In der südwestchinesischen Provinz Sichuan ist eine neue Wasserstoffperoxid-Anlage mit einer Jahreskapazität von 200.000 Tonnen angelaufen. Das Projekt soll den chinesischen Chemikalienmarkt versorgen und zugleich Ausgangsstoffe für höherwertige Anwendungen liefern – für Evonik in China ist es damit mehr als ein reiner Kapazitätsausbau.
Betreiber der Anlage ist der chinesische Chemiekonzern Fuhua, während Evonik die Lizenztechnologie und wesentliche Komponenten bereitgestellt hat. Die Produktion am Standort Leshan begann am 18. Juni 2026; nach Unternehmensangaben erreichte die Anlage bereits wenige Tage später die vorgesehenen Qualitätswerte. Mit 200 Kilotonnen pro Jahr zählt sie nach Darstellung der Partner zu den größeren Produktionsstätten ihrer Art in der Region. Entscheidend ist dabei nicht nur die Menge, sondern die Aufteilung der Produktion zwischen frei verfügbarem Industriegeschäft und der Weiterverarbeitung im gemeinsamen Unternehmen Evonik Fuhua New Materials.
Die Anlage verschiebt Evoniks Rolle vom Produzenten zum Technologiegeber
Das Vorhaben zeigt, wie Chemiekonzerne ihr Prozesswissen nutzen können, ohne eine Großanlage vollständig selbst zu besitzen und zu betreiben. Evonik lieferte neben der Technologie auch zentrale Prozessausrüstung, Katalysatoren und die für das Herstellungsverfahren benötigte Arbeitslösung. Fachleute aus China, Deutschland und den USA begleiteten Planung, Bau, Inbetriebnahme und Produktionsstart. Für Evonik in China eröffnet dieses Modell die Möglichkeit, am Ausbau lokaler Kapazitäten zu verdienen und zugleich Einfluss auf Verfahrensqualität und Betrieb zu behalten.
Zwischen dem Lizenzvertrag im November 2023 und dem Produktionsbeginn lagen rund zweieinhalb Jahre. Für ein Chemieprojekt dieser Größenordnung ist ein planmäßiger Hochlauf wirtschaftlich relevant, weil Verzögerungen Kapital binden und die spätere Auslastung verschieben. Fuhua erhält im Gegenzug Zugang zu erprobtem Prozesswissen, ohne die Technologie vollständig selbst entwickeln zu müssen. Die Partnerschaft verbindet damit lokale Marktkenntnis und Netzwerke mit internationalem Anlagen- und Verfahrens-Know-how.
Die Doppelstrategie verbindet Massenmarkt und Spezialchemie
Wasserstoffperoxid ist eine reaktive Flüssigkeit, die unter anderem zum Bleichen, Reinigen und Oxidieren eingesetzt wird und sich dabei in Wasser und Sauerstoff zersetzen kann. Die neue Wasserstoffperoxid-Anlage produziert zunächst Industriequalität für den offenen Markt, also für Kunden außerhalb des eigenen Konzernverbunds. Ein Teil der Menge soll jedoch an das Gemeinschaftsunternehmen der Partner gehen und dort weiter gereinigt werden. Erst dieser zusätzliche Schritt macht aus einem weitgehend standardisierten Grundstoff Spezialqualitäten für anspruchsvollere Anwendungen.
Dazu zählen nach Angaben der Unternehmen die Elektronikfertigung und Bereiche der Lebensmittelsicherheit, in denen Verunreinigungen besonders streng kontrolliert werden müssen. Wirtschaftlich liegt der Reiz deshalb nicht allein in der hohen Produktionskapazität, sondern in der Kombination aus großen Volumina und höherwertiger Weiterverarbeitung. Der chinesische Chemikalienmarkt erhält damit zusätzliche Basiskapazität, während das Gemeinschaftsunternehmen auf margenstärkere Spezialchemikalien zielt. Ob diese Rechnung aufgeht, hängt von stabiler Qualität, verlässlicher Nachfrage und der Fähigkeit ab, die gereinigten Produkte dauerhaft für sensible Anwendungen zu qualifizieren.
Der Standort Leshan wird zum Bindeglied zwischen Basischemie und Hightech
Der Standort Leshan gewinnt durch die Anlage eine doppelte Funktion: Er dient als Produktionsbasis für industrielle Abnehmer und zugleich als Vorstufe für Spezialprodukte. Solche räumlich verbundenen Wertschöpfungsketten können Transporte verkürzen und die Versorgung planbarer machen, besonders bei reaktiven Chemikalien mit hohen Anforderungen an Lagerung und Qualität. Für regionale Lieferketten ist das ein Vorteil, weil Grundstoffproduktion und Veredelung enger aufeinander abgestimmt werden können. Aus Sicht der Industriepolitik stärkt das Projekt zudem die lokale Fertigungstiefe, auch wenn die Schlüsseltechnologie aus einem internationalen Lizenzmodell stammt.
Strategisch erhöht das Vorhaben zugleich die Bindung beider Unternehmen an den chinesischen Markt. Fuhua übernimmt den operativen Betrieb, Evonik bleibt über Technologie, Ausrüstung und das Joint Venture an mehreren Stufen der Wertschöpfung beteiligt. Der langfristige Erfolg wird daher weniger am schnellen Produktionsstart als an Auslastung, Produktqualität und der Nachfrage nach Spezialqualitäten zu messen sein. Gelingt die Veredelung im industriellen Maßstab, könnte der Standort Leshan zeigen, wie sich Basischemie und Hightech-Anwendungen in einer regionalen Produktionskette miteinander verbinden lassen.


