Jet2 setzt bei Ausflügen auf TUI Musement und baut eine eigene „Experiences“-Plattform auf

Jet2 will den Verkauf von Touren, Aktivitäten und Tickets stärker in seine Buchungsstrecken integrieren und setzt dafür auf TUI Musement als technischen und kommerziellen Partner. Das Angebot soll 2026 schrittweise ausgerollt werden und zunächst Direktkunden von Jet2.com und Jet2holidays erreichen.

Die Kooperation ist mehr als ein zusätzlicher Service im Urlaub. Sie zeigt, wie stark sich der Wettbewerb im Reisegeschäft auf die Zeit nach dem Flug verlagert, also dorthin, wo Margen oft höher sind als beim reinen Transport.

Der Schritt passt in eine Entwicklung, in der Reiseanbieter versuchen, den gesamten Urlaub aus einer Hand abzubilden. Jet2 dürfte damit vor allem zusätzliche Erlöse anpeilen, ohne an neue Flugzeuge oder Hotelkontingente gebunden zu sein. Gleichzeitig bekommt TUI Musement Zugang zu einem großen britischen Vertriebskanal und kann seine Rolle als B2B-Zulieferer im Tours & Activities Markt weiter ausbauen.

Nach Angaben der Unternehmen sollen Kundinnen und Kunden in mehr als 75 Reisezielen aus „Tausenden“ Erlebnissen auswählen können, von Eintrittskarten über Bootstouren bis zu geführten Ausflügen. Das klingt nach Breite statt Boutique und deutet darauf hin, dass Jet2 Pauschalreisen Großbritannien nicht nur über Preis und Kapazität differenzieren will, sondern über ein zunehmend standardisiertes Zusatzangebot, das sich digital gut skalieren lässt. Entscheidend wird dabei weniger die Menge als die Treffgenauigkeit, also welche Angebote tatsächlich gebucht werden und ob die Auswahl das Markenversprechen von Jet2 stützt.

Digitale Zusatzverkäufe werden zur eigentlichen Wachstumswette der Reiseanbieter

Die geplante Jet2 Experiences Website soll zur zentralen Oberfläche werden, über die Ausflüge und Aktivitäten gesucht und gebucht werden können, auch per App. Dahinter steht nach Darstellung der Beteiligten die TUI Musement Plattform, die nicht nur Inhalte ausspielt, sondern typischerweise auch Verfügbarkeiten, Preise, Zahlungsprozesse und Storno-Logik zusammenführt. Für Laien ist das vergleichbar mit einem Online-Schaufenster, das gleichzeitig Lager, Kasse und Reservierungssystem ist, nur dass hier keine Waren, sondern Zeitfenster und Plätze verkauft werden.

Strategisch zielt das auf einen Teil der Reisekette, der lange zersplittert war. Viele Ausflüge wurden vor Ort gebucht, über Reiseleitungen, kleine Anbieter oder Plattformen. Wer diesen Markt digital bündelt, kann Buchungen vorziehen, die Auslastung besser planen und Zusatzumsätze entlang der bestehenden Kundenschnittstelle generieren. Genau hier wird der Tours & Activities Markt seit Jahren als Wachstumsfeld beschrieben, auch weil die Eintrittshürde im Vergleich zu Flugzeugen oder Hotels geringer ist, die Steuerung aber datengetrieben skaliert.

Für Jet2 ist die Logik naheliegend. Wer eine Pauschalreise oder einen Flug verkauft, besitzt den Moment, in dem Reiseabsichten konkret sind. Wenn Erlebnisse schon „ab dem Moment“ der Buchung sichtbar werden, wie es angekündigt ist, steigt die Chance auf Impulskäufe und auf Bündelungen, die den Gesamtpreis erhöhen, ohne dass der Kunde den Flug als teurer wahrnimmt. Für Jet2 Pauschalreisen Großbritannien könnte das zum Standard werden, weil der Anbieter in seinem Heimatmarkt stark über Volumen und Effizienz wächst und zusätzliche Margenquellen entsprechend attraktiv sind.

Die Partnerschaft verschiebt Macht in der Lieferkette, aber sie erhöht auch Abhängigkeiten

Für TUI Musement ist die Kooperation ein weiterer Schritt, sich als Infrastrukturpartner im Hintergrund zu etablieren. Das Unternehmen liefert nach eigener Darstellung nicht nur Inhalte, sondern kombiniert digitale Plattformen mit lokalen Teams, die Produkte einkaufen oder selbst entwickeln. Damit wird das Modell sichtbar, das in vielen Branchen zu beobachten ist: vorne eine starke Marke mit Kundenbeziehung, dahinter ein Plattformanbieter, der Auswahl und Abwicklung standardisiert. Die TUI Musement Plattform dürfte dadurch häufiger zur unsichtbaren Schicht werden, über die Anbieter ihre Erlebnisangebote betreiben.

Jet2 wiederum gewinnt Tempo, weil nicht jedes Zielgebiet und jeder lokale Anbieter einzeln angebunden werden muss. Gleichzeitig entsteht eine neue Abhängigkeit, denn die Qualität des Angebots und der operative Ablauf liegen zu einem relevanten Teil beim Partnernetzwerk. In der Praxis entscheidet sich der Erfolg daher nicht nur im Frontend der Jet2 Experiences Website, sondern bei Inventarsteuerung, Serviceprozessen und bei dem, was im Problemfall passiert. Gerade bei Ausflügen sind Umbuchungen, Wetterrisiken und No-Show-Regeln Alltag, was für Anbieter mit hohem Volumen schnell reputationsrelevant wird.

Auch die Marktdynamik verändert sich. Je mehr Fluggesellschaften und Reiseveranstalter ihre Erlebnisangebote über wenige große Aggregatoren abwickeln, desto schwieriger wird es für kleine lokale Anbieter, ohne Plattformzugang sichtbar zu bleiben. Das kann Effizienz schaffen, aber auch Preisdruck erhöhen und die Vielfalt im Angebot verengen, wenn kuratierte Auswahl am Ende vor allem gut skalierbare Produkte bevorzugt. Die Pressemitteilung spricht zwar von „kuratierter Auswahl“, doch offen bleibt, wie stark dabei Nischenangebote berücksichtigt werden oder ob vorrangig massentaugliche Formate dominieren.

Qualitätsversprechen im Ausflugsmarkt sind glaubwürdig nur mit konsequenter Kontrolle

Die Unternehmen betonen, dass Produkte strenge Anforderungen an Qualität und operative Exzellenz erfüllen sollen und Gesundheits- und Sicherheitsstandards nachgewiesen seien. Solche Aussagen sind im Ausflugsmarkt nicht trivial, weil die Leistungsfähigkeit vor Ort stark variiert und die Verantwortungsketten komplex sind. Wer einen Ausflug verkauft, übernimmt aus Kundensicht die Rolle des Ansprechpartners, auch wenn der tatsächliche Leistungserbringer ein lokaler Anbieter ist.

Dass Jet2 und TUI Musement hier Standards hervorheben, lässt sich als Versuch lesen, Vertrauen in einen Bereich zu übertragen, der oft weniger reguliert und weniger transparent wirkt als der Flugverkehr. Jet2-CEO Steve Heapy formulierte es so: „Wir prüfen ständig, wie wir unser herausragendes Kundenerlebnis weiter verbessern können.“ Solche Sätze markieren den Anspruch, das Erlebnisangebot als Teil des Kernprodukts zu behandeln und nicht als beliebiges Anhängsel.

Für die Umsetzung wird entscheidend sein, wie konsequent geprüft und nachgesteuert wird, etwa über Kundenfeedback, Ausfallquoten oder die Einhaltung lokaler Sicherheitsvorgaben. Gerade wenn das Angebot alle Strand- und Städtedestinationen abdecken soll, steigt die Komplexität. Ein zentrales Qualitätsversprechen in vielen Ländern kann funktionieren, erfordert aber klare Prozesse und im Zweifel auch das Streichen von Angeboten, selbst wenn sie Umsatz bringen. Ob die Partnerschaft diese Härte mitbringt, ist die offene Frage hinter dem Qualitätsnarrativ.

Der Rollout 2026 zeigt, wie vorsichtig große Plattformumstellungen im Reisegeschäft bleiben

Das neue Angebot soll im Laufe des Jahres 2026 eingeführt werden und zunächst Direktbuchern über Jet2.com und Jet2holidays zur Verfügung stehen, später auch Kunden aus dem Reisebürovertrieb. Das klingt nach einem kontrollierten Rollout, der zu einem sensiblen Geschäftsprozess passt. Eine Plattform, die in Buchungsstrecken eingebettet ist, muss stabil laufen, sonst drohen Abbrüche, Supportkosten und Imageschäden. Zudem sind in Großbritannien Themen wie ATOL-Schutz und die Erwartung an verlässliche Kundenbetreuung im Pauschalreisegeschäft besonders präsent, auch wenn Ausflüge als Zusatzleistung oft anders behandelt werden als der Kernvertrag.

Die Staffelung nach Vertriebskanälen hat außerdem eine strategische Komponente. Direktkunden lassen sich schneller mit neuen Funktionen bedienen, und Jet2 kann dort Daten, Conversion und Warenkörbe ohne Vermittler messen. Für Reisebüros wird das Angebot erst dann attraktiv, wenn Buchung, Provisionierung und Servicefragen sauber geklärt sind. Insofern ist der Zeitplan auch ein Hinweis darauf, dass Jet2 Pauschalreisen Großbritannien zwar stark über B2B und Agenturen wachsen, die digitale Steuerung aber zuerst im eigenen Kanal testen dürfte.

TUI Musement ordnet die Kooperation als strategisch ein und will damit Wachstum im Tours & Activities Markt befördern. CEO Peter Ulwahn sagte: „Dies ist eine sehr wichtige strategische Vereinbarung für Jet2 und TUI Musement und zugleich eine bedeutende Partnerschaft zur Förderung des Wachstums im Markt für Tours & Activities.“ Ob daraus ein spürbarer Wettbewerbsvorteil wird, hängt davon ab, wie gut die Jet2 Experiences Website tatsächlich genutzt wird und ob das Angebot in der Praxis weniger Reibung erzeugt als die vielen bisherigen Einzellösungen. Klar ist schon jetzt: Die Branche investiert nicht mehr nur in Sitze und Betten, sondern in die Vermarktung dessen, was zwischen Ankunft und Abreise passiert.

Quellenhinweis:

Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von TUI, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.

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