Die Bezirksregierung Arnsberg hat ein 1.640 Quadratkilometer großes Gebiet für die Erkundung von Erdwärme freigegeben. Das Projekt könnte die Fernwärme im Ruhrgebiet langfristig breiter aufstellen und die Wärmewende in NRW voranbringen, doch zunächst beginnt eine mehrstufige Suche nach tatsächlich nutzbaren Wärmequellen. Die Erlaubnis markiert deshalb eher den Start einer Prüfung als den Beginn einer neuen Wärmeversorgung.
Hinter dem Vorhaben stehen E.ON Business Solutions Deutschland, DMT, Deutsche ErdWärme, Fernwärmeversorgung Niederrhein, Iqony Fernwärme, Iqony Wärme und die Hertener Stadtwerke. Ihr Projekt Erdwärme Metropole Ruhr reicht nach den veröffentlichten Angaben von Oberhausen bis Hamm sowie von Marl bis Schwerte. Die Aufsuchungserlaubnis schafft den rechtlichen Rahmen für geologische Untersuchungen, ist aber weder eine Förderzusage noch ein Nachweis, dass sich an jedem untersuchten Ort genügend Wärme erschließen lässt. Gerade diese Unterscheidung ist wichtig, weil die tiefe Geothermie erst nach aufwendiger Erkundung belastbar bewertet werden kann. Die breite Beteiligung zeigt zugleich, dass das Vorhaben nicht nur ein geologisches Projekt ist, sondern von Beginn an auf eine spätere Nutzung durch Versorger und Kommunen ausgerichtet wird.
Die Erlaubnis ist noch keine Entscheidung für Bohrungen und Anlagen
Nach Darstellung der Projektpartner handelt es sich um das bislang größte Geothermie-Erlaubnisfeld Deutschlands. Die Größe ist strategisch bedeutsam, weil mehrere potenzielle Standorte vergleichbar untersucht und später mit vorhandenen Wärmeabnehmern abgeglichen werden können. Zugleich wächst mit der Fläche der Aufwand, denn geologische Daten müssen über zahlreiche Teilräume hinweg erhoben und ausgewertet werden. Erst wenn geeignete Gesteinsschichten und Wärmevorkommen erkennbar sind, rücken konkrete Standorte für Probebohrungen näher. Das Projekt befindet sich damit am Anfang einer Entwicklung, deren technische und wirtschaftliche Ergebnisse noch offen sind. Entscheidend wird nicht sein, wie groß das Suchgebiet auf der Karte erscheint, sondern ob einzelne Standorte genügend Wärme für eine verlässliche und bezahlbare Nutzung liefern können.
Seismische Messungen sollen das Risiko im Untergrund verkleinern
Die erste Erkundungsphase soll mit 2D-Seismik beginnen. Dabei werden Schallwellen in den Untergrund geschickt und ihre Reflexionen ausgewertet, ähnlich wie bei einer medizinischen Ultraschallaufnahme, nur in erheblich größerem Maßstab. Auf dieser Grundlage sollen aussichtsreiche Gebiete anschließend per 3D-Seismik räumlich genauer dargestellt werden. Die Verfahren liefern noch keine Wärme, sondern Bilder möglicher Gesteinsstrukturen, an denen sich spätere Bohrentscheidungen orientieren können. Sie sollen vor allem verhindern, dass teure und aufwendige Erkundungsschritte an ungeeigneten Stellen angesetzt werden, vollständig auflösen können sie die Unsicherheit jedoch nicht. Die Messungen sind damit ein Filter, der das große Erlaubnisfeld schrittweise auf jene Bereiche verengt, in denen weitere Untersuchungen überhaupt sinnvoll erscheinen.
Das Fernwärmesystem macht das Ruhrgebiet zum naheliegenden Testfall
Für die Fernwärme im Ruhrgebiet ist Geothermie vor allem deshalb interessant, weil das Konsortium die gewonnene Energie in bestehende und neue Leitungsstrukturen einspeisen will. Anders als wetterabhängige erneuerbare Quellen steht Erdwärme grundsätzlich unabhängig von Tageszeit und Witterung zur Verfügung, sofern ein ergiebiges Reservoir erschlossen wird. Nach den Plänen der Partner könnte sie in Wärmenetze gelangen und dort einen Teil der bislang fossil erzeugten Wärme ersetzen. Damit wäre die tiefe Geothermie kein vollständiger Ersatz für alle bisherigen Quellen, aber ein potenziell dauerhaft verfügbarer Baustein. In der dicht besiedelten und industriell geprägten Region wird deshalb entscheidend sein, ob sich geeignete Vorkommen mit der vorhandenen Versorgungsinfrastruktur verbinden lassen. Gelingt diese Verbindung, könnten nicht nur Wohngebiete, sondern auch kommunale Einrichtungen und industrielle Abnehmer von einer lokalen Wärmequelle profitieren.
Das Konsortium teilt Risiken, während die Politik hohe Erwartungen setzt
Die Zusammensetzung des Projekts verbindet Energieversorger, Fernwärmebetreiber, geologische Expertise und kommunale Erfahrung. Das kann die Planung erleichtern, weil Erkundung, mögliche Förderung und spätere Einspeisung von Beginn an zusammen gedacht werden. Gleichzeitig müssen die Partner Investitionsrisiken, Standortprioritäten und die Nutzung gewonnener Daten untereinander ordnen. Vorgesehen ist ein Gemeinschaftsunternehmen, dessen Gründung noch von der Kartellprüfung abhängt. Die Kooperation verteilt damit nicht nur Fachaufgaben, sondern auch die Unsicherheit eines Vorhabens, bei dem belastbare Ergebnisse erst nach mehreren Untersuchungsschritten vorliegen.
Der Masterplan Geothermie des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministeriums geht davon aus, dass Erdwärme perspektivisch bis zu 20 Prozent des Wärmebedarfs im Land decken könnte. Diese Zielgröße beschreibt ein politisch und technisch angenommenes Potenzial, nicht den bereits gesicherten Beitrag einzelner Projekte. Für die Wärmewende in NRW wäre ein erfolgreicher Aufbau dennoch relevant, weil lokale Wärmequellen die Abhängigkeit von Brennstoffpreisen verringern, zur Versorgungssicherheit beitragen und eine CO2-Reduktion ermöglichen könnten. Erdwärme Metropole Ruhr ist deshalb vor allem ein groß angelegter Praxistest dafür, ob sich die geologischen Möglichkeiten des Reviers mit den bestehenden Versorgungsstrukturen verbinden lassen. Über die langfristige Bedeutung entscheidet nicht die Größe des Erlaubnisfeldes, sondern ob aus Messdaten belastbare Standorte und aus diesen tragfähige Wärmeprojekte entstehen. Erst dann ließe sich beurteilen, welchen Anteil das Ruhrgebiet tatsächlich zu den politischen Ausbauzielen des Landes beitragen kann.


