FORVIA will sein bislang kleines Nutzfahrzeuggeschäft zu einer tragenden Wachstumssäule ausbauen. Auf der IAA Transportation Hannover 2026 zeigt der Zulieferer, wie Elektronik, Sitze, Licht, Wasserstoffspeicher und neue Innenraummaterialien zu einem gemeinsamen Angebot gebündelt werden sollen. Die FORVIA Nutzfahrzeugstrategie zielt damit zugleich auf mehr Diversifizierung jenseits des Pkw-Geschäfts und auf eine stärkere Position bei Herstellern von Lastwagen, Bussen und Industriefahrzeugen.
Der Nutzfahrzeugmarkt ist für FORVIA bisher gemessen am Konzernumsatz ein Randgeschäft: Rund zwei Prozent entfallen nach Unternehmensangaben auf dieses Segment. Im Rahmen der IGNITE-Strategie soll das Geschäft bis 2030 deutlich wachsen und der entsprechende Umsatz verdoppelt werden; bei der Business Group Seating sollen Nutzfahrzeuge künftig etwa zehn Prozent des Umsatzes ausmachen. Die FORVIA Nutzfahrzeugstrategie ist deshalb weniger als einzelne Produktinitiative zu verstehen, sondern als Versuch, vorhandene Kompetenzen von FORVIA Faurecia und FORVIA HELLA systematischer zusammenzuführen und das Geschäft jenseits des klassischen Pkw-Marktes breiter aufzustellen.
FORVIA verbindet Elektronik und Sicherheit mit dem Druck auf die Betriebskosten
Ein Schwerpunkt liegt auf Nutzfahrzeug-Elektronik, die mehr Automatisierung ermöglichen und zugleich die Zuverlässigkeit erhöhen soll. Dazu gehören ein 77-GHz-Radar für Fahrerassistenzsysteme, elektronische Stromverteilung mit sogenannten eFuses sowie Systeme zur Überwachung von Fahrer und Innenraum. Gerade im Nutzfahrzeuggeschäft ist die wirtschaftliche Rechnung entscheidend: FORVIA stellt deshalb neben Sicherheit und Funktionalität vor allem mögliche Vorteile bei Verfügbarkeit und Gesamtbetriebskosten heraus.
Auch digitale Außenspiegel und ein umfassenderes Energiemanagement sollen Effizienzgewinne bringen. Kamerabasierte Spiegelsysteme sollen den Luftwiderstand verringern und die Sicht verbessern, während intelligente Stromverteilung die Verkabelung vereinfachen und sicherheitskritische Funktionen absichern soll. Damit adressiert die Nutzfahrzeug-Elektronik zwei Entwicklungen gleichzeitig: Fahrzeugarchitekturen werden stärker von Software geprägt, während Hersteller und Flottenbetreiber Technik auch danach bewerten, wie sie sich über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus rechnet.
Wasserstoff und Leichtbau zeigen, dass der Nutzfahrzeugmarkt bis 2030 technologisch offen bleibt
FORVIA hält neben Elektronik auch an Wasserstofftechnik fest und zeigt für schwere Lkw sowie Busse zertifizierte Typ-IV-Speicher mit 350 oder 700 bar. Die Hochdrucksysteme sollen je nach Ausführung hinter der Fahrerkabine, im Fahrzeugrahmen oder in Bussen eingesetzt werden und unterscheiden sich vor allem bei Volumen und Speicherkapazität. Damit positioniert sich der Zulieferer für Anwendungen, bei denen Wasserstoff als emissionsfreie Antriebsoption vorgesehen ist, ohne sich bei seiner Nutzfahrzeugstrategie auf einen einzigen technologischen Pfad festzulegen.
Parallel versucht FORVIA, mit Schaumspritzguss und recycelten oder naturfaserverstärkten Kunststoffen Gewicht und Materialeinsatz zu reduzieren. Das Unternehmen nennt für sichtbare Polypropylen-Bauteile beim Verfahren Microject eine mögliche Gewichtsersparnis von bis zu 20 Prozent bei gleichbleibender Oberflächenqualität. Hinzu kommen modulare Innenraumteile sowie Kreislaufmaterialien, die Reparierbarkeit, Wiederverwertung und Kosten miteinander verbinden sollen – Themen, die im Nutzfahrzeugmarkt bis 2030 neben dem Antrieb stärker über die Wirtschaftlichkeit eines Fahrzeugs mitentscheiden dürften.
Die IAA Transportation Hannover wird für FORVIA zum Test der integrierten Aufstellung
Auf der IAA Transportation Hannover will FORVIA erstmals die Nutzfahrzeugangebote seiner fünf Business Groups als zusammenhängendes Portfolio präsentieren. Dazu zählen neben Elektronik und Wasserstoffspeichern auch Sitze für schwere Nutzfahrzeuge, adaptive Lichttechnik und modulare Innenraumkonzepte. Für den Konzern wird die Messe damit zum Schaufenster für die Frage, ob sich die technologische Breite tatsächlich in gemeinsame Plattformen, zusätzliche Aufträge und eine engere Position bei Fahrzeugherstellern übersetzen lässt.
Strategisch setzt FORVIA dabei auf ein bestehendes Produktionsnetz in Europa, Asien und Amerika sowie auf die langjährige Erfahrung von FORVIA HELLA im Nutzfahrzeuggeschäft. Die regionale Fertigung und Entwicklung soll nach Unternehmensdarstellung Nähe zu Kunden schaffen und Lieferketten über mehrere Märkte hinweg stützen. Entscheidend wird jedoch sein, ob der Zulieferer aus seinem breiten Angebot ein skalierbares Geschäft macht: Der derzeit geringe Umsatzanteil lässt viel Raum für Wachstum, macht die angestrebte Verdopplung bis 2030 aber zugleich zu einem klar messbaren Anspruch.


