Die DHL Group weitet ihre Zusammenarbeit mit IAG Cargo deutlich aus und sichert sich über mehrere Jahre Zugang zu nachhaltigem Flugkraftstoff. Im Luftfrachtmarkt ist die Vereinbarung auch deshalb relevant, weil sie an London Heathrow ansetzt, einem der wichtigsten europäischen Knotenpunkte für internationale Express- und Frachtverbindungen.
Die neue Vereinbarung läuft über fünf Jahre bis 2030 und ergänzt einen bereits 2025 verlängerten Vertrag zwischen den Partnern. Nach Angaben des Logistikkonzerns kann DHL Express dadurch rund 240 Millionen Liter nachhaltigen Flugkraftstoff am Flughafen London Heathrow nutzen. Zugerechnet werden sollen die Emissionsminderungen den Sendungen, die im Netzwerk von IAG Cargo auf Flügen von British Airways transportiert werden.
Für die Luftfracht ist das mehr als eine technische Beschaffungsvereinbarung. Kerosin bleibt einer der größten Hebel bei den Emissionen des Sektors, zugleich sind kurzfristig kaum Alternativen für interkontinentale Lufttransporte verfügbar. Nachhaltiger Flugkraftstoff gilt daher als Übergangstechnologie mit strategischer Bedeutung, weil er in bestehenden Flugzeugen und Infrastrukturen eingesetzt werden kann, ohne den Luftverkehr grundlegend umzubauen.
Nachhaltiger Flugkraftstoff wird für Logistiker zu einer Frage der Planbarkeit
Die DHL Group erhält im Rahmen der Vereinbarung nach eigenen Angaben die Scope-3-Emissionsreduktionen aus rund 40 Millionen Litern reinem Kraftstoff pro Jahr. Zusammen mit der früheren Vertragsverlängerung sollen sich die Lebenszyklusminderungen auf etwa 640.000 Tonnen CO2e summieren. Die Angabe bezieht sich nicht nur auf den direkten Ausstoß beim Fliegen, sondern auf den gesamten Lebenszyklus des Kraftstoffs, also auch auf Herstellung, Verarbeitung und Transport.
Gerade diese Lebenszyklusbetrachtung ist für Unternehmen wichtig, die ihre Lieferketten transparenter machen müssen. Viele Industriekunden stehen unter Druck, transportbedingte Emissionen genauer auszuweisen und glaubwürdige Minderungsoptionen nachzuweisen. Für DHL entsteht damit ein kommerzieller Vorteil, wenn emissionsärmere Luftfracht nicht nur punktuell angeboten werden kann, sondern über Jahre kalkulierbar bleibt.
London Heathrow ist für die Vereinbarung mehr als nur ein Flughafenstandort
Der Bezug am Flughafen London Heathrow zeigt, wie eng Klimastrategie und Netzwerkinfrastruktur in der Luftfracht inzwischen miteinander verbunden sind. Große Drehkreuze entscheiden darüber, ob nachhaltiger Flugkraftstoff in relevanten Mengen in bestehende Transportketten eingebunden werden kann. Für den Luftfrachtmarkt ist das entscheidend, weil einzelne Pilotprojekte wenig bewirken, wenn sie nicht an stark frequentierten Handelsrouten stattfinden.
Das eingesetzte Material soll nach Unternehmensangaben nach ISCC zertifiziert sein und aus Abfall- und Reststoffen wie gebrauchtem Speiseöl stammen. Gegenüber fossilem Kerosin wird eine Lebenszyklusminderung von rund 90 Prozent genannt. Solche Zahlen sind für die Branche attraktiv, ändern aber nichts daran, dass verfügbare Mengen, Kosten und regulatorische Anforderungen weiterhin bestimmen werden, wie schnell sich der Einsatz im größeren Maßstab durchsetzt.
Die Vereinbarung zeigt den Wettbewerb um begrenzte Kraftstoffmengen
Die Zusammenarbeit betrifft nicht allein DHL Express. Eine zusätzliche Rahmenvereinbarung zwischen DHL Global Forwarding und IAG Cargo soll den Zugang innerhalb des Konzerns verbreitern. Nach Darstellung der Unternehmen könnten die gesamten lebenszyklusbasierten Treibhausgasminderungen innerhalb der DHL Group dadurch auf mehr als eine Million Tonnen steigen.
Damit wird sichtbar, dass nachhaltiger Flugkraftstoff zunehmend zu einem strategischen Beschaffungsthema wird. Wer früh langfristige Verträge abschließt, kann Kunden eher belastbare Angebote machen und sich zugleich gegen knappe Verfügbarkeit absichern. Für IAG Cargo wiederum stärkt eine solche Partnerschaft die Rolle als Anbieter, der emissionsärmere Frachtlösungen nicht nur kommunikativ, sondern über konkrete Kraftstoffmengen hinterlegen will.
Die Klimabilanz der Luftfracht hängt an wenigen realistischen Hebeln
DHL verfolgt das Ziel, den Anteil nachhaltiger Kraftstoffe im eigenen Luftverkehr bis 2030 auf 30 Prozent zu erhöhen. Die neue Vereinbarung passt in diese Strategie, weil sie nicht auf eine einzelne Route oder eine symbolische Beimischung beschränkt bleibt. Travis Cobb, Executive Vice President Global Network Operations & Aviation bei DHL Express, sagte dazu: „Diese Vereinbarung zeigt, was möglich ist, wenn zwei engagierte Nutzer nachhaltiger Flugkraftstoffe ihre Kräfte bündeln.“
Gleichzeitig bleibt die Einordnung wichtig: Nachhaltiger Flugkraftstoff senkt Emissionen, macht Luftfracht aber nicht klimaneutral. Für zeitkritische Sendungen, globale Ersatzteillogistik oder hochwertige Waren bleibt der Lufttransport oft schwer ersetzbar. Deshalb dürfte der Druck auf Unternehmen wachsen, nicht nur effizientere Netze und alternative Verkehrsträger zu nutzen, sondern auch den verbleibenden Flugverkehr mit glaubwürdigen Minderungsinstrumenten zu verbinden.


