Knorr-Bremse ist 2025 robuster durch ein schwieriges Industrieumfeld gekommen, als es die verhaltene Umsatzentwicklung zunächst vermuten lässt. Der Münchner Konzern, der Bremssysteme und weitere technische Lösungen für Züge und Nutzfahrzeuge liefert, meldet höhere Gewinne, eine bessere operative Marge und einen Rekord beim Free Cashflow. Damit wird sichtbar, dass nicht allein Wachstum über Stückzahlen zählt, sondern auch Kostenkontrolle, Portfolioarbeit und margenträchtige Geschäfte.
Der Umsatz lag mit rund 7,8 Milliarden Euro trotz Verkäufen von Unternehmensteilen und Gegenwind im nordamerikanischen Nutzfahrzeugmarkt nahezu stabil. Deutlich wichtiger ist jedoch, dass das operative EBIT auf etwas mehr als eine Milliarde Euro stieg und die operative EBIT-Marge 13 Prozent erreichte. Für einen Industriezulieferer in einem unruhigen Umfeld ist das ein Signal für Preissetzungsmacht, strengere Kostensteuerung und eine veränderte Geschäftsstruktur.
Besonders stark verlief nach Unternehmensangaben das vierte Quartal. Dort erzielte Knorr-Bremse ein organisches Umsatzwachstum von 6,4 Prozent und verbesserte die Profitabilität in beiden Divisionen. Der Auftragseingang von 8,4 Milliarden Euro und der Auftragsbestand von 7,4 Milliarden Euro zeigen zudem, dass die Auslastung für 2026 auf einer soliden Basis steht. Auch der Free Cashflow erreichte mit 790 Millionen Euro einen historischen Höchstwert. Die Cash Conversion Rate lag bei 131 Prozent und unterstreicht, wie effizient der Konzern Gewinne in liquide Mittel umwandeln konnte.
Das Bahngeschäft trägt den Konzern in einer Zeit schwacher Lkw-Märkte
Die eigentliche Stütze der Geschäftszahlen ist erneut die Rail-Sparte. Dort stiegen Auftragseingang, Auftragsbestand, Umsatz und operatives Ergebnis auf oder nahe Rekordniveau. Der Umsatz der Division lag 2025 bei gut 4,3 Milliarden Euro, das operative EBIT bei 713 Millionen Euro, die operative Marge bei 16,5 Prozent. Für Knorr-Bremse ist das strategisch bedeutsam, weil der Bahnbereich in vielen Regionen als langfristiger und weniger zyklischer Markt gilt als das klassische Nutzfahrzeuggeschäft.
Hinzu kommt, dass die Nachfrage im Bahngeschäft regional breit abgestützt war, besonders in Asien und Nordamerika. Auch KB Signaling, das 2024 übernommene Signaltechnikgeschäft, wirkte sich erstmals über ein volles Jahr aus. Das zeigt, wie Knorr-Bremse seine Rolle in der Bahnindustrie erweitert. Es geht nicht mehr nur um mechanische Bremssysteme, sondern zunehmend um vernetzte und elektronische Systeme, die Zugbetrieb, Sicherheit und Infrastruktur verbinden.
Schwieriger bleibt das Umfeld in der Nutzfahrzeugtechnik. Dort verteidigte Knorr-Bremse zwar stabile zweistellige Renditen, zugleich sanken Auftragseingang, Umsatz und operatives EBIT gegenüber dem Vorjahr. Der Bereich Truck erzielte 2025 rund 3,5 Milliarden Euro Umsatz und hielt die operative EBIT-Marge bei 10,4 Prozent. Europa, das Nachmarktgeschäft und Kostensenkungen federten Rückgänge ab. Gerade Service, Ersatzteile und digitale Plattformen bleiben für Nutzfahrzeug-Zulieferer wichtig, weil sie meist stabilere Erträge liefern als das Neugeschäft.
Die BOOST-Strategie wird vom Sparprogramm zum Umbau der Geschäftsstruktur
Das Management führt die besseren Kennzahlen auf das BOOST-Programm zurück. Hinter dem Begriff steht ein industrielles Umbauprogramm, das tief in Portfolio, Prozesse und Kostenbasis eingreift. Seit 2023 habe Knorr-Bremse Unternehmensteile mit einem Umsatzvolumen von mehr als 400 Millionen Euro verkauft, Fixkosten gesenkt und mehr als 10.000 Maßnahmen angestoßen. Die Botschaft ist klar: Der Konzern will nicht nur effizienter werden, sondern definieren, welche Geschäfte künftig noch strategisch tragen.
In der ersten Phase standen Stabilisierung, ein niedrigerer Break-even und eine bereinigte Kostenbasis im Vordergrund. Das erklärt, warum die Geschäftszahlen trotz kaum wachsendem Konzernumsatz besser ausfallen. In der zweiten Phase rückt nun Expansion in margenstarken Feldern in den Mittelpunkt. Zukäufe wie duagon für Elektronik und Software im Schienenbereich sowie TRAVIS Road Services als digitale Plattform für den Nutzfahrzeugsektor zeigen diese Richtung. Knorr-Bremse will sich von einem reinen Komponentenlieferanten zu einem Anbieter entwickeln, der Hardware, Software und digitale Dienste verbindet.
Redaktionell interessant ist, dass die Digitalisierungsstrategie direkt an bestehende Produkte und Kundenbeziehungen anschließt. Ein neues KI-Zentrum in Chennai und die Zusammenarbeit mit Amazon Web Services sollen den Kurs stützen. Entscheidend wird aber nicht das Schlagwort KI sein, sondern ob neue digitale Angebote in der Bahnindustrie und im Nachmarkt messbare Effizienz- oder Sicherheitsgewinne liefern. Der Satz des Vorstandschefs, man habe mit BOOST die Weichen für nachhaltiges Wachstum und Profitabilität gestellt, bleibt damit ein Anspruch, der sich erst in den kommenden Jahren beweisen muss.
Die Industrie-Strategie 2026 setzt auf Wachstum, bleibt aber abhängig vom Umfeld
Für 2026 stellt Knorr-Bremse einen Umsatz zwischen 8,0 und 8,3 Milliarden Euro, eine operative EBIT-Marge von rund 14 Prozent sowie einen Free Cashflow von 750 bis 850 Millionen Euro in Aussicht. Damit würde der Konzern seine Geschäftszahlen erneut verbessern, obwohl das Umfeld geopolitisch und konjunkturell fragil bleibt. Dass die Prognose stabile makroökonomische Bedingungen voraussetzt, ist mehr als eine formale Absicherung. Auch ein globaler Spezialist hängt von Investitionszyklen, Handelsbedingungen und regionalen Transportmärkten ab.
Weiteres Wachstum wird zudem nicht kostenlos sein. Knorr-Bremse stellt Restrukturierungskosten von bis zu 30 Millionen Euro in Aussicht, unter anderem für die Optimierung des globalen Footprints. Hinter dieser Formulierung stehen meist Standortanpassungen, Prozessverlagerungen und eine neue industrielle Aufstellung. Für die Industrie-Strategie 2026 ist das folgerichtig: Wer Rendite, Digitalisierung und Portfoliooptimierung zugleich vorantreibt, muss Fertigung und Entwicklung laufend neu justieren.
Die Zahlen zeigen damit eine Entwicklung, die über Knorr-Bremse hinausweist. In der Bahnindustrie bleiben Wachstum und Investitionsbereitschaft vorhanden, während der Nutzfahrzeugmarkt selektiver und anfälliger bleibt. Klassische Industrieunternehmen definieren ihren Spielraum zunehmend über Kapitaldisziplin, Softwarekompetenz und gezielte Akquisitionen. Für Knorr-Bremse ist das eine Chance, weil der Konzern in beiden Welten präsent ist. Ob daraus dauerhaft höhere Bewertungen und ein stabileres Geschäftsmodell entstehen, hängt davon ab, ob der jetzige Margensprung mehr ist als das Ergebnis eines erfolgreichen Spar- und Umbaujahres.


