Der südkoreanische Industriekonzern HD Hyundai will seine Schiffbauprozesse enger zusammenführen und setzt dafür auf Software und Plattformtechnologie von Siemens. Im Kern geht es um den Versuch, Planung, Konstruktion und Produktion in einer gemeinsamen digitalen Umgebung zu verbinden. Für die Werftenbranche ist das mehr als ein IT-Projekt, weil sich daran entscheidet, wie effizient komplexe Schiffe künftig gebaut, umgebaut und gewartet werden können.
HD Hyundai und die Zwischenholding HD Korea Shipbuilding & Offshore Engineering wollten eine integrierte Plattform aufbauen, die durchgängige Datenprozesse in allen globalen Werften des Konzerns ermöglicht. Dafür solle Siemens Xcelerator das digitale Fundament liefern. Aus Sicht des Unternehmens sei das Projekt Teil einer größeren Modernisierung, mit der bis 2030 eine Art Werft der Zukunft entstehen solle. Im Mittelpunkt stehe die Beseitigung von Datenbrüchen zwischen Entwicklung und Fertigung, die in industriellen Großprojekten als besonders kostspielig gelten.
Der Hintergrund ist leicht nachvollziehbar: Im Schiffbau arbeiten viele Gewerke parallel an hochkomplexen Einzelstücken, oft über lange Bauzeiten hinweg und unter erheblichem Kostendruck. Wenn Konstruktionsdaten, Produktionsplanung und spätere Änderungen nicht auf derselben Datenbasis beruhen, entstehen Verzögerungen, Nacharbeit und Abstimmungsprobleme. Genau dort setzt die digitale Werftlösung an, die HD Hyundai gemeinsam mit Siemens etablieren will. Sie soll Informationen von der ersten Planung bis zur operativen Nutzung verknüpfen und damit die koreanische Werftenstrategie technologisch absichern.
Der Schiffbau digitalisiert sich, weil analoge Brüche zu teuer geworden sind
Dass HD Hyundai im Schiffbau auf eine durchgängige Plattform setzt, passt zu einem breiteren Trend der Industrie. Werften stehen seit Jahren unter Druck, Bauzeiten zu verkürzen, Varianten zu beherrschen und gleichzeitig anspruchsvollere Vorgaben bei Qualität, Sicherheit und Dokumentation einzuhalten. Digitale Systeme gelten deshalb nicht mehr nur als Hilfsmittel für Ingenieure, sondern zunehmend als Voraussetzung, um internationale Projekte verlässlich zu steuern.
Mit Siemens Xcelerator soll dabei keine einzelne Software eingeführt werden, sondern eine offene digitale Umgebung, in der mehrere Systeme zusammenspielen. In der Praxis bedeutet das, dass CAD-Konstruktion, Produktlebenszyklusmanagement, digitale Fertigung, Automatisierung und Simulation stärker aufeinander abgestimmt werden. Für Laien lässt sich das als digitaler Zwilling des Werftbetriebs beschreiben: Ein Schiff und Teile der Produktion werden virtuell so genau modelliert, dass sich Abläufe, Kollisionen oder Engpässe vorab prüfen lassen. „Die Entscheidung für Siemens Xcelerator ist ein wichtiger Schritt für die Weiterentwicklung unserer digitalen Schiffbaustrategie“, sagte Taejin Lee, Executive Vice President und Leiter des Digital Innovation Office bei HD Hyundai.
Die strategische Bedeutung reicht weit über eine einzelne Werft hinaus
Bemerkenswert ist, dass die Plattform nicht nur für einen Standort gedacht ist. Nach Unternehmensangaben soll sie in allen globalen Werften von HD Hyundai nutzbar werden. Das spricht dafür, dass es dem Konzern nicht allein um Effizienz im engeren Sinn geht, sondern um Standardisierung im industriellen Maßstab. Wer mehrere Werften mit ähnlichen Datenmodellen und Prozessen betreibt, kann Wissen schneller übertragen, Fehler systematischer vermeiden und internationale Projekte konsistenter abwickeln.
Gerade im Schiffbau ist das ein strategischer Hebel. Handelsschiffe und Spezialschiffe unterscheiden sich stark in Aufbau, Ausrüstung und Dokumentationsaufwand. Wenn eine gemeinsame Plattform für beide Bereiche funktioniert, steigt die Flexibilität des Unternehmens. Die HD Hyundai Schiffbau-Strategie zielt damit nicht nur auf die Fertigung einzelner Einheiten, sondern auf ein belastbares digitales Betriebssystem für eine ganze Branche. Siemens wiederum festigt mit dem Projekt seine Position als Technologiepartner für schwer digitalisierbare Industrien, in denen lange Produktzyklen, hohe Investitionen und komplexe Lieferketten zusammentreffen.
Eine einheitliche Datenbasis könnte Planung und Lieferketten spürbar entlasten
Besonders relevant ist der angekündigte Schritt für die operative Umsetzung auf der Werft. Künftig sollen Daten zu Blockmontage, Schweißarbeiten, Rohrsystemen und Elektrik in einem integrierten 3D-Modell zusammenlaufen. Das klingt technisch, hat aber einen sehr praktischen Nutzen. Wenn alle beteiligten Teams auf denselben Datenstand zugreifen, lassen sich Konstruktionsfehler früher erkennen und Produktionsschritte realistischer takten. Die Produktionsplanung wird damit robuster, weil Änderungen nicht erst auffallen, wenn Bauteile bereits gefertigt oder montiert wurden.
Auch für Lieferketten ist das bedeutsam. Der Schiffbau hängt stark von Ausrüstern, Komponentenherstellern und spezialisierten Zulieferern ab. Eine strukturierte Verwaltung von Ausrüstungs- und Komponentendaten kann helfen, Materialflüsse besser zu koordinieren und technische Änderungen schneller in nachgelagerte Prozesse zu übersetzen. In Zeiten geopolitischer Unsicherheit und angespannter Industriepolitik ist das mehr als Prozesskosmetik. Wer Daten und Stücklisten sauber beherrscht, gewinnt im Wettbewerb um Termin- und Kostensicherheit einen Vorteil, gerade bei internationalen Projekten mit vielen Beteiligten.
Das Industrial Metaverse bleibt vorerst vor allem ein Werkzeug und kein Selbstzweck
Einen besonders ambitionierten Teil des Vorhabens beschreibt HD Hyundai mit fotorealistischen Darstellungen von Schiffen und Werften im sogenannten Industrial Metaverse. Dahinter verbirgt sich weniger ein futuristisches Schaufenster als der Versuch, virtuelle Lern- und Simulationsumgebungen für reale Produktionsprozesse zu schaffen. Nach Angaben des Unternehmens werde dazu KI mit synthetischen und industriellen Daten trainiert, um interaktive Visualisierungen und physikbasierte Modelle zu erzeugen. Der praktische Wert solcher Systeme hängt allerdings weniger von der Optik als von der Genauigkeit der zugrunde liegenden Daten ab.
Gerade deshalb ist die Siemens Xcelerator Plattform in diesem Projekt so zentral. Ohne verlässliche Datenbasis bleibt auch der beste Digital Twin eine schöne Oberfläche. Mit konsistenten Modellen dagegen könnten Werften nicht nur Anlagen planen, sondern Erweiterungen, Umbauten und Instandhaltung vorab realistischer testen. Der angekündigte Zeitplan deutet darauf hin, dass HD Hyundai vorsichtig vorgeht: Die Einführung solle schrittweise ab 2026 beginnen, ein Einsatz auf operativen Schiffen sei ab 2028 vorgesehen. Das spricht dafür, dass der Konzern die digitale Werftlösung nicht als kurzfristige Demonstration versteht, sondern als langfristige Umbauarbeit an Kernprozessen des Schiffbaus.


