MVV Enamic baut in Bismark an einem Modellfall für klimafreundliche Milchverarbeitung

Die Altmark-Käserei in Bismark will ihre Energieversorgung grundlegend umbauen und setzt dafür auf ein neues Zusammenspiel aus Kälteerzeugung, Wärmepumpen und Speichern. Gemeinsam mit MVV Enamic soll so ein System entstehen, das den Erdgasverbrauch drastisch senkt und die Molkerei Dekarbonisierung in einem energieintensiven Industriezweig voranbringt.

Für die Industrie ist das Vorhaben aus zwei Gründen bemerkenswert: Es geht nicht nur um Klimaziele, sondern auch um die Frage, wie sich Produktionsstandorte unter schwankenden Energiepreisen resilienter aufstellen lassen. Gerade in der Lebensmittelindustrie, in der Wärme und Kälte parallel benötigt werden, gilt ein solches Energiekonzept als strategisch besonders interessant.

Die Anlage am Standort Bismark Sachsen-Anhalt soll zeigen, wie sich Abwärme aus industriellen Prozessen deutlich besser nutzen lässt, als es in vielen älteren Fabriken bislang der Fall ist. Nach Angaben der beteiligten Unternehmen plant MVV Enamic eine Kältezentrale auf Ammoniakbasis mit 7,4 Megawatt Leistung sowie industrielle Wärmepumpen mit bis zu 7,5 Megawatt für die Warmwassererzeugung. Hinzu kommen drei Eisspeicher und ein Schichtenspeicher mit 1.000 Kubikmetern Volumen.

Technisch ist der Ansatz vergleichsweise leicht zu erklären: Bei der Erzeugung von Kälte fällt Wärme an, die in klassischen Systemen oft nur begrenzt weiterverwendet wird. Hier soll genau diese Energie direkt in den Produktionsprozess zurückgeführt werden. Das entlastet den Einsatz fossiler Brennstoffe und macht die Energieversorgung flexibler. MVV Enamic spricht in diesem Zusammenhang von einer Einsparung von rund 6.000 Tonnen CO₂ pro Jahr. In der Pressemitteilung werden dafür sowohl 69 Prozent als auch rund 90 Prozent Reduktion genannt, was darauf hindeutet, dass sich einzelne Bezugsgrößen unterscheiden dürften. Unstrittig ist jedoch, dass die geplante Absenkung des Erdgasverbrauchs mit rund 95 Prozent außergewöhnlich hoch ausfällt.

Solche Projekte sind mehr als Effizienzmaßnahmen, weil sie die Kostenstruktur eines Standorts verändern

Die Altmark-Käserei ist kein symbolischer Pilotstandort, sondern ein laufender Produktionsbetrieb mit rund 140 Beschäftigten. Dort werden Schnittkäse der Gouda- und Edamer-Art sowie Butterprodukte für Industrie, Handwerk und Handel hergestellt. Gerade solche Prozesse benötigen kontinuierlich Kälte, zugleich aber auch große Mengen Wärme und Warmwasser. Ein neues MVV Enamic Energiekonzept greift deshalb direkt in die operative Basis des Werks ein.

Für die Betreiber ist das wirtschaftlich relevant, weil Energie nicht mehr nur als unvermeidbarer Kostenblock behandelt wird, sondern als steuerbare Größe. Laut Mitteilung soll die Erzeugung von Wärme und Kälte künftig am Bedarf und auch an Marktpreisen ausgerichtet werden können. Das erhöht die Chance, Lasten intelligenter zu verschieben und Produktionskosten besser zu kalkulieren. In Zeiten volatiler Energiepreise kann das für eine Molkerei ein Wettbewerbsvorteil sein, auch wenn die eigentliche Produktion unverändert bleibt.

Der Einsatz industrieller Wärmepumpen zeigt, wie Dekarbonisierung in Bestandsindustrien praktisch funktioniert

Industrielle Wärmepumpen gelten seit einigen Jahren als Schlüsseltechnologie für Branchen, die bislang stark von Erdgas abhängen. Anders als Wärmepumpen im Wohnungsbau arbeiten sie in deutlich größeren Leistungsbereichen und müssen in bestehende Produktionsprozesse integriert werden. Genau darin liegt die Herausforderung: Wirtschaftlich wird die Technik erst dann, wenn Temperaturanforderungen, Lastprofile und Speicher sinnvoll zusammenspielen.

Das Projekt in Bismark Sachsen-Anhalt passt damit in eine breitere industriepolitische Entwicklung. Bund und Länder fördern derzeit verstärkt Investitionen, die Energie- und Ressourceneffizienz verbessern. Im konkreten Fall soll das Vorhaben über das EEW-Programm unterstützt werden. Förderprogramme dieser Art senken für Unternehmen das Risiko hoher Anfangsinvestitionen. Sie ersetzen aber nicht die betriebswirtschaftliche Prüfung. Dass MVV Enamic neben Planung und Bau auch Finanzierung, Betrieb und Energiemanagement übernimmt, deutet darauf hin, dass hier ein Modell gewählt wurde, das technisches und wirtschaftliches Risiko teilweise an einen spezialisierten Partner auslagert.

Versorgungssicherheit wird für die Lebensmittelindustrie fast so wichtig wie die CO₂-Bilanz

Für einen Lebensmittelstandort zählt nicht allein die Frage, ob eine Technik klimafreundlich ist. Sie muss auch stabil laufen. Kühlung gehört in einer Käserei zur kritischen Infrastruktur, Ausfälle wären teuer und könnten Ware gefährden. Deshalb ist bemerkenswert, dass die Unternehmen die Versorgungssicherheit ausdrücklich hervorheben. Olaf Braumann, Geschäftsführer der Altmark-Käserei, bezeichnete die neue Lösung als „ein zentraler Baustein unserer Nachhaltigkeitsstrategie und stärkt gleichzeitig unsere Wettbewerbsfähigkeit“.

Dass MVV Enamic den Betrieb der Anlagen über zwölf Jahre übernehmen soll, unterstreicht diesen Punkt. Ein solches Vertragsmodell bindet den Energiedienstleister eng an die tatsächliche Performance der Technik. Für die Altmark-Käserei sinkt damit der Aufwand, komplexe Energiesysteme selbst zu steuern. Für MVV Enamic wiederum ist das Projekt ein Referenzfall in einem Markt, in dem viele Industriebetriebe nach konkreten, finanzierbaren Wegen zur Dekarbonisierung suchen. Die geplante Inbetriebnahme Ende 2027 zeigt allerdings auch, dass industrielle Transformation Zeit braucht: zwischen Förderantrag, Planung, Bau und Integration in den laufenden Betrieb liegen oft mehrere Jahre.

Der Umbau der Energieversorgung könnte zum Signal für andere mittelständische Produktionsstandorte werden

Gerade mittelgroße Werke stehen häufig vor einem Dilemma: Sie sind zu energieintensiv, um Klimapolitik ignorieren zu können, aber oft nicht groß genug, um jede neue Technik aus eigener Kraft zu entwickeln. Deshalb sind Projekte wie dieses für die Branche interessant. Sie liefern weniger eine spektakuläre Einzelinnovation als vielmehr ein übertragbares Muster: Kälteerzeugung, Abwärmenutzung, Speicher und externes Energiemanagement werden zu einem Gesamtsystem verknüpft.

Ob daraus ein Vorbild für weitere Standorte wird, hängt am Ende nicht nur von der Technik ab. Entscheidend ist, ob sich die versprochenen Einsparungen im Alltag tatsächlich bestätigen und ob das Modell auch unter veränderten Strom- und Förderbedingungen tragfähig bleibt. Sollte das gelingen, wäre das Projekt mehr als eine lokale Modernisierung. Es wäre ein Hinweis darauf, wie Molkerei Dekarbonisierung in Deutschland künftig aussehen könnte: weniger durch symbolische Klimaversprechen, sondern durch Umbauten im Maschinenraum der Industrie.

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