zehn Prozent des Dampfbedarfs am Standort abdecken, derzeit werde der Dampf noch mit Erdgas erzeugt.

Finanziell wird das Vorhaben von Breakthrough Energy Catalyst sowie durch eine EIB-Förderung unterstützt. Das ist mehr als ein Förderhinweis in eigener Sache, denn solche Geldgeber setzen üblicherweise auf Projekte, die nicht nur technisch funktionieren, sondern auch als Blaupause taugen könnten. Die erwartete Wirkung wird dabei in einer schlichten Kennzahl greifbar gemacht: Bis zu 13.000 Tonnen CO2 pro Jahr könnten eingespart werden, sofern der Betrieb tatsächlich konsequent mit Strom aus erneuerbaren Quellen erfolgt und die Anlage stabil in den Produktionsalltag integriert wird.

Industrielle Prozesswärme bleibt der blinde Fleck der Klimapolitik

Dass ausgerechnet Dampf im Fokus steht, ist kein Zufall. Industrielle Prozesswärme gilt als eine der härtesten Baustellen der Dekarbonisierung, weil viele Anlagen rund um die Uhr laufen und hohe Temperaturen brauchen, die bisher oft aus Gas oder anderen fossilen Brennstoffen kommen. In dieser Logik wirkt jede Technik attraktiv, die Stromschwankungen aus Wind und Sonne abfedern kann, ohne Produktionsabläufe zu riskieren oder Kosten explodieren zu lassen.

Politisch passt das Projekt in die Erzählung, dass regionale Industriepolitik und Energiewende zusammen gedacht werden müssen. Schleswig-Holsteins Energieminister Tobias Goldschmidt stellte den Spatenstich entsprechend in einen größeren Rahmen und sagte: „Die Energiewende ist das Schleswig-Holstein-Projekt unserer Zeit.“ Hinter dieser Zuspitzung steht die Erwartung, dass der schnelle Ausbau erneuerbarer Erzeugung nur dann volle Wirkung entfaltet, wenn die Industrie verlässlich damit arbeiten kann, also auch an Tagen mit wenig Wind und Sonne und nicht nur in Stunden mit niedrigen Börsenpreisen.

Thermische Speicher sollen Stromüberschüsse in planbare Energie verwandeln

Technisch ist der Ansatz weniger futuristisch, als das Label „Batterie“ vermuten lässt. Im Kern speichert die Anlage elektrische Energie als Wärme und nutzt dafür einen Ziegelstein-Speicher, der aus einem bewährten Prinzip der Schwerindustrie abgeleitet ist. Aus Sicht der Entwickler liegt der Vorteil darin, dass sich Wärme in solchen Materialien vergleichsweise günstig halten lässt und der Speicher anschließend einen konventionellen Kessel speist, der Dampf liefert.

Der Clou ist die Übersetzung von Netzüberfluss in verlässliche Wärmeleistung. Wenn viel Wind- und Solarstrom im System ist, kann die Anlage laden, später soll sie dann gleichmäßigen Hochtemperaturdampf bereitstellen, unabhängig davon, ob gerade günstiger Strom verfügbar ist. Damit rückt das Projekt in eine zweite Debatte: Neben Klimaschutz geht es auch um Netzstabilität und um die Frage, ob Industrieanlagen künftig zu Flexibilitätsankern werden können, statt nur als große Verbraucher im System zu hängen. Entscheidend wird dabei sein, wie gut die Automatisierung die Schnittstelle zwischen Strommarkt, Speicher und Produktionsbetrieb beherrscht.

Covestro testet am Standort, ob der Ansatz skalierbar ist

Für Covestro ist das Vorhaben erkennbar als Erprobung angelegt, nicht als sofortige Standardlösung. Der Konzern will aus den Erfahrungen ableiten, ob sich die Technik in größerem Maßstab einsetzen lässt. Damit wird das Projekt zu einem Lackmustest für eine ganze Klasse von Dekarbonisierungsstrategien, die weniger auf neue Moleküle oder Brennstoffe setzen, sondern auf Elektrifizierung und Speicher, wo immer Prozessanforderungen es zulassen.

Auch industriepolitisch ist der Ausgang relevant. Wenn solche Systeme im Alltag funktionieren, könnten sie die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern schrittweise senken und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Standorte stabilisieren, weil planbare Wärme ein Kosten- und Risikofaktor ist. Scheitert der Ansatz hingegen an Integrationsproblemen, Effizienzverlusten oder an Strompreisen, wäre das eine Erinnerung daran, dass der Umbau der Industrie nicht nur eine Technologiefrage ist, sondern auch an Infrastruktur, Regulierung und Investitionsbedingungen hängt.

Quellenhinweis:

Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von Covestro, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.

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