Covestro und HGK Shipping setzen auf Windassistenz im Seeverkehr

Covestro und HGK Shipping wollen Transporte zwischen europäischen Standorten effizienter und emissionsärmer organisieren. Dafür ist das Küstenmotorschiff „Amadeus Titanium“ seit Ende März mit einem Windassistenzsystem unterwegs, das den klassischen Schiffsantrieb entlasten soll.

Der Druck auf industrielle Lieferketten erreicht zunehmend auch die maritime Logistik. Nicht nur große Reedereien suchen nach Wegen, Treibstoffverbrauch und Emissionen zu senken. Auch im regionalen Güterverkehr gewinnen technische Lösungen an Bedeutung, die sich vergleichsweise schnell in bestehende Flotten integrieren lassen. Covestro und HGK Shipping setzen dabei auf VentoFoils. Das auf der „Amadeus Titanium“ installierte System soll nach Angaben der Unternehmen durchschnittlich rund zehn Prozent Treibstoff einsparen.

Das Schiff transportiert Covestro-Produkte im laufenden Geschäft und soll künftig exklusiv auf europäischen Short-Sea-Routen für den Kunststoffkonzern eingesetzt werden. Die Windassistenz wird damit Teil einer langfristigen Transportpartnerschaft, die wirtschaftliche und klimapolitische Ziele verbinden soll. Für nachhaltige Kurzstreckenseeverkehre ist das ein relevanter Testfall, da sie für Industrieunternehmen eine Alternative zu stark belasteten Straßenkorridoren darstellen.

Windassistenz ergänzt den klassischen Schiffsantrieb

Bei den VentoFoils handelt es sich nicht um Segel im klassischen Sinn. Sie nutzen den Wind aerodynamisch und erzeugen zusätzlichen Vortrieb, während der Hauptmotor weiterläuft. So kann der Kraftstoffbedarf sinken, ohne dass ein Schiff grundlegend neu konstruiert werden muss. Gerade für Bestandsflotten ist das ein Vorteil, weil Reedereien ihre Schiffe nicht kurzfristig ersetzen können und zugleich ihre Emissionen reduzieren müssen.

Das System wurde im niederländischen Harlingen montiert. Im täglichen Betrieb soll sich nun zeigen, ob die erwartete Einsparung auch unter wechselnden Wetter- und Routenbedingungen erreicht wird. Eine Reduktion um rund zehn Prozent wäre wirtschaftlich relevant, da Treibstoff einen erheblichen Teil der Betriebskosten ausmacht. Zugleich würde sie die CO₂-Bilanz industrieller Lieferketten verbessern.

Wolfgang Nowak, Geschäftsführer der Amadeus Schiffahrts- und Speditions GmbH, verweist auf die ökonomischen und ökologischen Vorteile von Wind Assisted Propulsion Systems. Entscheidend bleibt jedoch, ob sich die Technik über einzelne Projekte hinaus als robuste Lösung für größere Flotten etabliert. Erst dann könnte aus einem technologischen Zusatz ein breiter eingesetzter Standard werden.

Kooperation ist bis 2040 angelegt

Covestro und HGK Shipping arbeiten bereits seit Jahren in der Binnenschifffahrt und im Kurzstreckenseeverkehr zusammen. Auf der Branchenmesse „transport logistic“ in München verlängerten beide Unternehmen ihre Kooperation 2025 bis 2040. Die „Amadeus Titanium“ ist damit Teil einer langfristigen Vereinbarung und nicht nur ein zeitlich begrenztes Demonstrationsprojekt.

Für Covestro ist die Zusammenarbeit ein Baustein der eigenen Dekarbonisierungsstrategie. Der Konzern will seine CO₂-Emissionen in der Logistik bis 2035 um 30 Prozent senken. Bis 2050 soll die Logistik klimaneutral organisiert sein. Dafür braucht es eine Kombination aus effizienteren Transportmitteln, optimierten Routen, besserer Auslastung und neuen Antriebstechniken. Die Aufrüstung des regelmäßig eingesetzten Frachtschiffs setzt direkt an einem wiederkehrenden Transportstrom an.

Zugleich verändern sich die Anforderungen an Logistikpartner. Industrieunternehmen erwarten nicht mehr nur Verlässlichkeit und Kostenkontrolle, sondern zunehmend messbare Beiträge zu ihren Klimazielen. Für Covestro und HGK Shipping ist die Windassistenz deshalb sowohl Umweltmaßnahme als auch Wettbewerbsfaktor.

Short-Sea-Routen stärken europäische Lieferketten

Küsten- und Kurzstreckenseeverkehre verbinden Häfen innerhalb Europas und können bei großen Gütermengen eine Alternative zum Lkw darstellen. Für Chemie- und Kunststoffunternehmen, die regelmäßig Vorprodukte und Fertigwaren zwischen Produktions- und Umschlagstandorten bewegen, sind stabile Transportketten strategisch wichtig. Überlastete Straßen, strengere Anforderungen an Emissionsberichte und höhere Sensibilität für Lieferkettenrisiken erhöhen die Bedeutung der Wasserstraße.

Auch die Schifffahrt selbst steht unter Anpassungsdruck. Transporte müssen verlässlicher, effizienter und emissionsärmer werden, ohne Lieferzeiten und Kosten aus dem Blick zu verlieren. Windassistenz ist dabei eine Ergänzung, keine vollständige Lösung. Sie ersetzt fossile Antriebe nicht, kann den Verbrauch aber in einem Segment senken, in dem kurzfristige Alternativen oft begrenzt sind.

Während batterieelektrische oder wasserstoffbasierte Lösungen vielerorts noch an Reichweite, Infrastruktur oder Kosten scheitern, lässt sich Windassistenz in vorhandene Schiffe integrieren. Die Technik greift ein einfaches Prinzip auf und überträgt es als industriell optimierte Zusatztechnologie auf die moderne Frachtschifffahrt.

Technische Modernisierung beginnt im Bestand

Das Projekt fällt in eine Phase, in der Industrieunternehmen ihre Transportemissionen genauer dokumentieren und senken müssen. Klimaziele fließen zunehmend in Einkaufsentscheidungen, Lieferverträge und Investitionsprogramme ein. Unternehmen, die früh funktionierende Lösungen erproben, sammeln Erfahrungen, bevor Standards und Erwartungen weiter steigen.

Für HGK Shipping ist die „Amadeus Titanium“ zugleich ein Signal, dass technische Modernisierung nicht nur bei Neubauten ansetzt. Gerade im europäischen Regionalverkehr mit mittelgroßen Schiffen und spezialisierten Routen könnte dieser Ansatz Nachahmer finden.

Wie breit sich das Modell übertragen lässt, bleibt offen. Die tatsächliche Wirkung hängt von Windverhältnissen, Fahrprofilen, Schiffstypen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Die Installation auf einem regelmäßig eingesetzten Frachtschiff geht dennoch über eine reine Imageentscheidung hinaus. Sie zeigt, dass europäische Short-Sea-Routen zum Testfeld für Effizienztechnologien werden können, während Industrieunternehmen ihre Lieferketten schrittweise emissionsärmer organisieren.

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