Daimler Truck hat sein neues Global Parts Center in Sachsen-Anhalt vollständig in Betrieb genommen. Vom Standort Halberstadt aus steuert der Konzern nun die globale Ersatzteillogistik für Mercedes-Benz-Lkw in mehr als 170 Ländern. Die Entscheidung bündelt einen geschäftskritischen Teil des Kundendienstes an einem einzigen Ort und erhöht damit sowohl die Effizienzchancen als auch die Anforderungen an die Betriebssicherheit.
Das Global Parts Center übernimmt die Rolle eines weltweiten Drehkreuzes, das Teile zunächst an 20 regionale Verteilzentren und von dort an knapp 3.000 Händler weiterleitet. Bis zu 300.000 unterschiedliche Artikel sollen über das Zentrum laufen, von kleinen Verbindungselementen bis zu kompletten Fahrerhäusern. Nach einer stufenweisen Anlaufphase, die im November 2025 mit einer ersten Lieferung nach Spanien begann, wurden im Juni 2026 die letzten Märkte vom bisherigen Standort Germersheim übernommen. Für das Nutzfahrzeuggeschäft ist dieser Umbau besonders relevant, weil fehlende Ersatzteile nicht nur einzelne Kunden treffen, sondern die Verfügbarkeit ganzer Flotten und damit Transportkapazitäten beeinträchtigen können.
Die Zentralisierung macht Halberstadt zum kritischen Knoten der Lieferkette
Rund 2.600 Zulieferer versorgen das Zentrum, dessen regionale Verteilstufen anschließend Händler auf mehreren Kontinenten bedienen. Die globale Ersatzteillogistik wird dadurch übersichtlicher und kann Bestände, Transportplanung und Verfügbarkeit besser aufeinander abstimmen. Zugleich entsteht eine stärkere Abhängigkeit von einem zentralen Knoten, an dem Software, Fördertechnik, Personal und internationale Transporte zuverlässig ineinandergreifen müssen. Dass das Unternehmen nach dem formalen Abschluss der Inbetriebnahme zunächst Prozesse stabilisieren und verbessern will, verweist auf die Risiken eines Systemwechsels dieser Größenordnung.
Die Verlagerung folgt einem verbreiteten Muster in der Industrie, komplexe Warenströme stärker zu bündeln und digital zu steuern. Für Fahrzeughersteller ist der Ersatzteilbereich wirtschaftlich bedeutsam, weil Servicequalität und Ausfallzeiten die langfristige Kundenbindung beeinflussen. Im Lkw-Markt wiegt dieser Faktor besonders schwer, da Werkstattaufenthalte direkt auf die Produktivität von Speditionen, Bauunternehmen oder kommunalen Betrieben durchschlagen. Das Zentrum ist deshalb nicht nur ein Lagerhaus, sondern Teil des Leistungsversprechens, Fahrzeuge möglichst dauerhaft einsatzbereit zu halten.
Automatisierte Lagertechnik soll Tempo und Flächennutzung erhöhen
Auf rund 260.000 Quadratmetern Logistikfläche setzt der Betreiber auf ein automatisiertes Hochregallager, ein robotergestütztes Kleinteilelager und dynamische Lagerhaltung. Dabei haben Teile keine dauerhaft festen Plätze, sondern werden vom System dort eingelagert, wo Kapazität und Zugriffsgeschwindigkeit am besten zusammenpassen. Im AutoStore bewegen 56 Roboter Behälter mit Kleinteilen zu den Beschäftigten, während 21 Regalbediengeräte bis zu 70.000 Gitterboxen verwalten. Diese automatisierte Lagertechnik kann Wege verkürzen und den Durchsatz erhöhen, macht den Betrieb aber stärker von Datenqualität, Wartung und präzise abgestimmten Abläufen abhängig.
Die Größe der Anlage ist Ausdruck einer Strategie, sehr unterschiedliche Teile in einem gemeinsamen System verfügbar zu halten. Das kann die Zahl dezentraler Bestände reduzieren, setzt jedoch voraus, dass Prognosen über Nachfrage und Transportzeiten belastbar sind. Gerade selten benötigte Bauteile müssen auffindbar bleiben, ohne wertvolle Lagerfläche dauerhaft zu blockieren. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht deshalb weniger durch einzelne Roboter als durch das Zusammenspiel aus Bestandssteuerung, schneller Kommissionierung und verlässlichem Versand.
Mit DP World lagert der Konzern einen zentralen Teil des Betriebs aus
Das operative Tagesgeschäft liegt bei DP World, das Wareneingang, Lagerprozesse und Versand im Auftrag von Daimler Truck organisiert. Damit bleibt die Infrastruktur strategisch beim Hersteller, während ein spezialisierter Logistiker wesentliche Abläufe steuert. Solche Modelle können Erfahrung und Skaleneffekte erschließen, schaffen aber auch eine enge gegenseitige Abhängigkeit bei Qualität, Personal und Prozessoptimierung. Für die Region dürfte entscheidend sein, ob der Betrieb dauerhaft qualifizierte Arbeitsplätze schafft und zugleich die hohe Automatisierung wirtschaftlich auslastet.
Der Standort Halberstadt gewinnt damit über die unmittelbare Investition hinaus industriepolitisches Gewicht. Sachsen-Anhalt wird in eine internationale Service- und Warenstruktur eingebunden, deren Reichweite weit über die regionale Produktion hinausgeht. Die verlängerte Busanbindung zeigt zugleich, dass ein Großprojekt dieser Dimension nicht allein aus Hallen und Technik besteht, sondern auch Verkehr, Arbeitskräfte und kommunale Infrastruktur beansprucht. Wie stark die lokale Wertschöpfung ausfällt, hängt langfristig von Beschäftigung, Zulieferbeziehungen und weiteren Ansiedlungen im Umfeld ab.
Das Energiekonzept verbessert die Standortbilanz, ersetzt aber keine Verkehrswende
Mehr als 90 Prozent der Dachflächen sollen mit Photovoltaikmodulen belegt sein, die Anlage ist mit über 22 Megawatt Spitzenleistung geplant. Wärmepumpen, Stromspeicher und Ladepunkte für elektrische Lkw ergänzen das Konzept, überschüssiger Strom soll in das Netz eingespeist werden. Damit verbindet das Global Parts Center großflächige Logistikinfrastruktur mit eigener Energieerzeugung und reduziert den Bedarf an fossilen Energieträgern im Gebäudebetrieb. Die Klimabilanz der gesamten Ersatzteilversorgung bleibt dennoch wesentlich von internationalen Transportwegen, Fahrzeugauslastung und dem Tempo der Elektrifizierung abhängig.
Erste elektrische Pendelverkehre zwischen Halberstadt und dem rund 30 Kilometer entfernten Oschersleben laufen nach Unternehmensangaben bereits seit 2025. Das zeigt, dass die Energieinfrastruktur nicht nur für Gebäude, sondern auch für Teile des Zulieferverkehrs gedacht ist. Für einen weltweiten Versand mit Straßen-, Luft- und Seetransporten reicht ein emissionsarmer Standortbetrieb allein jedoch nicht aus. Die langfristige Wirkung der Investition wird sich daher daran messen lassen, ob die zentrale Struktur neben Kosten und Lieferzeiten auch den Ressourcenverbrauch der gesamten Kette senkt.


