Knorr-Bremse sucht Wachstum in der Kreislaufwirtschaft

Knorr-Bremse rückt Green Tech stärker in den Mittelpunkt seiner Strategie. Der Münchner Industriekonzern hat gemeinsam mit der Heinz Hermann Thiele Familienstiftung und CIRCULAR REPUBLIC vier Start-ups ausgezeichnet, die Lösungen für automatisierte Demontage und die Rückgewinnung kritischer Rohstoffe entwickeln. Dahinter steht mehr als ein Innovationspreis. Es geht um die Frage, wie sich Circular Economy in skalierbare Geschäftsmodelle übersetzen lässt.

Der Zugang zu wichtigen Rohstoffen wird für viele Industrieunternehmen zu einem strategischen Risiko. Steigende Nachfrage, geopolitische Abhängigkeiten und regulatorischer Druck erhöhen den Anreiz, Materialien länger im Kreislauf zu halten. Knorr-Bremse Green Tech soll nicht nur Nachhaltigkeitsthema sein, sondern ein mögliches Wachstumsfeld neben Bahn- und Nutzfahrzeugindustrie.

Der Knorr-Bremse Circular Technology Award wurde auf der IFAT Munich vergeben. Mehr als 50 Start-ups hätten sich nach Angaben des Unternehmens beworben. Ausgezeichnet wurden vier junge Unternehmen aus Luxemburg, Italien, Großbritannien und Deutschland, die an unterschiedlichen Stellen der industriellen Wiederverwertung ansetzen. Für Knorr-Bremse ist das auch ein Suchprozess: Welche Technologien sind reif genug für industrielle Anwendungen?

Automatisierte Demontage entscheidet über skalierbares Recycling

Ein Schwerpunkt lag auf automatisierter Demontage. Gemeint ist die maschinelle, häufig robotergestützte Zerlegung gebrauchter Produkte oder Komponenten, damit Materialien und Bauteile sauber getrennt werden können. Für die Wirtschaftlichkeit von Recycling ist das zentral. Solange Batterien, Elektronik oder komplexe Baugruppen nur mit hohem manuellem Aufwand zerlegt werden können, bleiben viele Wiederverwertungsmodelle teuer und schwer skalierbar.

In dieser Kategorie wurden R3 Robotics aus Luxemburg und Hiro Robotics aus Italien ausgezeichnet. R3 Robotics arbeitet laut Mitteilung an KI-gesteuerten Robotiklinien, die Batterien automatisiert und sicher zerlegen sollen. Hiro Robotics konzentriert sich auf die roboterbasierte, zerstörungsfreie Demontage von Elektronikschrott. Beide Ansätze zielen darauf, verwertbare Teile und Materialien bereits bei der Zerlegung präzise zu trennen.

Für Knorr-Bremse Green Tech ist diese Richtung strategisch naheliegend, weil Remanufacturing in vielen Industrien als margenstarkes Modell gilt. Dabei werden gebrauchte Produkte oder Komponenten so aufgearbeitet, dass sie erneut industriell genutzt werden können. Je besser die automatisierte Demontage funktioniert, desto eher lassen sich solche Prozesse in größerem Maßstab betreiben. Offen bleibt, wie schnell die prämierten Lösungen unter realen Fabrikbedingungen wirtschaftlich eingesetzt werden können.

Kritische Rohstoffe machen Recycling zur Standortfrage

Der zweite Schwerpunkt lag auf der Rückgewinnung kritischer Materialien. Kritische Rohstoffe sind Stoffe, die für moderne Technologien wichtig sind, deren Versorgung aber als unsicher oder stark konzentriert gilt. Dazu zählen Metalle für Elektronik, Batterien, Motoren oder Magnete. In der Circular Economy Industrie geht es deshalb nicht nur um Abfallvermeidung, sondern zunehmend um Versorgungssicherheit.

Ausgezeichnet wurden DEScycle aus Großbritannien und HyProMag aus Deutschland. DEScycle entwickelt nach Angaben der Beteiligten einen emissionsarmen Ionometallurgie-Prozess, mit dem Metalle aus Elektronikschrott zurückgewonnen werden sollen. HyProMag setzt auf ein wasserstoffbasiertes Verfahren zum Recycling von Hochleistungsmagneten, die in vielen industriellen und technologischen Anwendungen wichtig sind.

Damit berührt der Wettbewerb direkt das Thema Rohstoffsouveränität Europa. Wenn wertvolle Materialien aus alten Produkten zurückgewonnen werden, können Lieferketten robuster werden. Das ersetzt keine Rohstoffimporte vollständig, kann aber Abhängigkeiten verringern und die Verhandlungsposition europäischer Unternehmen stärken. Gerade für Industrien, die bei Elektronik, Mobilität und Energieeffizienz auf spezialisierte Materialien angewiesen sind, gewinnt diese Frage an Bedeutung.

Das Preisgeld ist klein, doch der Praxistest zählt

Die vier Sieger erhalten jeweils 25.000 Euro Preisgeld. Für Start-ups ist das hilfreich, im industriellen Maßstab aber kein entscheidender Betrag. Wichtiger dürfte das zusätzliche Proof-of-Concept-Budget sein. Zweimal bis zu 150.000 Euro stehen bereit, um ausgewählte Ansätze gemeinsam in konkrete Anwendungen zu überführen. Ein Proof of Concept soll zeigen, ob eine Technologie unter realistischeren Bedingungen funktioniert.

Knorr-Bremse dürfte prüfen, ob sich Green Tech mit dem eigenen industriellen Profil verbinden lässt. Das Unternehmen ist in sicherheitskritischen Systemen für Bahn und Nutzfahrzeuge verankert, also in Branchen, in denen Qualität, Verlässlichkeit und lange Produktlebenszyklen entscheidend sind. Diese Erfahrung kann bei Remanufacturing und Recycling hilfreich sein, weil auch dort industrielle Standards und reproduzierbare Prozesse zählen.

CEO Marc Llistosella sprach von einem Wachstumsfeld, in dem kreative Lösungen nötig seien. Zugleich deutete er an, dass Knorr-Bremse früh in profitable Geschäftsmodelle einsteigen wolle. Die prämierten Technologien adressieren reale Engpässe der Industrie, müssen aber noch beweisen, dass sie jenseits einzelner Pilotprojekte genügend Durchsatz, Qualität und Kostenvorteile liefern.

Europas Kreislaufwirtschaft braucht industrielle Ökosysteme

CIRCULAR REPUBLIC-Mitgründer Matthias Ballweg formulierte den industriepolitischen Anspruch deutlich: „Wer Rohstoffsouveränität in Europa ernst meint, muss in die Industrialisierung von Circular Economy investieren.“ Seine Aussage verweist auf eine Lücke vieler Nachhaltigkeitsstrategien. Einzelne Recyclingverfahren oder Start-up-Lösungen reichen nicht aus, wenn sie nicht in bestehende Produktions-, Beschaffungs- und Entsorgungsstrukturen eingebunden werden.

Für Europa könnte die Kombination aus Recycling, automatisierter Demontage und Rückgewinnung kritischer Materialien zu einem Wettbewerbsfeld werden. Der Erfolg hängt jedoch nicht allein von Technologie ab. Unternehmen benötigen planbare Regulierung, verlässliche Materialströme, Investitionsbereitschaft und Kunden, die aufgearbeitete Komponenten akzeptieren. Rohstoffsouveränität Europa entsteht daher durch industrielle Ökosysteme, in denen Start-ups, Konzerne und politische Rahmenbedingungen zusammenwirken.

Knorr-Bremse Green Tech ist vor diesem Hintergrund ein Signal, dass etablierte Industrieunternehmen die Kreislaufwirtschaft zunehmend als wirtschaftliches Thema behandeln. Die Auszeichnung ersetzt noch keine Strategie, kann aber ein Baustein sein, um Technologien früh zu testen und Partnerschaften aufzubauen. Entscheidend wird sein, ob aus den prämierten Verfahren robuste Anwendungen entstehen, die Recycling, Lieferketten und industrielle Wertschöpfung tatsächlich näher zusammenbringen.

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