Henkel baut seine Forschungs- und Entwicklungspräsenz in China aus: In Shanghai hat der Konzern ein neues Zentrum für Klebstofftechnologien eröffnet. Die Investition von mehr als 60 Millionen Euro ist auch ein Signal, wie wichtig Asien für die künftige Wachstumsstrategie der Industriesparte wird.
Henkel hat das Henkel Inspiration Center Shanghai im Zhangjiang Hi-Tech Park als großflächige Entwicklungs- und Anwendungseinheit für Klebstoffe, Dichtstoffe und funktionale Beschichtungen in Betrieb genommen. Auf rund 33.000 Quadratmetern sollen nach Unternehmensangaben mehr als 500 Wissenschaftlerinnen und technische Fachkräfte an neuen Lösungen arbeiten und sie gemeinsam mit Kunden aus verschiedenen Industrien in die Praxis bringen. Für Henkel ist das Zentrum damit nicht nur ein Laborstandort, sondern ein Baustein, um Produkte schneller an regionale Anforderungen anzupassen – und um in einem Schlüsselmarkt präsenter zu sein.
Klebstoffe wirken nach außen oft wie ein Nischenthema, sind in der Industrie aber ein unscheinbares Bindeglied vieler Wertschöpfungsketten: Sie halten Displays, Batteriemodule oder Leichtbau-Komponenten zusammen, dichten Gehäuse ab oder schützen Oberflächen durch Beschichtungen. Weil Hersteller zugleich Material einsparen, Prozesse vereinfachen und Emissionen senken wollen, wächst der Druck auf Zulieferer, solche „unsichtbaren“ Materialien leistungsfähiger und nachhaltiger zu machen. Henkel positioniert das neue Zentrum daher als Schnittstelle zwischen Forschung und Fabrik – und verbindet den Ausbau in Shanghai mit dem Anspruch, schneller marktreife Anwendungen zu entwickeln.
Mit Forschung vor Ort setzt Henkel auf Nähe zu Chinas Industriekunden
Aus der Sicht des Konzerns ist Henkel Klebstofftechnologien China vor allem eine Standortfrage: China gilt als Markt, in dem sich Produktzyklen und Kundenanforderungen besonders schnell verändern, und in dem industrielle Produktion, Elektronikfertigung und neue Mobilitätskonzepte eng zusammenlaufen. Ein Entwicklungszentrum in unmittelbarer Nähe zu Kundenteams kann den Austausch beschleunigen – gerade dann, wenn es nicht nur um Rezepturen, sondern auch um die konkrete Anwendung in Produktionslinien geht. Henkel verweist zudem darauf, dass Asien-Pazifik für die Sparte strategisch zentral sei; das Stichwort Adhesive Technologies Asien-Pazifik steht damit für eine stärkere Regionalisierung von Forschung und Service.
Gleichzeitig ist die Entscheidung auch eine Wette auf Stabilität und Planbarkeit im Umfeld geopolitischer Spannungen und zunehmender industriepolitischer Leitplanken. Wer Forschungskapazitäten in China ausbaut, rückt näher an Nachfrage, Talente und Zuliefernetzwerke – macht sich aber auch abhängiger von regulatorischen Rahmenbedingungen und vom Zugang zu Daten, Partnern und Märkten. In diesem Sinn lässt sich das Projekt als Versuch lesen, Industrieklebstoffe Lieferketten Asien besser abzusichern: mehr Entwicklung vor Ort, weniger Reibung in der Umsetzung, kürzere Wege von der Idee zur Produktion.
Das Center soll Entwicklung beschleunigen, doch der Druck zu messbaren Ergebnissen wächst
Henkel beschreibt das Zentrum als Teil eines globalen Innovationsverbunds, der über digitale Systeme verbunden sei und „agile“ Arbeitsweisen sowie datenbasierte Entscheidungen stützen solle. Solche Formeln sind in der Industrie inzwischen Standard – entscheidend wird sein, ob daraus tatsächlich kürzere Entwicklungszeiten und belastbare Produktvorteile entstehen. Dass sich Henkel am 2022 eröffneten Inspiration Center in Düsseldorf orientiert, deutet auf einen internen Benchmark hin: Shanghai soll nach diesem Vorbild funktionieren, nur näher an den Wachstumsmärkten. Für den Konzern erhöht das die Erwartung, dass Investitionen nicht nur die Zusammenarbeit „schöner“ machen, sondern den wirtschaftlichen Beitrag der Forschung klar belegen.
Der Ausbau in Shanghai zeigt, wie sehr Klebstoffe zum Schlüsselmaterial werden
Inhaltlich passt der Ausbau in Shanghai zu einem breiteren Trend: In vielen Branchen wird nicht mehr nur das Endprodukt optimiert, sondern die Materialbasis dahinter – etwa, um Energieeffizienz zu steigern, Gewicht zu reduzieren oder Komponenten besser zu schützen. Klebstoffe und Beschichtungen werden dabei zu einer Art Ermöglicher-Technologie, weil sie Konstruktionen vereinfachen und neue Fertigungsprozesse erlauben. Henkel will diese Rolle mit dem Henkel Inspiration Center Shanghai sichtbarer machen, unter anderem über ein integriertes Customer Experience Center, das Partner aus Industrie und Wissenschaft zusammenbringen soll.
Der Konzern knüpft daran auch Erwartungen an die eigene Innovationskultur: „Das neue Inspiration Center Shanghai schafft ein inspirierendes Arbeitsumfeld und fördert eine offene Innovationskultur“, heißt es von Innovationschef Nigel Fay. Ob sich dieser Anspruch in marktrelevante Produkte übersetzt, wird auch davon abhängen, wie konsequent Henkel lokale Erkenntnisse in skalierbare Lösungen überführt – und wie stark die Sparte Adhesive Technologies Asien-Pazifik in der Lage ist, regionale Anforderungen mit globalen Standards zu verbinden. Für Henkel Klebstofftechnologien China ist das Zentrum damit weniger ein Prestigeprojekt als ein Test, wie schnell sich Forschung, Anwendung und Lieferketten unter realen Marktbedingungen verzahnen lassen.


