DHL Global Connectedness Report sieht die Globalisierung robuster als viele Debatten vermuten lassen

Die Globalisierung verliert politisch an Rückhalt, wirtschaftlich aber noch nicht an Tragfähigkeit. Genau dieses Spannungsverhältnis beschreibt der neue DHL Global Connectedness Report recht nüchtern: Trotz Zollstreit, Sicherheitsdenken und wachsender Rivalität zwischen den USA und China bleibe die weltweite Vernetzung auf einem historisch hohen Niveau.

Der Befund ist deshalb bemerkenswert, weil die öffentliche Debatte seit Jahren den Eindruck vermittelt, die Weltwirtschaft bewege sich fast zwangsläufig in Richtung Abschottung. Der DHL Global Connectedness Report kommt dagegen zu dem Schluss, dass internationale Ströme von Handel, Kapital, Informationen und Personen deutlich widerstandsfähiger seien, als es die politische Rhetorik vermuten lasse.

Gemessen auf einer Skala, auf der 0 Prozent für eine vollständig abgeschottete und 100 Prozent für eine Welt ohne wirtschaftliche Distanz stünden, habe der Globalisierungsgrad 2025 bei 25 Prozent gelegen. Das entspreche dem Rekordwert von 2022. Gerade diese Zahl relativiert zwei verbreitete Missverständnisse zugleich: Zum einen sei von einem echten Rückzug aus der Weltwirtschaft bislang wenig zu sehen, zum anderen sei die Welt auch heute noch weit von einer vollständig integrierten Ökonomie entfernt. Globalisierung bleibe also real, aber unvollständig.

Für die Einordnung ist das wichtig. Denn die Debatte über Globalisierung Welthandel und geopolitische Risiken wird häufig so geführt, als müsse schon jede neue Sanktion, jeder Zollschritt und jede politische Krise automatisch zu einer umfassenden Entflechtung führen. Der Bericht legt nahe, dass Unternehmen, Investoren und Reisende deutlich träger reagieren. Bestehende Handelswege, eingespielte Geschäftsbeziehungen und gewachsene Absatzmärkte hätten ein hohes Beharrungsvermögen. Gerade für Logistik und Lieferketten ist das ein zentraler Punkt, weil viele industrielle Prozesse auf verlässlichen internationalen Verbindungen beruhen.

Der jüngste Handelsschub erklärt sich auch aus Sondereffekten und dem KI-Boom

Besonders auffällig ist, dass der Warenhandel 2025 laut Bericht kräftiger gewachsen sei als in jedem Jahr seit 2017, sofern man die von der Pandemie verzerrten Ausnahmen ausklammere. Dahinter stehen allerdings nicht nur strukturelle Kräfte. Ein Teil des Wachstums sei offenbar dadurch entstanden, dass US-Importeure Lieferungen vorgezogen hätten, um angekündigten oder erwarteten Zollerhöhungen zuvorzukommen. Solche Vorzieheffekte sagen wenig über langfristige Stärke, aber viel über die Anpassungsfähigkeit internationaler Handelsnetze.

Hinzu komme ein zweiter Treiber, der strategisch schwerer wiegt: der boomende Bedarf an Gütern für KI-Infrastruktur. Laut den im Bericht referierten WTO-Daten sei in den ersten drei Quartalen 2025 ein erheblicher Teil des zusätzlichen globalen Warenhandels auf Produkte mit Bezug zu Künstlicher Intelligenz entfallen. Für Laien lässt sich das vereinfacht so erklären: Wo Rechenzentren, leistungsfähige Chips, Netzwerktechnik und begleitende Hardware gefragt sind, wachsen nicht nur einzelne Technologiemärkte, sondern ganze Lieferketten über Ländergrenzen hinweg. Genau deshalb ist Globalisierung Welthandel derzeit nicht nur eine Frage klassischer Industriegüter, sondern zunehmend auch eine Frage digitaler Infrastruktur.

Der DHL Global Connectedness Report deutet diesen Zusammenhang indirekt als Signal dafür, dass neue technologische Zyklen die internationale Arbeitsteilung eher verlängern als verkürzen könnten. Selbst wenn einzelne Staaten versuchen, kritische Technologien stärker zu kontrollieren, bleibt ihre Herstellung in der Praxis über viele Standorte verteilt. Rohstoffe, Vorprodukte, Montage, Finanzierung und Absatzmärkte liegen selten im selben Land. Das gilt umso mehr für Logistik und Lieferketten, in denen technologische Aufrüstung inzwischen zu einem eigenen Wachstumstreiber geworden ist.

Die Entkopplung zwischen den USA und China bleibt real, aber ihr globales Gewicht ist begrenzt

Am politischen Konflikt zwischen Washington und Peking führt in der Analyse dennoch kein Weg vorbei. Der Bericht beschreibt, dass sich die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder weiter abschwächten. Besonders deutlich werde das beim Handel, dessen Anteil am Welthandel im Laufe eines Jahrzehnts spürbar gesunken sei und 2025 nur noch einen kleinen Teil des gesamten globalen Austauschs ausgemacht habe. Auch grenzüberschreitende Unternehmensinvestitionen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften fielen demnach nur gering ins Gewicht.

Die eigentliche Aussage liegt aber nicht allein im Rückgang dieser Beziehung, sondern in der Größenordnung. Der Konflikt prägt Schlagzeilen, doch für die Struktur der Weltwirtschaft sei er weniger dominierend, als politische Debatten oft nahelegen. Der DHL Global Connectedness Report argumentiert im Kern, dass sich die Welt bislang nicht in zwei klar getrennte Lager zerlege. Viele Länder hielten vielmehr an ihren traditionellen Partnern fest oder suchten zusätzliche Absatzmärkte, ohne sich vollständig einem Block zuzuordnen. Davon profitierten Staaten mit pragmatischer Außenwirtschaft, etwa Indien oder Vietnam, die von Umlenkungen in Logistik und Lieferketten profitieren könnten.

Das ist eine wichtige Korrektur einer allzu einfachen Lagerlogik. Denn wirtschaftliche Beziehungen folgen nicht nur sicherheitspolitischen Bündnissen, sondern auch Kosten, Infrastruktur, Fachkräfteangebot, Regulierung und Marktzugang. Wer die Entwicklung nur als Duell zwischen den USA und China liest, unterschätzt die Rolle jener Staaten, die sich in den globalen Wertschöpfungsnetzen als Ausweich-, Ergänzungs- oder Wachstumsstandorte positionieren. Für Unternehmen heißt das, dass Diversifizierung nicht automatisch Regionalisierung bedeutet. Sie kann ebenso eine breitere, geografisch weiter gestreute Globalisierung Welthandel fördern.

Europa profitiert von seiner Vernetzung, doch Informationsströme geraten unter politischen Druck

In der Länderrangliste führt dem Bericht zufolge erneut Singapur, gefolgt von Luxemburg und den Niederlanden. Auf regionaler Ebene liegt Europa internationale Vernetzung vorn. Dieser Befund passt zu der wirtschaftlichen Struktur des Kontinents. Europa ist durch offene Binnenmärkte, enge Nachbarschaften, dichte Infrastruktur und einen hohen Anteil grenzüberschreitender Geschäfte geprägt. Für exportorientierte Volkswirtschaften ist das kein statistisches Detail, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Wer in einem eng integrierten Raum produziert und verkauft, kann internationale Reichweite mit vergleichsweise stabilen institutionellen Rahmenbedingungen verbinden.

Der Bericht warnt allerdings indirekt davor, diese Stärke mit einer allgemeinen Entwarnung zu verwechseln. Während Waren-, Kapital- und Personenströme vergleichsweise robust erschienen, gerieten Informationsströme stärker unter Druck. In den vergangenen Jahren habe sich das Wachstum bei grenzüberschreitenden Daten- und Informationsflüssen abgeschwächt und volatiler entwickelt. Dahinter könnten geopolitische Spannungen, Digitalregulierung und nationale Beschränkungen von Datenströmen stehen. Gerade für Europa internationale Vernetzung ist das eine heikle Entwicklung, weil die wirtschaftliche Zukunft nicht nur von physischen Gütern, sondern zunehmend von Datenräumen, Plattformen und digitalen Dienstleistungen abhängt.

Zugleich zeigen die Zahlen zu Reisen, Migration und Studentenmobilität, dass der internationale Austausch von Menschen das Pandemietief offenbar vollständig überwunden hat. Auch das ist ökonomisch relevant. Personenströme sind mehr als Tourismus. Sie betreffen Fachkräftemärkte, Hochschulen, Innovationsnetzwerke und Unternehmensstandorte. Insofern stützt Europa internationale Vernetzung nicht nur Handel, sondern auch Wissenstransfer und Investitionen.

Längere Distanzen im Handel sprechen gegen die oft angekündigte Regionalisierung der Weltwirtschaft

Besonders aufschlussreich ist ein Detail, das leicht übersehen wird: Die durchschnittlichen Transportdistanzen im Warenhandel hätten 2025 einen Höchstwert erreicht. Auch bei neuen Greenfield-Investitionen seien die Entfernungen gestiegen. Das widerspricht der seit Jahren beliebten These, Unternehmen würden ihre Produktion in großem Stil näher an Absatzmärkte zurückholen oder konsequent in benachbarte Regionen verlagern. Der DHL Global Connectedness Report liest diese Daten als Hinweis darauf, dass die Weltwirtschaft bislang nicht in Richtung kurzer, regional geschlossener Kreisläufe kippt.

Für Logistik und Lieferketten ist das fast die entscheidende Botschaft. Zwar sprechen Unternehmen häufig über Resilienz, Redundanz und geopolitische Vorsorge. In der Praxis heißt das aber offenbar oft nicht, weniger global zu werden, sondern globaler mit mehr Ausweichoptionen. Lieferketten werden dann nicht unbedingt kürzer, sondern komplexer und breiter aufgestellt. Das erhöht die Anforderungen an Transport, Lagerung, Planung und politische Risikobewertung. Regionalisierung bleibt damit eher ein selektiver Trend in sensiblen Branchen als das Leitbild der gesamten Weltwirtschaft.

Der Bericht formuliert an einer Stelle sehr klar: „Die Risiken für die Globalisierung sind real – gleichzeitig bleiben globale Ströme widerstandsfähig.“ Darin steckt die vielleicht treffendste Zusammenfassung. Der DHL Global Connectedness Report beschreibt keine sorgenfreie Welt, sondern eine Ökonomie, die politischen Schocks bislang besser standhält als erwartet. Bis 2029 soll der Warenhandel laut Prognose im Durchschnitt in etwa so stark wachsen wie im vergangenen Jahrzehnt. Das ist keine Euphorieformel, aber ein Hinweis darauf, dass Globalisierung Welthandel auch unter härteren politischen Bedingungen fortbestehen könnte. Für Unternehmen, Regierungen und Investoren verschiebt sich damit die zentrale Frage: nicht ob internationale Vernetzung verschwindet, sondern unter welchen Regeln, Kosten und Machtverhältnissen sie künftig organisiert wird.

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