Die DHL Group will sich einen größeren Anteil an den Lieferketten der Energiewende sichern. Dafür bündelt der Konzern Transport, Lagerung und Serviceangebote für Windkraft, Batterien, Elektrofahrzeuge und weitere Energietechnologien. Im Mittelpunkt stehen die Neue-Energien-Logistik, ein neuer Expressdienst und der Ausbau der Batterielogistik in Europa.
Der Konzern erwartet, den Umsatz in diesem Geschäft von rund 600 Millionen Euro im Jahr 2025 auf drei Milliarden Euro bis 2030 steigern zu können. Das ist zunächst ein Unternehmensziel und keine unabhängige Marktprognose, zeigt aber, welche Bedeutung der Konzern dem Feld in seiner Strategie 2030 beimisst. Unter dem Sammelbegriff Neue Energien fasst DHL acht Segmente zusammen, darunter alternative Kraftstoffe, Batteriespeicher, Elektrofahrzeuge, Wasserstoff, Stromnetze sowie Solar- und Windkraft. Gemeinsam ist ihnen, dass schwere Anlagen, sensible Komponenten und Ersatzteile über oft internationale und störungsanfällige Lieferketten bewegt werden müssen.
Die Energiewende schafft einen Markt für spezialisierte Lieferketten
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien wächst nicht nur der Bedarf an Turbinen, Modulen und Batterien, sondern auch an verlässlicher Lagerung, Rückführung und Wartung. DHL argumentiert, viele Staaten wollten ihre Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern verringern und zugleich eigene Kapazitäten aufbauen. Für Logistiker entsteht daraus ein Markt, der klassische Transporte mit Projektsteuerung, Gefahrgutkompetenz und Service nach der Auslieferung verbindet. Die Logistik für Neue Energien wird damit zu einem Geschäft, in dem Reichweite allein nicht genügt und Branchenwissen über die Belastbarkeit der Lieferkette entscheidet.
Windparks machen schnelle Ersatzteillogistik zum Wettbewerbsvorteil
Besonders deutlich wird das bei der Windenergie. Nach Angaben des Unternehmens sind weltweit rund 1,3 Terawatt Leistung installiert, weshalb Betrieb und Instandhaltung neben dem Bau neuer Anlagen an Gewicht gewinnen. Fällt eine Turbine an einem abgelegenen Standort aus, können kleine fehlende Komponenten hohe Stillstandskosten verursachen. DHL will deshalb nicht nur Großprojekte transportieren, sondern stärker an den wiederkehrenden Erlösen aus Wartung und Ersatzteillogistik teilhaben.
Dafür führt der Konzern Time Definite Plus zunächst in 22 europäischen Ländern und Territorien ein. Der Dienst ergänzt das bestehende Expressnetz um feste Zustellzeiten, besondere Lieferbedingungen, Austausch- und Rücksendelösungen sowie Transporte an schwer erreichbare Orte. Hinzu kommen nach Unternehmensangaben mehr als 1.100 dezentrale Lagerstandorte, von denen 88 Prozent der Windparks binnen vier Stunden erreicht werden könnten. Time Definite Plus ist damit weniger ein neues Transportnetz als eine spezialisierte Leistungsschicht auf vorhandener Infrastruktur.
Der neue Batterie-Hub verankert DHL stärker in Europa
Ein zweiter Schwerpunkt ist die Batterielogistik in Europa. Im niederländischen Holtum entsteht ein 17.000 Quadratmeter großer Standort für Hochvoltbatterien, der Anfang 2027 den Betrieb aufnehmen soll und direkt an ein bestehendes Automobillogistikzentrum angeschlossen wird. Dort sollen Batterien für Elektrofahrzeuge und stationäre Batteriespeicher gelagert und bearbeitet werden. Die räumliche Bündelung deutet darauf hin, dass DHL nicht nur Transporte verkaufen, sondern möglichst viele Prozessschritte von der Anlieferung bis zum späteren Service übernehmen will.
Ergänzt wird das Netz durch ein Zentrum im französischen Meung-sur-Loire, das Wareneingang, Lagerung, Rücknahme und Recycling zusammenführt. Weltweit betreibt der Konzern nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 20 solcher Kompetenzzentren, weitere Standorte in Indien und Peru sollen folgen. Für Transporte bietet DHL zudem ein isolierendes System an, das Batterien vor Temperaturschwankungen, Feuchtigkeit und Kondenswasser schützen soll. Damit adressiert die DHL Group ein Kernproblem der Batterielogistik in Europa, denn Sicherheit und regelkonforme Behandlung sind für Hersteller ebenso wichtig wie Geschwindigkeit.
Das Wachstumsziel hängt an Sicherheit, Regeln und Auslastung
Die Zielmarke von drei Milliarden Euro bleibt dennoch anspruchsvoll. Ob sie erreichbar ist, dürfte davon abhängen, wie schnell neue Energieprojekte umgesetzt werden, wie stark Betreiber Leistungen auslagern und ob die neuen Standorte dauerhaft ausgelastet sind. Hinzu kommen unterschiedliche Sicherheitsvorgaben für Batterien, komplexe Genehmigungen und ein Wettbewerb, in dem auch spezialisierte Projektlogistiker um Aufträge kämpfen. Für DHL liegt die Chance darin, Express, Spedition und Kontraktlogistik aus einer Hand anzubieten. Gelingt diese Verzahnung, könnte die Logistik für Neue Energien vom ergänzenden Geschäft zu einem tragenden Wachstumsfeld des Konzerns werden.


