Elektroautos könnten künftig nicht nur Strom verbrauchen, sondern als mobile Speicher im Energiesystem dienen. Mit E.ON BDL Next startet ein Pilotbetrieb, der zeigen soll, wie bidirektionales Laden unter realen Bedingungen in Haushalten, Strommärkten und Netzen funktioniert.
Das Projekt kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Energiewende stärker auf dezentrale Anlagen angewiesen ist. Neben Kraftwerken und Übertragungsnetzen beeinflussen auch Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Heimspeicher und Elektroautos die Stabilität des Stromsystems. E.ON will gemeinsam mit Partnern aus Automobilindustrie, Netzbetrieb, Forschung und Ladeinfrastruktur untersuchen, ob sich viele kleine Speicher so koordinieren lassen, dass sie einen verlässlichen Beitrag zum Netz leisten.
Elektroautos als flexible Stromspeicher
Bidirektionales Laden bedeutet, dass Strom nicht nur in die Fahrzeugbatterie fließt, sondern bei Bedarf wieder abgegeben werden kann. Für Verbraucher erweitert die Technik die Möglichkeiten einer Wallbox. Für Energieunternehmen und Netzbetreiber ist sie interessant, weil sie zusätzliche Flexibilität in ein Stromsystem bringen könnte, das immer stärker von schwankender Wind- und Solarstromproduktion geprägt ist.
Im Pilotbetrieb werden Elektrofahrzeuge, Photovoltaikanlagen, Heimspeicher und Energiemanagementsysteme miteinander verbunden. Über mehrere Monate soll untersucht werden, welche technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Voraussetzungen für eine größere Verbreitung notwendig sind.
Eine zentrale Frage ist, wie sich der Ladezustand der Fahrzeuge nutzen lässt, ohne die Mobilität der Nutzer einzuschränken. Bidirektionales Laden kann nur dann den Massenmarkt erreichen, wenn das Auto zum gewünschten Zeitpunkt ausreichend geladen ist und die Steuerung weitgehend automatisch funktioniert.
Redispatch 3.0 bindet Haushalte in Netzprozesse ein
Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf Redispatch 3.0. Dabei handelt es sich um ein weiterentwickeltes Engpassmanagement, das künftig auch kleine Anlagen auf der Niederspannungsebene einbeziehen könnte. Bisher greifen Netzbetreiber bei Engpässen vor allem auf größere Kraftwerke und Erzeugungsanlagen zurück. Künftig könnten auch Elektroautos, Solaranlagen und Heimspeicher zur Stabilisierung beitragen.
Ein einzelner Fahrzeugakku hat für das Stromnetz nur begrenzte Bedeutung. Werden jedoch Tausende Haushalte standardisiert und verlässlich gesteuert, kann daraus eine relevante Flexibilitätsreserve entstehen.
E.ON und die Projektpartner wollen deshalb testen, wie sich Strom aus Elektroautos messen, steuern und bilanziell zuordnen lässt. Dabei geht es nicht nur darum, ob Energie abgegeben wird. Entscheidend sind auch Zeitpunkt, Herkunft und Dokumentation des Stromflusses.
Stefan Padberg, Leiter Innovation bei E.ON, beschreibt das Ziel so: „Der nächste Schritt beim bidirektionalen Laden ist klar: weg von der Einzellösung hin zur Nutzung im Energiesystem.“
Damit aus einer Haushaltslösung eine verlässliche Netzinfrastruktur wird, braucht es gemeinsame Regeln für Netzbetreiber, Energiedienstleister und Verbraucher. Notwendig sind standardisierte Messkonzepte, klare Vorgaben zur Steuerbarkeit und transparente Vergütungsmodelle.
Photovoltaik verbindet Eigenheim und Strommarkt
Für viele Haushalte liegt der direkteste Vorteil im höheren Eigenverbrauch. Überschüssiger Solarstrom kann im Fahrzeug gespeichert und später im Haus genutzt werden. Vehicle-to-Grid erweitert dieses Prinzip, indem die gespeicherte Energie auch für Netz- oder Marktdienstleistungen bereitgestellt wird.
Das Elektroauto übernimmt dadurch eine doppelte Funktion. Es bleibt Verkehrsmittel, wird aber zugleich zum Speicher zwischen privatem Haushalt und öffentlichem Strommarkt.
Diese Verbindung ist anspruchsvoll. Haushalte wollen Stromkosten reduzieren, ihr Fahrzeug zuverlässig nutzen und möglichst wenig in komplexe Prozesse eingreifen. Das Energiesystem benötigt dagegen planbare, messbare und kurzfristig abrufbare Flexibilität. E.ON BDL Next soll beide Anforderungen verbinden.
Eine wichtige Rolle spielt das Energiemanagement. Es koordiniert Photovoltaikanlage, Heimspeicher, Wallbox und Fahrzeugbatterie. Für Verbraucher soll die Technik einfach wirken, während im Hintergrund Ladezustände, Strompreise und Netzsignale verarbeitet werden.
Für das Stromsystem ist besonders relevant, ob sich die Kapazität vieler Haushalte bündeln lässt. Erst durch diese Aggregation werden einzelne Fahrzeugakkus zu einer Ressource, die zur Netzstabilität und zur besseren Nutzung erneuerbarer Energien beitragen kann.
Offene Standards entscheiden über die Skalierung
Die Projektpartner betonen die Bedeutung herstellerübergreifender Lösungen. Ohne offene Standards droht ein Markt aus voneinander getrennten Insellösungen. Wenn Fahrzeug, Wallbox, Solaranlage, Heimspeicher und Energiemanagementsystem nur innerhalb geschlossener Produktwelten zusammenarbeiten, bleibt der Nutzen für das Gesamtsystem begrenzt.
Interoperabilität ist deshalb eine Voraussetzung für den Massenmarkt. Geräte und Systeme verschiedener Hersteller müssen Daten austauschen, Steuerbefehle verarbeiten und Energieflüsse einheitlich dokumentieren können.
An E.ON BDL Next sind neben E.ON unter anderem BMW, Bayernwerk Netz, TenneT, die Forschungsstelle für Energiewirtschaft, KEO, Compleo, das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität Passau und die EBZ Business School beteiligt. Das geförderte Projekt läuft seit November 2023 über drei Jahre.
Die Zusammensetzung des Konsortiums zeigt, dass bidirektionales Laden nicht allein eine Produktinnovation der Autoindustrie ist. Es handelt sich um ein Koordinationsprojekt zwischen Mobilität, Strommarkt, Regulierung, Netzbetrieb und digitaler Infrastruktur.
Aus dem Pilotprojekt muss ein verlässliches System werden
Bidirektionales Laden könnte vorhandene Speicherkapazitäten besser nutzbar machen. Elektroautos stehen einen großen Teil des Tages, während Stromnetze zugleich mit Lastspitzen und schwankender Erzeugung umgehen müssen. Fahrzeugbatterien könnten diese beiden Seiten verbinden.
Ob daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell und ein stabiler Netzbaustein entsteht, hängt jedoch nicht nur von erfolgreichen Tests ab. Entscheidend sind technische Standards, attraktive Vergütungsmodelle, klare Haftungsregeln und politische Rahmenbedingungen. Auch Fragen zur Batteriealterung, Datensicherheit und Verfügbarkeit der Fahrzeuge müssen beantwortet werden.
Redispatch 3.0 steht damit für die nächste Phase der Energiewende. Künftig geht es nicht nur darum, neue Anlagen und Netze zu bauen. Millionen kleiner Energieanlagen und Speicher müssen koordiniert werden. E.ON BDL Next soll zeigen, ob Elektroautos dabei vom privaten Speicher zu einem verlässlichen Bestandteil des Stromsystems werden können.


