MAN Truck & Bus bringt fünf vollelektrische MAN eTGX in den regulären Transport von Zulieferteilen zwischen Ungarn und Deutschland. Der Einsatz mit JS Logistics ist mehr als ein Flottenversuch, weil er die elektrische Lieferlogistik in einem Bereich erprobt, der für Industrieunternehmen besonders anspruchsvoll ist. Für die europäische Inbound-Logistik geht es damit um die Frage, wie zuverlässig schwere E-Lkw über längere Strecken, feste Takte und mehrere Länder hinweg funktionieren.
Die fünf Fahrzeuge sollen im täglichen Betrieb Zulieferteile zu MAN-Werken transportieren. Ein Teil der MAN eTGX fährt auf festen Relationen zwischen Ungarn und Bayern, andere werden über Logistikdrehkreuze in Deutschland eingesetzt. Damit rückt ein Segment in den Fokus, das bislang oft als schwieriger Anwendungsfall für Batterielkw galt, weil Produktionslogistik verlässliche Zeitfenster, planbare Reichweiten und belastbare Ladepunkte braucht.
Auf der rund 520 Kilometer langen Route zwischen Lébény in Ungarn und München setzt JS Logistics nach Angaben von MAN auf Begegnungsverkehr. Dabei fahren sich zwei Lkw entgegen und tauschen unterwegs die Auflieger, wodurch die Fahrzeuge nicht die gesamte Strecke allein bewältigen müssen. Diese Organisationsform kann Reichweitenrisiken begrenzen und zugleich zeigen, ob elektrische Schwerlasttransporte in der Serienlogik einer Industrieproduktion bestehen.
Der MAN eTGX soll beweisen, dass E-Lkw nicht nur für kurze Werksfahrten taugen
Der MAN eTGX wird hier nicht als symbolisches Vorzeigeprojekt eingesetzt, sondern in einem Umfeld mit wiederkehrenden Transporten und klaren Leistungsanforderungen. Die Fahrzeuge übernehmen sowohl Direktfahrten mit kompletter Ladung als auch gebündelte Transporte über zentrale Umschlagpunkte. Gerade diese Mischung ist relevant, weil sie näher an der Realität industrieller Lieferketten liegt als einzelne Demonstrationsfahrten auf besonders einfachen Strecken.
Neben der Relation Ungarn nach München ist ein Fahrzeug für Transporte vom Logistikzentrum Györ vorgesehen, von wo aus gebündelte Waren in MAN-Werke gehen sollen. Drei weitere elektrische Lkw werden über das Logistikzentrum Kirkel im Saarland eingesetzt. Von dort sollen Lieferungen aus Frankreich, Spanien, Portugal, Großbritannien und Irland vor allem nach München und Nürnberg weiterlaufen, was der elektrischen Lieferlogistik eine deutlich europäischere Dimension gibt.
Die europäische Inbound-Logistik wird zum Testfeld für industrielle Dekarbonisierung
Für MAN Truck & Bus ist der Schritt Teil eines umfassenderen Umbaus der eigenen Produktionslogistik. Das Unternehmen arbeitet seit Herbst 2024 daran, batterieelektrische Lkw schrittweise in das eigene Logistiknetz einzubinden. Nach Unternehmensangaben legen Lkw in diesem Bereich jährlich bis zu 165 Millionen Kilometer zurück, weshalb schon begrenzte Umstellungen auf längeren Standardrouten eine spürbare Bedeutung haben können.
Bis Mitte 2026 sollen rund 50 batterieelektrische Fahrzeuge für die Inbound-Transporte von MAN im Einsatz sein. Parallel will das Unternehmen die Ladeinfrastruktur an Werken und Serviceniederlassungen ausbauen, weil elektrische Nutzfahrzeuge nur dann wirtschaftlich planbar werden, wenn Fahrzeuge, Ladezeiten und Routen zusammenpassen. Die europäische Inbound-Logistik wird damit zu einem Praxistest dafür, wie eng Fahrzeugtechnik und Standortplanung künftig miteinander verzahnt werden müssen.
JS Logistics übernimmt eine Rolle zwischen Spediteur und Entwicklungspartner
JS Logistics ist in diesem Projekt nicht nur ausführender Transportdienstleister. Das Unternehmen liefert im laufenden Betrieb Erfahrungswerte darüber, wie sich elektrische Schwerlastfahrzeuge in Taktung, Disposition und grenzüberschreitender Abwicklung bewähren. Für mittelständische Logistiker ist das strategisch bedeutsam, weil sie unter wachsendem Druck stehen, klimafreundlichere Transportangebote zu machen, ohne die Kosten- und Verlässlichkeitsanforderungen ihrer Industriekunden zu verfehlen.
Die Übergabe der fünf MAN eTGX erfolgte im Juni 2026 am MAN Truck Forum in München. JS Logistics mit Sitz in Kirkel arbeitet in mehreren europäischen Märkten und ist unter anderem für Kunden aus der Automobil-, Chemie- und Konsumgüterbranche tätig. Dass ein solcher Dienstleister die Fahrzeuge in festen Prozessen einsetzt, macht das Projekt aussagekräftiger als eine reine Herstellerankündigung, auch wenn die Wirtschaftlichkeit im Alltag erst noch belastbar sichtbar werden muss.
Die elektrische Lieferlogistik bleibt abhängig von Infrastruktur und Planbarkeit
Der Einsatz zeigt, wohin sich der Güterverkehr in Teilen der Industrie bewegen dürfte. Wo Routen regelmäßig gefahren werden, Ladestopps planbar sind und Umschlagpunkte sinnvoll liegen, können schwere E-Lkw schneller Fuß fassen als im völlig offenen Fernverkehr. Das gilt besonders für Werksverkehre und wiederkehrende Zuliefertransporte, bei denen Disponenten Reichweite, Ladefenster und Fahrzeugumlauf im Voraus kalkulieren können.
Gleichzeitig bleibt die Skalierung anspruchsvoll. Die elektrische Lieferlogistik benötigt nicht nur Fahrzeuge, sondern auch belastbare Energieversorgung, ausreichend Ladepunkte und organisatorische Anpassungen entlang der gesamten Transportkette. MAN verweist in diesem Zusammenhang auf Beratungsangebote wie Transport Solutions und auf weitere Vorhaben zur CO₂-Reduktion bei der Fahrzeugauslieferung, doch der eigentliche Prüfstein liegt im Alltag: Wenn die Transporte zuverlässig laufen, könnte die europäische Inbound-Logistik für andere Industrien zu einem Modell werden.


