Größte Wärmepumpe der Welt entsteht in Mannheim

Mannheim wird zum Schaufenster für eine Wärmewende, die vielerorts noch abstrakt wirkt: Statt fossiler Kessel soll künftig Rheinwasser als Energiequelle dienen. MVV treibt dafür ein Großprojekt am Grosskraftwerk Mannheim voran – und bindet mehrere Industriepartner sowie staatliche Förderung ein.

MVV hat den Bau einer zweiten Anlage dieser Art auf dem Areal des Grosskraftwerks Mannheim vergeben und dafür STRABAG Umwelttechnik als ausführendes Unternehmen ausgewählt. Nach Angaben der Beteiligten soll die neue Flusswärmepumpe eine thermische Leistung von bis zu 165 Megawatt erreichen und damit in der Kategorie „Flusswärmepumpe“ neue Maßstäbe setzen. Für die Metropolregion ist das nicht nur eine technische Meldung, sondern vor allem eine strategische: Je größer der Anteil der Fernwärme, der ohne Gas und Kohle auskommt, desto weniger verwundbar wird die Versorgung gegenüber Preisschocks und Importabhängigkeiten.

Das Vorhaben ist auf mehrere Jahre angelegt. Die Bauarbeiten sollen Mitte 2026 starten, die Inbetriebnahme wird für den Winter 2028 angepeilt. MVV verbindet damit ausdrücklich ein regionales Klimaziel: Bis 2030 soll die Fernwärmeversorgung in Mannheim und Umgebung vollständig dekarbonisiert werden. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Gabriël Clemens formuliert es so: „Sie ist ein weiterer Meilenstein, um die angestrebte vollständige Dekarbonisierung der Fernwärmeversorgung in Mannheim und Umgebung 2030 zu erreichen“.

Der 200-Millionen-Euro-Baustein zeigt, wie kapitalintensiv die Wärmewende wirklich ist

Mit bis zu 200 Millionen Euro Gesamtinvestition ordnet sich das Projekt in eine Entwicklung ein, die viele Kommunen und Versorger derzeit beschäftigt: Die große Klimawirkung liegt nicht allein im Stromsektor, sondern im Wärmemarkt – und dort ist der Umbau besonders teuer. Großwärmepumpen, neue Leitungen, Anpassungen im Netz und zusätzliche Spitzenlast-Technik binden Kapital über lange Zeiträume, während die Erträge stark von Regulierung, Förderlogik und Strompreisen abhängen. Dass die Anlage EU-weit ausgeschrieben wurde und BEW-Förderung erhält, unterstreicht zugleich: Ohne öffentliche Unterstützung werden viele Fernwärme-Modernisierungen wirtschaftlich schwer darstellbar bleiben.

Planerisch ist das Projekt ebenfalls aufwendig aufgestellt. Die INP Deutschland GmbH übernimmt nach Darstellung der Projektpartner als Generalplaner Vor- und Entwurfsplanung und war in die Ausschreibung eingebunden. Für MVV ist das ein typischer Zug: Der Konzern setzt in der Region seit Jahren auf eine Kombination aus eigenen Anlagen und Partnern, um die Fernwärme Schritt für Schritt umzubauen. Nach MVV-Angaben stamme heute bereits fast die Hälfte des Fernwärmebedarfs aus „grünen Quellen“ – genannt werden dabei Abfallwärme aus thermischer Behandlung, ein Biomassekraftwerk und eine bereits bestehende Flusswärmepumpe. Die zweite Anlage soll diese Basis verbreitern, ist aber erkennbar nicht das letzte Puzzleteil.

Flusswärmepumpen sind verständlich erklärt schnell – ihre Systemabhängigkeiten sind es nicht

Das Grundprinzip wirkt zunächst einfach: Zwei Module mit jeweils 82,5 Megawatt sollen dem Rheinwasser Wärme entziehen und diese über eine Wärmepumpe auf ein für Fernwärmenetze nutzbares Temperaturniveau anheben. Als Kältemittel ist Isobutan vorgesehen, also ein „natürliches“ Kältemittel, das im Vergleich zu vielen synthetischen Alternativen als klimafreundlicher gilt, aber technisch kontrolliert eingesetzt werden muss. Laut Projektbeschreibung sollen so Vorlauftemperaturen von bis zu 130 Grad Celsius erreicht werden – ein Wert, der in vielen Bestandsnetzen entscheidend ist, weil Gebäude und Netzinfrastruktur nicht überall schon auf Niedertemperaturbetrieb umgerüstet sind.

Die Relevanz liegt damit weniger im Schlagwort „größte Anlage“, sondern in der Frage, ob sich solche Größenordnungen zuverlässig in den Alltag eines städtischen Wärmenetzes übersetzen lassen. Großwärmepumpen sind in der Bilanz dann klimafreundlich, wenn der Strommix ausreichend grün ist und die Anlagen möglichst viele Stunden im Jahr laufen. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von Strompreisen, Netzanschlüssen und Genehmigungen – und damit von Faktoren, die Versorger nur begrenzt steuern. Auch die Standortlogik hat zwei Seiten: Ein Fluss bietet eine stabile Wärmequelle, doch ökologische Auflagen und wasserrechtliche Prüfungen können Zeitpläne und Kosten beeinflussen. Dass MVV parallel bereits über weitere Geothermiepotenziale und eine zusätzliche Flusswärmepumpe spricht, zeigt, wie sehr die Dekarbonisierung in der Wärme auf einen Technologie-Mix hinausläuft.

Der Grosskraftwerk Mannheim Umbau macht aus dem alten Standort eine neue Infrastruktur-Drehscheibe

Bemerkenswert ist, wie konsequent MVV den Umbau am Grosskraftwerk Mannheim als Plattform organisiert. STRABAG verweist darauf, unterschiedliche Konzerngesellschaften einzubinden und eine Technologie zu nutzen, die auf der strategischen Partnerschaft „HEAT PUMP ALLIANCE®“ zwischen STRABAG und Atlas Copco Energas basiere. Im Kern geht es dabei um Industriekomponenten wie Turbokompressoren, die in solchen Leistungsbereichen zum Herzstück werden. Für die Lieferkette ist das ein Signal: Der Markt für Hochleistungswärmepumpen entwickelt sich weg vom Nischenprojekt und hin zu wiederholbaren Industrievorhaben – mit entsprechenden Anforderungen an Fertigung, Service und Ersatzteilverfügbarkeit.

Politisch und betrieblich bleibt der Standort zugleich heikel, weil die Wärmewende im Bestand kurzfristig weiterhin Absicherung braucht. Auf dem Gelände ist zusätzlich ein wasserstofffähiger Fernwärmenachheizer geplant, der in der Heizperiode Temperaturen im Netz anheben soll – eine Art Brücke für Tage, an denen die Großwärmepumpe allein nicht ausreicht. Die Betriebsführung soll wie bei der ersten Flusswärmepumpe beim Kraftwerksbetreiber GKM liegen, und auch die vorhandene Infrastruktur wird weiter genutzt. Genau darin steckt die eigentliche Botschaft des Projekts: Der Grosskraftwerk Mannheim Umbau ist weniger ein einzelnes Bauvorhaben als der Versuch, einen traditionellen Energiestandort in die nächste Phase zu retten – mit neuen Technologien, aber auch mit Übergangslösungen. Ob das Modell Schule macht, dürfte sich daran entscheiden, ob Zeitplan, Kosten und Betriebssicherheit in den kommenden Jahren halten, was die Planer heute versprechen.

Quellenhinweis:
Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung der MVV Energie AG, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.

Schreibe einen Kommentar