Evonik baut seine strategische Forschung zu einer stärker marktorientierten Einheit um. Unter dem Namen Evonik Innovation Factory soll aus technologiegetriebener Vorentwicklung schneller ein Geschäft mit industrieller Perspektive werden. Für die Chemieindustrie Innovation ist das ein Signal, dass große Konzerne ihre Forschung enger an Produktionsfähigkeit, Kundenbedarf und Zeitpläne binden.
Mit der Neuaufstellung ersetzt die Evonik Innovation Factory die bisherige Einheit Creavis. Der Konzern beschreibt den Schritt als organisatorischen Wechsel weg von einer eher langfristig angelegten Forschungslogik hin zu einer Entwicklung mit klarer wirtschaftlicher Zielrichtung. Jedes Programm solle im Schnitt innerhalb von fünf Jahren so weit gebracht werden, dass es in eine Business Line überführt werden könne und damit für operatives Geschäft und Produktion tauge.
Damit verschiebt sich auch der Maßstab für Erfolg. Nicht mehr allein technologische Originalität steht im Vordergrund, sondern die Frage, ob sich neue Verfahren, Materialien oder Plattformen in bestehende Wertschöpfungsketten einfügen lassen. Für einen Spezialchemiekonzern wie Evonik ist das strategisch bedeutsam, weil Innovation in der Branche häufig nicht am Labor scheitert, sondern an Skalierung, regulatorischen Anforderungen oder fehlender industrieller Anschlussfähigkeit.
Evonik will Forschung näher an Märkte, Produktion und Kunden rücken
Der Umbau deutet auf einen breiteren Trend in der Chemieindustrie Innovation hin. Viele Unternehmen stehen unter Druck, neue Technologien nicht nur zu entwickeln, sondern in kürzerer Zeit in belastbare Geschäftsmodelle zu überführen. Evonik macht daraus nun ein eigenes organisatorisches Prinzip und spricht von einem verbindlichen Zeithorizont. Der Chief Innovation Officer Christian Eilbracht sagte wörtlich: „Wir richten unser Innovationssystem so aus, dass wir die Zeitspanne von der Entwicklung bis zur Markteinführung deutlich verkürzen“.
Für den Konzern ist das auch eine Antwort auf veränderte Marktbedingungen. Gerade in der Spezialchemie müssen neue Produkte heute oft zugleich nachhaltiger, regulatorisch anschlussfähig und ökonomisch konkurrenzfähig sein. Die Evonik Innovation Factory soll deshalb nicht nur forschen, sondern Projekte so weit treiben, dass Fragen zu Produktionsprozessen, Anwendung, Marktbedarf und Lieferkette möglichst früh geklärt werden. Das senkt Risiken, erhöht aber auch den internen Druck auf Programme, die den Weg zur Marktreife nicht schnell genug finden.
Biopolymere und Rhamnolipide zeigen, worauf Evonik künftig setzt
Inhaltlich verweist Evonik auf Felder, in denen der Konzern bereits Kompetenzen aufgebaut habe und in denen zugleich Nachfrage nach Alternativen zu konventionellen chemischen Lösungen entstehe. Dazu zählen Biopolymere und Rhamnolipide. Biopolymere und Rhamnolipide stehen exemplarisch für den Versuch, Nachhaltigkeit nicht als Zusatzversprechen, sondern als industriell einsetzbares Produktmerkmal zu etablieren.
Rhamnolipide sind biologisch erzeugte Tenside, also waschaktive Substanzen, die etwa in Kosmetik- und Reinigungsprodukten eingesetzt werden können. Ihr Vorteil liegt nach Unternehmensangaben in einer hohen Wirksamkeit bei zugleich günstigerem Umweltprofil. Biopolymere wiederum sollen fossile Rohstoffe in bestimmten Anwendungen ersetzen können. Für Laien lässt sich das vereinfacht so beschreiben: Es geht um neue Materialien und Inhaltsstoffe, die bestehende chemische Funktionen erfüllen, dabei aber mit anderen Rohstoffquellen und oft mit veränderten Nachhaltigkeitszielen arbeiten. Ob daraus ein größeres Geschäft wird, hängt allerdings weniger von der Idee als von Kosten, Verfügbarkeit und industrieller Skalierung ab.
Darüber hinaus nennt Evonik Anionen-Austausch-Membranen als weiteres Zukunftsfeld. Solche Membranen werden in elektrochemischen Prozessen eingesetzt und gelten als mögliches Schlüsselelement für Teile der grünen Wasserstoffwirtschaft. Noch ist offen, welche Technologien sich dort langfristig durchsetzen. Dass Evonik dieses Feld in der Innovation Factory verankert, zeigt aber, dass der Konzern seine Forschung nicht nur an heutigen Absatzmärkten, sondern auch an möglichen industriellen Wachstumsmärkten der kommenden Jahre ausrichtet.
Globale Innovationsstandorte werden für Wettbewerb und Partnerschaften wichtiger
Auffällig ist zudem, wie stark Evonik seine Forschungsstandorte in die neue Struktur einbindet. Genannt werden Boston mit dem Cambridge Innovation Satellite für Life Sciences, Singapur für biotechnologische Prozesslösungen und Shanghai für Membranaktivitäten. Die Evonik Forschungsstandorte sollen damit nicht bloß Außenposten sein, sondern Knotenpunkte in einem Netzwerk, das Zugang zu Talenten, Technologien und Partnern sichern soll.
Das ist mehr als Standortpolitik. In vielen Technologiefeldern entscheidet sich Wettbewerbsfähigkeit heute daran, wie schnell Unternehmen externe Impulse aufnehmen und mit eigenen Kompetenzen verbinden können. Evonik setzt dabei ausdrücklich auf Start-up-Ökosysteme, Wissenschaft und Industriepartner. Die Idee dahinter ist, Entwicklungszeiten zu verkürzen und Lösungen robuster zu machen, bevor sie in die Produktion gehen. Gerade in einer Branche mit hohen Investitionskosten und langen Zyklen kann diese Art kombinierter Entwicklung ein Vorteil sein, wenn sie tatsächlich zu belastbaren Produkten führt und nicht nur neue Kooperationsformeln hervorbringt.
Die neue Einheit soll Evonik strategisch beweglicher machen, der Erfolg bleibt aber messbar an der Umsetzung
Für Evonik ist die Innovation Factory damit auch ein Signal an Investoren und Kunden, dass Forschung künftig enger mit Geschäftschancen verknüpft werden soll. Die Umbenennung von Creavis ist insofern kein bloßer Markenwechsel, sondern Ausdruck eines anderen Steuerungsmodells. Nicht wissenschaftliche Exzellenz allein, sondern die Überführung in marktfähige Anwendungen wird zum zentralen Kriterium. Leiter Axel Kobus formulierte den Anspruch so: „Building what’s next“.
Ob dieses Modell trägt, wird sich an konkreten Ergebnissen zeigen müssen. Entscheidend ist, ob aus Programmen tatsächlich neue Produkte, belastbare Produktionsprozesse und wettbewerbsfähige Anwendungen entstehen. Für die Chemieindustrie Innovation ist der Schritt dennoch relevant, weil er zeigt, wie stark sich große Konzerne derzeit neu organisieren, um Forschung, Skalierung und Marktlogik enger zusammenzuführen. Biopolymere und Rhamnolipide sind dabei nicht nur einzelne Technologiefelder, sondern Prüfsteine für die Frage, ob aus strategischer Forschung schneller industrieller Nutzen werden kann.


