Infineon und UMC machen die Lieferkette zum neuen Klimafeld der Chipindustrie

Infineon und UMC wollen ihre Zusammenarbeit künftig stärker auf die Klimabilanz gemeinsamer Zulieferer ausrichten. Die neue Vereinbarung zeigt, dass sich der Druck zur Dekarbonisierung in der Halbleiterindustrie zunehmend von den eigenen Fabriken auf die vorgelagerten Stufen der Produktion verlagert.

Infineon und UMC haben nach eigenen Angaben eine Absichtserklärung unterzeichnet, um Treibhausgasemissionen in ihrer gemeinsamen Halbleiter-Lieferkette zu senken. Im Mittelpunkt stehen nicht neue Werke oder einzelne Produkte, sondern jene Zulieferer, deren Prozesse, Materialien und Transporte einen erheblichen Teil der Emissionen verursachen. Beide Unternehmen wollen diese Partner demnach mit Know-how, Workshops und konkreten Dekarbonisierungsstrategien dazu bewegen, sich an wissenschaftlich fundierten Klimazielen zu orientieren.

Damit rückt ein Bereich in den Fokus, der für viele Industriekonzerne deutlich schwerer zu steuern ist als der eigene Energieverbrauch. Während Emissionen aus Fabriken, Strombezug oder Unternehmensstandorten vergleichsweise klar erfassbar sind, verteilen sich die Belastungen der Lieferkette über viele Länder, Vorprodukte und Transportwege. Gerade in der Chipbranche ist diese Struktur besonders komplex, weil einzelne Bauteile und Materialien oft durch mehrere Verarbeitungsstufen laufen, bevor sie in einem fertigen Halbleiter landen.

Die eigentliche Klimafrage der Branche beginnt lange vor dem fertigen Chip

Der Schritt von Infineon und UMC ist deshalb vor allem als strategische Verschiebung zu lesen. Lange standen in Nachhaltigkeitsdebatten der Industrie vor allem direkte Emissionen aus Produktion und Energieeinsatz im Vordergrund. Inzwischen gilt in vielen Branchen als ausgemacht, dass der größere Hebel häufig in den Scope-3-Emissionen liegt, also bei jenen Emissionen, die außerhalb des eigenen Werksgeländes entstehen, aber mit dem Geschäftsmodell unmittelbar verbunden sind.

Bei Infineon zeigt sich diese Logik besonders deutlich. Das Unternehmen hat sich nach eigenen Angaben gegenüber der Science Based Targets Initiative verpflichtet, seine direkten und energiebezogenen Emissionen bis 2030 gegenüber 2019 um 72,5 Prozent zu senken. Noch wichtiger für die Breitenwirkung dürfte aber das Ziel sein, dass bis 2029 ein Großteil der relevanten Lieferanten, gemessen an den Emissionen aus eingekauften Waren, Dienstleistungen, Investitionsgütern sowie vorgelagerten Transport- und Vertriebsaktivitäten, ebenfalls wissenschaftsbasierte Klimaziele verfolgt. Die SBTi-Klimaziele werden damit nicht nur zum Steuerungsinstrument im eigenen Haus, sondern zunehmend zum Maßstab für das gesamte Netzwerk von Zulieferern.

Für Laien lässt sich das vereinfacht so zusammenfassen: Ein Chipkonzern kann seinen Stromverbrauch senken und seine Fabriken modernisieren. Klimapolitisch wird es aber erst dann wirklich relevant, wenn auch die Hersteller von Chemikalien, Wafern, Maschinenkomponenten, Verpackungen oder Logistikleistungen ihre Emissionen erfassen und reduzieren. Genau an dieser Stelle soll die Kooperation von Infineon und UMC ansetzen.

Die Partnerschaft zwischen Deutschland und Taiwan ist wirtschaftlich mehr als Symbolik

Dass hier zwei langjährige Partner aus Deutschland Taiwan enger zusammenarbeiten wollen, ist auch geopolitisch und industriepolitisch bemerkenswert. Taiwan ist für die globale Halbleiterproduktion von zentraler Bedeutung, während Europa versucht, seine technologische Souveränität zu stärken und Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. Eine Kooperation über den Pazifik hinweg, die nicht nur Versorgungssicherheit, sondern auch Emissionsstandards betrifft, verweist deshalb auf einen neuen Typ industrieller Partnerschaften.

Für Infineon liegt darin auch eine wirtschaftliche Absicherung. Wer seine Produkte in Branchen wie Automobil, Energie, Industrieelektronik oder Internet der Dinge verkauft, sieht sich zunehmend mit Anforderungen von Investoren, Kunden und Regulierern konfrontiert. Die Klimabilanz endet nicht mehr am Werkstor. In der Praxis heißt das, dass Unternehmen belegen müssen, wie glaubwürdig ihre Reduktionspfade sind und ob sie auch ihre Lieferkette einbeziehen. SBTi-Klimaziele haben sich dabei zu einer Art international verständlichem Nachweis entwickelt, dass Versprechen nicht nur auf Imagepflege beruhen.

UMC bringt aus Sicht der Vereinbarung eine eigene Vorgeschichte mit. Das Unternehmen verweist darauf, als erster Halbleiterauftragsfertiger bereits 2022 eine SBTi-Zertifizierung erhalten zu haben und seine Ziele inzwischen an die verschärften Anforderungen angepasst zu haben. Bis 2030 sollen die Scope-1- und Scope-2-Emissionen gegenüber 2020 um 42 Prozent sinken, die Scope-3-Emissionen um 25 Prozent. Langfristig strebt UMC nach eigenen Angaben Netto-Null bis 2050 an. Für die gemeinsame Halbleiter-Lieferkette bedeutet das, dass beide Seiten mit ähnlicher Zielrichtung argumentieren können, auch wenn Tempo und Ausgangslage unterschiedlich bleiben.

Ohne Daten aus der Lieferkette bleiben viele Klimaziele bloße Ankündigungen

Der Kern der Vereinbarung ist weniger spektakulär, als es eine Investitionsmeldung wäre, aber gerade deshalb relevant. Workshops, Austausch von Best Practices und Hilfen bei der Entwicklung einer Dekarbonisierungsstrategie klingen zunächst nach Verwaltungsroutine. Tatsächlich entscheidet sich häufig genau dort, ob Klimaziele umsetzbar werden. Viele Zulieferer, gerade in tieferen Stufen der Lieferkette, verfügen zwar über Produktionswissen, aber nicht zwangsläufig über belastbare Verfahren zur Emissionsmessung, Zieldefinition und Berichterstattung.

UMC erklärt, seit 2022 im Rahmen einer eigenen Initiative bereits mehr als 400 Lieferanten mit Werkzeugen und Ressourcen zur Erfassung und Steuerung von Emissionen eingebunden zu haben. Infineon wiederum gibt an, seit 2023 mit mehr als 100 Zulieferern an wissenschaftsbasierten Zielen zu arbeiten. Zusammengenommen deutet das darauf hin, dass die nun angekündigte Kooperation nicht bei null beginnt, sondern bestehende Programme bündeln soll. Für den Markt ist das ein wichtiger Unterschied: Aus einer symbolischen Absichtserklärung wird eher dann ein relevanter Vorgang, wenn auf beiden Seiten operative Erfahrung vorhanden ist.

Zugleich zeigt sich hier ein grundsätzliches Problem der grünen Industriepolitik. Emissionen lassen sich in global verzweigten Wertschöpfungsketten nur begrenzt per Vorgabe reduzieren. Häufig braucht es standardisierte Messmethoden, vergleichbare Kriterien und einen gewissen Sog großer Auftraggeber. Wenn zwei relevante Unternehmen denselben Zulieferern ähnliche Anforderungen stellen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dort tatsächlich Prozesse verändert werden. Die Halbleiter-Lieferkette wird so nicht nur zum ökologischen, sondern auch zum ökonomischen Steuerungsraum.

Für Wettbewerb und Regulierung könnte die neue Zusammenarbeit zum Vorbild werden

Die Ankündigung hat deshalb eine zweite Ebene, die über Infineon und UMC hinausweist. In der Chipindustrie wächst seit Jahren der Druck, Wachstum, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit gleichzeitig zu organisieren. Neue Fertigungskapazitäten, geopolitische Spannungen und steigender Energiebedarf erhöhen die Komplexität zusätzlich. Wer in diesem Umfeld glaubwürdig auftreten will, muss nicht nur mehr produzieren, sondern auch transparenter machen, wie emissionsintensiv diese Produktion tatsächlich ist.

Die Kooperation könnte insofern als Testfall dienen, wie sich Klimaziele in einem globalen Industrienetz praktisch durchsetzen lassen. Gelingt es, Zulieferer systematisch an SBTi-Klimaziele heranzuführen und daraus belastbare Daten sowie konkrete Reduktionen abzuleiten, hätte das Signalwirkung für Wettbewerber und Kunden. Bleibt es dagegen bei Absichtserklärungen und einzelnen Lieferantenworkshops, wäre der Effekt eher reputationspolitisch als industriell. Entscheidend wird also sein, ob aus der Partnerschaft zwischen Deutschland Taiwan ein dauerhaftes Steuerungsmodell entsteht, das in der Halbleiter-Lieferkette messbare Veränderungen erzeugt.

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