Mit einem neuen Anwendungstechnikum in Shanghai rückt Evonik näher an asiatische Kunden und Anlagenbauer heran. Das Evonik AEM Center soll DURAION Membranen unter praxisnahen Bedingungen prüfen und damit den Zugang zum Wasserstoffmarkt China verbessern. Grüner Wasserstoff steht dabei für ein Geschäftsfeld, dessen Wirtschaftlichkeit stark davon abhängt, wie zuverlässig neue Elektrolysetechnologien im Dauerbetrieb arbeiten.
Die Anlage ist das erste Zentrum dieser Art, das Evonik in Asien betreibt. Im Mittelpunkt stehen DURAION Membranen, die bereits im industriellen Maßstab in Marl hergestellt werden und nun für unterschiedliche Betriebsbedingungen angepasst werden sollen. Dabei geht es nicht nur um Materialtests, sondern um die Einbindung der Membran in komplette Elektrolysesysteme. Für den Konzern entsteht damit eine direkte Verbindung zwischen deutscher Produktion und anwendungsnaher Entwicklung in einem strategisch wichtigen Absatzraum.
Das Testprogramm reicht von Versuchen mit einzelnen Zellen bis zu Systemen im Demonstrationsmaßstab. Untersucht werden sollen Leistung, Dauerhaltbarkeit und das Verhalten der Membranen unter wechselnden Lasten. Solche Daten sind entscheidend, weil Laborergebnisse allein wenig darüber aussagen, wie ein Bauteil in einer industriellen Anlage über längere Zeit funktioniert. Das Zentrum soll damit die Lücke zwischen Werkstoffentwicklung und kommerzieller Nutzung verkleinern.
Die Nähe zu chinesischen Kunden soll Entwicklungszyklen verkürzen
Der Wasserstoffmarkt China gilt Evonik als besonders dynamisch und erhält deshalb eine zentrale Rolle in der weiteren Entwicklung der Technologie. Das Evonik AEM Center soll als gemeinsamer Arbeitsort für Kunden, Partner und eigene Fachleute dienen, damit technische Probleme früher erkannt und Lösungen schneller erprobt werden können. Für Materialanbieter kann diese Nähe ein Wettbewerbsvorteil sein, weil Anforderungen aus dem Anlagenbau unmittelbar in Produktänderungen einfließen. Der Nutzen des Standorts wird jedoch davon abhängen, ob die gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich in Fertigung, Qualitätssicherung und spätere Serienprodukte übertragen werden.
AEM-Elektrolyse verspricht geringere Kosten, muss sich aber im Betrieb bewähren
Bei der AEM-Elektrolyse trennt eine Anionenaustauschmembran die Reaktionsräume, während elektrischer Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Nach Darstellung von Evonik kann das Verfahren mit günstigeren Materialien auskommen als andere Elektrolysetechnologien und zugleich flexibel auf schwankende Strommengen reagieren. Das könnte die Investitionskosten senken und den Einsatz erneuerbarer Energien erleichtern. Ob dieser Vorteil im industriellen Maßstab trägt, entscheidet sich jedoch an Wirkungsgrad, Lebensdauer und Wartungsaufwand.
Die neuen Elektrolyseur-Teststände sollen deshalb nicht nur kurzfristige Spitzenleistungen messen, sondern auch das Verhalten über längere Betriebsphasen untersuchen. Besonders wichtig ist die Systemintegration, weil eine leistungsfähige Membran allein noch keinen zuverlässigen Elektrolyseur ergibt. Dichtungen, Elektroden, Druck, Temperatur und Wasserqualität beeinflussen das Gesamtsystem ebenfalls. Für Projekte rund um grünen Wasserstoff sind solche Praxistests wichtiger als reine Laborwerte, da Ausfallzeiten und Materialverschleiß die Kosten über Jahre bestimmen.
Der Standort verbindet deutsche Produktion mit asiatischer Anwendung
Die DURAION Membranen bleiben ein in Deutschland gefertigtes Produkt, ihre Weiterentwicklung wird aber stärker an regionale Anforderungen gekoppelt. Damit reagiert Evonik auf eine Branche, in der Lieferketten, Kundennähe und kurze Anpassungszyklen zunehmend über den Zugang zu Projekten entscheiden. Zugleich gewinnt Shanghai als Entwicklungsstandort an Gewicht, weil dort Wissen aus Polymerchemie, Elektrochemie und Anlagenbetrieb zusammengeführt werden soll. Für den Konzern entsteht so die Möglichkeit, nicht nur ein Material zu verkaufen, sondern früher an der Auslegung ganzer Systeme mitzuwirken.
Evonik positioniert sich näher an der industriellen Wertschöpfung
Die strategische Bedeutung des Zentrums reicht über einzelne Membrantests hinaus. Evonik versucht, sich in einer frühen Phase des Marktes als Entwicklungspartner für Anlagenbauer und Betreiber zu etablieren, statt auf die Rolle eines reinen Zulieferers beschränkt zu bleiben. Das kann die Bindung an Kunden erhöhen und zusätzliche Erkenntnisse über künftige Produktanforderungen liefern. Gleichzeitig steigt damit die Abhängigkeit davon, ob sich AEM-Systeme wirtschaftlich durchsetzen und Investitionen in grünen Wasserstoff tatsächlich in größere Serien münden.
Auch industriepolitisch ist der Schritt bemerkenswert, weil Forschung, Anwendung und Produktion auf mehrere Standorte verteilt werden. Marl bleibt die Basis für die Fertigung, während Shanghai den Zugang zu Kunden und praktischen Betriebsdaten sichern soll. Gelingt diese Arbeitsteilung, könnte Evonik schneller auf regionale Anforderungen reagieren, ohne die Produktion vollständig zu verlagern. Das Zentrum wäre dann vor allem ein Beispiel dafür, wie sich spezialisierte Chemieunternehmen tiefer in neue Energietechnologien integrieren.


