Dräger bringt SDC-Vernetzung in Intensivbeatmungsgeräte

Dräger erweitert seine Beatmungsplattformen Evita und Babylog um den Kommunikationsstandard SDC und neue Therapieoptionen. Damit rückt neben der eigentlichen Beatmung stärker in den Vordergrund, wie Medizingeräte Daten untereinander austauschen und klinische Abläufe vernetzen können.

Mit der Softwareversion 3.10 erhalten die Modelle Evita V800 und V600 sowie Babylog VN800 und VN600 eine native Unterstützung für SDC, kurz für Service-oriented Device Connectivity. Der SDC Standard soll ermöglichen, dass Medizingeräte verschiedener Hersteller Daten in einer einheitlichen Form austauschen können, statt auf abgeschottete Einzellösungen angewiesen zu sein. Für die vernetzte Intensivmedizin ist das relevant, weil Informationen aus Beatmung, Monitoring und klinischen Informationssystemen dadurch näher am Behandlungsplatz zusammengeführt und bei Bedarf an anderer Stelle weiterverarbeitet werden können.

Die SDC-Integration zielt auf weniger Datensilos in der Akutversorgung

Dräger gehört nach eigenen Angaben zu den Initiatoren des international anerkannten Ansatzes und arbeitet seit mehr als zehn Jahren an entsprechenden Anwendungen. Mit der Integration in die Beatmungsgeräte von Dräger soll die herstellerübergreifende Kommunikation nun unmittelbar in der Intensivbeatmung nutzbar werden. Entscheidend ist dabei weniger die technische Schnittstelle selbst als die Perspektive, in der Akutversorgung in Kliniken Daten aus Geräten unterschiedlicher Anbieter verlässlicher zusammenzuführen und für medizinische Entscheidungen verfügbar zu machen.

Der mögliche Nutzen liegt vor allem in einer breiteren Datengrundlage und in kürzeren Informationswegen für das Klinikpersonal. Solche Effekte entstehen jedoch nicht automatisch, sondern hängen davon ab, wie konsequent Krankenhäuser ihre Geräte, Informationssysteme und Arbeitsabläufe tatsächlich miteinander verbinden. Ein gemeinsamer SDC Standard beseitigt keine organisatorischen Medienbrüche, kann aber eine Voraussetzung dafür schaffen, dass vernetzte Intensivmedizin nicht an Herstellergrenzen endet.

Neue Beatmungsfunktionen sollen die Therapie stärker individualisieren

Parallel zur Vernetzung ergänzt Dräger die Evita-Geräte um Funktionen für eine lungenprotektive Beatmung. Eine neue PEEP/FiO2-Ansicht unterstützt laut Unternehmen dabei, den Druck am Ende der Ausatmung und den Sauerstoffanteil der eingeatmeten Luft aufeinander abzustimmen. Beide Größen sind für die Sauerstoffversorgung relevant, müssen aber so gewählt werden, dass die Lunge möglichst wenig zusätzlich belastet wird.

Hinzu kommt eine Anzeige des sogenannten Driving Pressure bei spontan atmenden Patienten. Gemeint ist vereinfacht der Druckunterschied, der während eines Atemzugs auf die Lunge wirkt und für die Einschätzung einer möglichst schonenden Beatmung herangezogen werden kann. Für die Babylog-Geräte führt Dräger zudem eine nasale Hochfrequenz-Oszillationsbeatmung ein, bei der sehr kleine Atemvolumina mit hoher Frequenz über einen nicht-invasiven Zugang abgegeben werden können, insbesondere bei Früh- und Neugeborenen.

Vernetzte Geräte werden für Medizintechnikhersteller zum strategischen Thema

Die Erweiterung zeigt, dass sich Produktentwicklung in der Medizintechnik nicht mehr nur an Hardware und einzelnen Therapiefunktionen entscheidet, sondern zunehmend auch an Software, Schnittstellen und Datenflüssen. Dräger hatte bereits 2023 eine SDC-basierte Lösung vorgestellt, mit der sich unter anderem Alarmgrenzen kontrollieren und ausgewählte Monitoringdaten außerhalb des Patientenzimmers anzeigen lassen. 2025 folgte mit SilentCare ein Ansatz, der Alarme aus ausgewählten Geräten unterschiedlicher Hersteller an mobile Endgeräte von Pflegekräften weiterleitet und nach Angaben des Unternehmens die Geräuschbelastung am Patientenplatz senken soll.

Für die Beatmungsgeräte von Dräger ist die aktuelle Software deshalb mehr als ein Funktionsupdate. Sie verbindet klassische Geräteentwicklung mit der Strategie, ein herstellerübergreifendes Ökosystem für die Akutversorgung in Kliniken aufzubauen. Ob der praktische Nutzen in den Häusern groß ausfällt, dürfte vor allem davon abhängen, wie viele kompatible Systeme zusammenkommen und wie gut sich die entstehenden Datenströme in bestehende klinische Prozesse integrieren lassen.

Offene Standards könnten die Beschaffung und den Klinikbetrieb verändern

Für Krankenhäuser ist herstellerübergreifende Vernetzung auch eine Beschaffungsfrage. Wenn medizinische Daten nicht mehr nur innerhalb geschlossener Produktwelten nutzbar sind, kann das langfristig die Abhängigkeit von einzelnen Systemarchitekturen verringern und mehr Spielraum bei der Kombination von Geräten schaffen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Datenqualität, IT-Sicherheit und klar definierte Verantwortlichkeiten, sobald Geräte und klinische Systeme bidirektional miteinander kommunizieren.

Dräger kündigt an, natives SDC auf weitere Bereiche der Intensivbeatmung und der perioperativen Versorgung auszuweiten. Damit wird vernetzte Intensivmedizin zunehmend zu einem Bestandteil der Produktstrategie und nicht nur zu einem Zusatzmodul einzelner Geräte. Für Kliniken dürfte am Ende weniger die Zahl der Schnittstellen zählen als die Frage, ob offene Standards im Alltag tatsächlich zu stabileren Abläufen, besser nutzbaren Daten und einem vertretbaren Integrationsaufwand führen.

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