Evonik Innovation Factory soll Spezialchemie schneller zum Markt bringen

Evonik stellt seine Forschung neu auf und will Entwicklungsprojekte enger an Kunden, Märkte und Geschäftsverantwortung binden. Die Evonik Innovation Factory soll dabei ein zentraler Baustein für zusätzliches Wachstum werden. Für die Spezialchemiebranche zeigt der Schritt, wie stark Innovationsprozesse inzwischen von Tempo, Kapitaldisziplin und geopolitischer Unsicherheit geprägt sind.

Die Innovationsstrategie in Essen zielt nicht auf Forschung als Selbstzweck, sondern auf schneller verwertbare Lösungen. Nach Angaben des Unternehmens sollen künftig rund zwei Drittel der Forschenden direkt in den Geschäftsbereichen arbeiten, wo Projekte näher an Kundenbedürfnissen und wirtschaftlichen Zielgrößen gesteuert würden. Zentral gebündelt blieben dagegen langfristige Vorhaben und Kompetenzen, die mehreren Sparten nutzen könnten. Für Evonik ist das ein organisatorischer Umbau mit klarer Botschaft: Innovation soll weniger abgeschottet entstehen und stärker zeigen, ob sie im Markt tatsächlich trägt.

Die Nähe zu Kunden soll aus Forschung schneller Geschäft machen

Für die Spezialchemiebranche ist diese Verschiebung bemerkenswert, weil sie ein verbreitetes Problem adressiert. Chemische Innovationen brauchen häufig lange Entwicklungszyklen, müssen regulatorische Anforderungen erfüllen und hängen von der Akzeptanz industrieller Kunden ab. Wenn Forschende früher mit Geschäftsbereichen und Anwendern arbeiten, kann das die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Projekte nicht nur technisch funktionieren, sondern auch kommerziell relevant werden.

Evonik beschreibt die Neuordnung der bisherigen RD&I-Struktur als Schritt zu kürzeren Entscheidungswegen. Verantwortung werde klarer verteilt, wodurch Projekte schneller bewertet und gegebenenfalls beendet oder beschleunigt werden könnten. Das ist in einem Umfeld volatiler Rohstoffmärkte und technologischer Umbrüche wichtig, weil Unternehmen weniger Spielraum haben, jahrelang Kapital in Entwicklungen ohne erkennbare Marktperspektive zu binden.

Kombinatorische Innovation soll Entwicklungszeiten kalkulierbarer machen

Die Evonik Innovation Factory geht aus der früheren Creavis-Einheit hervor und soll fünf bis sieben strategische Entwicklungsprogramme bündeln. Ziel sei es, Projekte im Durchschnitt innerhalb von fünf Jahren bis zur Marktreife zu führen. Im Zentrum stehe dabei kombinatorische Innovation, also das gezielte Zusammenführen vorhandener Technologien, interner Fähigkeiten und externer Partner entlang der Wertschöpfungskette.

Der Begriff kombinatorische Innovation klingt abstrakt, meint aber ein pragmatisches Prinzip. Statt jedes Projekt bei null zu beginnen, sollen Forschende vorhandenes Wissen stärker nutzen und Entwicklungsarbeit dort fortsetzen, wo bereits technische oder marktbezogene Grundlagen bestehen. Das kann Entwicklungszeiten verkürzen, birgt aber auch eine redaktionell relevante Einschränkung: Je stärker Innovation auf bestehendem Wissen aufbaut, desto wichtiger wird die Fähigkeit, daraus tatsächlich unterscheidbare Produkte und nicht nur inkrementelle Verbesserungen zu schaffen.

Nachhaltige Lösungen bleiben für Evonik ein Wachstumsthema

Die Programme der Innovation Factory sollen sich auf drei Felder konzentrieren, die Evonik als Wachstumsbereiche definiert: biobasierte Lösungen, Energiewende und Kreislaufwirtschaft. In diesen Feldern erwartet der Konzern bis 2032 insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz. Die Evonik Innovation Factory soll dazu nach Unternehmensangaben bis zu 300 Millionen Euro beitragen.

Auch die Forschungsbudgets zeigen, dass Evonik trotz schwacherer Konjunktur und geopolitischer Risiken nicht aus der Innovationsfinanzierung aussteigen will. Für 2025 nennt der Konzern eine F&E-Quote von rund drei Prozent des Umsatzes und Ausgaben von etwa 418 Millionen Euro, nach 459 Millionen Euro im Vorjahr. Rund 82 Prozent der Mittel flössen demnach in geschäftsnahe Entwicklung, weitere 15 Prozent in längerfristige Innovationsprojekte, was die stärkere Ausrichtung auf absehbare wirtschaftliche Wirkung unterstreicht.

Die Innovationsstrategie in Essen reagiert auf unsicherere Lieferketten

Die Innovationsstrategie in Essen ist auch eine Antwort auf ein Umfeld, in dem industrielle Lieferketten robuster werden müssen. Evonik will Innovation, Anwendungstechnik und Produktion stärker regional ausrichten, also Forschung dort verankern, wo Ökosysteme und Kunden nahe sind, und Produktion dort ausbauen, wo Märkte wachsen. Für einen Spezialchemiekonzern ist das strategisch relevant, weil viele Kunden verlässliche Zulieferer brauchen, die technische Anpassungen schnell und in Marktnähe leisten können.

Gleichzeitig verweist Evonik auf den wachsenden Anteil sogenannter Next Generation Solutions, also Produkte mit überdurchschnittlichem Nachhaltigkeitsnutzen. Der Umsatzanteil dieser Lösungen liege inzwischen bei rund 48 Prozent und sei von 2024 auf 2025 um drei Prozentpunkte gestiegen. Damit verbindet der Konzern seine Innovationsstrategie in Essen mit einem langfristigen Umbau des Portfolios, bei dem Widerstandsfähigkeit, Kundennähe und Nachhaltigkeit stärker als bisher zusammen gedacht werden.

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