MHP blickt auf 30 Jahre Unternehmensgeschichte zurück und nutzt das Jubiläum, um den eigenen Wandel zu definieren. Aus einem SAP-Implementierungspartner ist eine Management- und IT-Beratung geworden, die sich zunehmend als Gestalter industrieller Transformation versteht.
Als das Unternehmen 1996 in Karlsruhe-Ettlingen startete, stand die Einführung betriebswirtschaftlicher Standardsoftware im Mittelpunkt. Heute geht es weniger um einzelne IT-Projekte als um die Frage, wie Industrieunternehmen ihre Wertschöpfung technisch und organisatorisch neu aufstellen. MHP positioniert sich an der Schnittstelle von Managementberatung, Prozesswissen und Umsetzung.
Diese Entwicklung spiegelt den Wandel im Beratungsmarkt. Lieferketten sollen robuster, Prozesse transparenter und Entscheidungen stärker datenbasiert werden. Zugleich müssen Unternehmen Cloud-Infrastrukturen, KI und digitale Services integrieren. Die softwaredefinierte Industrie beschreibt ein Modell, in dem Maschinen, Produkte, Fabriken und Geschäftsmodelle stärker durch Software, Daten und vernetzte Systeme geprägt werden.
Europas Industrie braucht mehr als klassische Digitalisierung
MHP stellt das Jubiläum in den Kontext europäischer Wettbewerbsfähigkeit. Industrieunternehmen konkurrieren künftig nicht mehr nur über Produktqualität und Fertigungserfahrung, sondern auch über ihre Fähigkeit, Software, Daten und Prozesse zu verbinden. Klassische Digitalisierung reicht dafür nicht aus. Die bloße Übertragung analoger Abläufe in digitale Werkzeuge schafft noch keine flexibel steuerbare Industrie.
Entscheidend ist, ob zentrale Unternehmenssysteme, Fabrikprozesse und Lieferketten auf einer gemeinsamen Datenbasis zusammenarbeiten. SAP-basierte Lösungen wie SAP S/4HANA bleiben dabei ein wichtiger Baustein, weil sie häufig das Rückgrat für Einkauf, Produktion, Logistik, Finanzen und Planung bilden. Ihr Nutzen hängt jedoch davon ab, ob sie eng mit operativen Abläufen verbunden werden.
Genau hier sieht MHP seinen Schwerpunkt. Die Beratung will technische Architektur, Prozessverständnis und strategische Steuerung zusammenführen, statt Softwareprojekte nur als IT-Migration zu behandeln. Für Kunden bedeutet das, dass eine neue Plattform nicht nur technisch funktionieren, sondern Verbesserungen bei Geschwindigkeit, Transparenz und Steuerbarkeit bringen soll.
Viele Unternehmen stehen vor einer doppelten Aufgabe. Sie müssen bestehende Produktions- und Lieferstrukturen stabil halten und zugleich neue Technologien integrieren. Künstliche Intelligenz und Cloud-Lösungen versprechen Effizienzgewinne, schaffen aber auch neue Abhängigkeiten. Die softwaredefinierte Industrie ist deshalb nicht nur ein technisches Leitbild, sondern eine Managementaufgabe.
Die Automobilindustrie prägt MHPs strategische Rolle
Die Nähe zur Automobil- und Fertigungsindustrie bleibt zentral. Porsche stieg 1998 bei MHP ein und integrierte das Unternehmen im Januar 2024 vollständig in den Konzern. Dr. Jochen Breckner, Vorstand für Finanzen und IT der Porsche AG, bezeichnete MHP zum Jubiläum als einen der führenden Beratungspartner der Automobil- und Fertigungsindustrie.
Diese Verbindung ist strategisch bedeutsam, weil kaum eine Branche derzeit so stark durch Software, Elektrifizierung, Regulierung und globale Lieferketten verändert wird. Fahrzeughersteller und Zulieferer müssen IT-Plattformen modernisieren, Produktionsdaten nutzbar machen, Software schneller entwickeln und Kosten kontrollieren. Beratungen, die Technik und industrielle Abläufe verstehen, gewinnen dadurch an Bedeutung.
Für MHP ist die Herkunft aus der Automobilbranche ein Vorteil, kann aber auch zur Begrenzung werden. Das Unternehmen muss zeigen, dass sich seine Erfahrungen auf weitere Industrien übertragen lassen. Deshalb betont MHP Märkte wie Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Energie und öffentliche Verwaltung. Diese Bereiche unterscheiden sich von der Automobilindustrie, haben aber ähnliche Anforderungen an Skalierbarkeit, Sicherheit und technologische Souveränität.
Technologische Souveränität wird zum Standortthema
MHP verbindet den Begriff technologische Souveränität mit Resilienz und europäischer Wettbewerbsfähigkeit. Gemeint ist die Fähigkeit, zentrale digitale Infrastrukturen, Softwarearchitekturen und Datenflüsse kontrollierbar zu halten. Federico Magno, Group CEO von MHP, erklärt zum Jubiläum: „30 Jahre MHP sind für uns Bestätigung und Ansporn zugleich: Unsere Strategie bewährt sich.“ Das Leitbild „The New Industrial“ soll Umsetzungsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit und digitale Eigenständigkeit bündeln.
Die Herausforderung liegt darin, solche Begriffe in industrielle Praxis zu übersetzen. Datenräume können Informationen zwischen Unternehmen kontrolliert verfügbar machen, ohne interne Systeme offenzulegen. Cloud-Plattformen ermöglichen Skalierung, werfen aber Fragen nach Anbieterabhängigkeit und Datensicherheit auf. Künstliche Intelligenz kann Planung, Wartung und Qualitätssicherung verbessern, benötigt dafür aber verlässliche Daten und klare Prozesse.
Industrielle Transformation wird damit zu einem Zusammenspiel aus Technologie, Governance und operativer Disziplin. Eine leistungsfähige Softwarearchitektur bringt wenig, wenn Verantwortlichkeiten ungeklärt, Daten unvollständig oder Prozesse nicht standardisiert sind.
Der Beratungsmarkt verschiebt sich zu industriellen Betriebssystemen
Die Entwicklung von MHP steht für einen breiteren Wandel im Beratungs- und IT-Markt. Früher konnten Unternehmen Transformationen als abgegrenzte Projekte planen, etwa eine ERP-Einführung oder den Aufbau einer digitalen Plattform. Heute greifen diese Vorhaben stärker ineinander. Produktionsplanung, Lieferkettensteuerung, Finanzsysteme, Datenanalyse und digitale Kundenservices bilden zunehmend ein Betriebssystem der Industrie.
Für MHP eröffnet das Chancen, weil Beratungen mit tiefem Branchenwissen und Umsetzungskompetenz gefragt sind. Gleichzeitig steigen die Erwartungen. Kunden wollen nicht nur Strategiepapiere, sondern konkrete Verbesserungen bei Qualität, Kosten, Geschwindigkeit und Widerstandsfähigkeit. Wer sich als Transformationspartner positioniert, muss Trends verständlich machen, Investitionsrisiken begrenzen und Lösungen schaffen, die im Alltag großer Organisationen funktionieren.
Langfristig hängt MHPs Rolle davon ab, ob das Unternehmen seine industrielle Herkunft glaubwürdig in neue Märkte übertragen kann. In Verteidigung, Energie oder öffentlicher Verwaltung gelten andere Beschaffungsregeln, Sicherheitsanforderungen und politische Rahmenbedingungen als in der Automobilindustrie. Gelingt dieser Transfer, könnte MHP von der Nachfrage nach widerstandsfähigen digitalen Industriearchitekturen profitieren. Das Jubiläum markiert dann nicht nur einen Rückblick, sondern den Übergang vom SAP-Spezialisten zu einem Anbieter, der das digitale Betriebssystem der Industrie mitgestalten will.


