Pomini Tenova und Siemens wollen ihre seit Jahrzehnten bestehende Zusammenarbeit ausbauen und ältere Schleifanlagen technisch aufwerten. Im Mittelpunkt steht die Modernisierung von Walzenschleifmaschinen mit neuer Steuerungs-, Automatisierungs- und Analysesoftware. Für die digitale Walzwerkindustrie ist das vor allem deshalb relevant, weil industrielle Modernisierung bestehende Investitionen länger nutzbar machen kann.
Walzenschleifmaschinen bearbeiten die Oberfläche großer Walzen, die in Stahl- und Metallwerken Bleche und Bänder formen. Schon geringe Abweichungen beim Schleifen können sich auf Maßhaltigkeit und Oberflächenqualität des späteren Produkts auswirken. Die Maschinen gehören deshalb zu einer Infrastruktur, deren Ausfall ganze Prozessketten beeinträchtigen kann. Statt solche Anlagen vollständig zu ersetzen, setzen die Partner auf mechanische Nachrüstung, neue Antriebe und moderne CNC-Steuerungen, also Computersysteme, die Bewegungen und Bearbeitungsschritte präzise koordinieren.
Der wirtschaftliche Hebel liegt in der längeren Nutzung bestehender Anlagen
Nach Angaben der Unternehmen reichen die gemeinsamen Projekte mehr als 40 Jahre zurück, knapp 1.000 Maschinen von Pomini Tenova seien bereits mit Siemens-Technik ausgestattet. Diese installierte Basis macht die Kooperation wirtschaftlich bedeutsam, weil Modernisierungen nicht erst einen neuen Markt schaffen müssen, sondern an vorhandenen Anlagen ansetzen können. Für Betreiber kann das geringere Investitionsrisiken bedeuten, sofern zentrale Komponenten austauschbar bleiben und die modernisierten Systeme langfristig unterstützt werden. Die industrielle Modernisierung wird damit zu einer Alternative zwischen laufender Reparatur und teurem Neubau.
Der Ansatz folgt einem breiteren Muster im Maschinenbau. Viele Industrieunternehmen versuchen, ältere Anlagen digital anschlussfähig zu machen, statt sie vorzeitig abzuschreiben. Das kann Kapital schonen und Umbauzeiten verkürzen, erhöht aber zugleich die Anforderungen an Schnittstellen, Ersatzteilversorgung und Cybersecurity. Ob die Rechnung aufgeht, hängt daher nicht allein von neuer Software ab, sondern von der Qualität des gesamten Umbaus.
Automatisierung soll aus Maschinendaten konkrete Entscheidungen ableiten
Technischer Kern der Zusammenarbeit ist die Verbindung des Prozesswissens des Maschinenbauers mit der CNC-Plattform Sinumerik One sowie Antriebs- und Automatisierungstechnik von Siemens. Die Steuerung übernimmt dabei nicht nur Bewegungsbefehle, sondern bildet die Grundlage für Überwachung, Diagnose und abgestimmte Sicherheitsfunktionen. Sensor- und Betriebsdaten sollen genutzt werden, um Verschleiß oder Abweichungen früher zu erkennen. Vorausschauende Instandhaltung bedeutet in diesem Zusammenhang, Wartung nicht nach einem starren Kalender, sondern nach dem tatsächlichen Zustand der Maschine zu planen.
Hinzu kommen Funktionen der industriellen künstlichen Intelligenz. Sie sollen Schleifprozesse fortlaufend auswerten und Parameter so anpassen, dass Qualität und Produktivität stabiler werden. Von einem vollständig selbstständigen Betrieb ist die Branche damit allerdings noch nicht automatisch erreicht. Autonomie setzt verlässliche Daten, klar definierte Eingriffsgrenzen und eine Absicherung gegen Fehlentscheidungen voraus.
Die digitale Walzwerkindustrie verschiebt den Wettbewerb in Richtung Software
Mit der Modernisierung von Walzenschleifmaschinen verändert sich auch der Wettbewerb unter Maschinenbauern. Mechanische Präzision bleibt entscheidend, doch zusätzliche Differenzierung entsteht zunehmend durch Software, Diagnosefähigkeit und die Einbindung in übergeordnete Produktionssysteme. Wer bestehende Maschinenflotten digital aufwerten kann, erschließt nicht nur einmalige Umbauprojekte, sondern auch langfristige Erlöse mit Service, Updates und Datenanalyse. Für Kunden wächst damit allerdings die Abhängigkeit von dauerhaft kompatiblen Plattformen und verlässlichen Partnern.
Bei Neumaschinen sollen laut Siemens zudem digitale Zwillinge eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um virtuelle Abbilder von Anlagen, an denen sich Abläufe testen, Optimierungen vorbereiten oder Fehlerbilder untersuchen lassen, bevor Änderungen an der realen Maschine vorgenommen werden. Im Bestand ist diese Durchgängigkeit schwieriger, weil ältere Maschinen häufig uneinheitliche Datenstrukturen und nachgerüstete Komponenten besitzen. Gerade dort dürfte sich zeigen, wie belastbar die versprochene Integration tatsächlich ist.
Mehr Autonomie erhöht zugleich die Anforderungen an Sicherheit und Kontrolle
Je stärker Wartung, Prozessführung und Qualitätskontrolle automatisiert werden, desto wichtiger werden Cybersecurity und klare Verantwortlichkeiten. Eine vernetzte Schleifmaschine kann zwar schneller auf Abweichungen reagieren, sie wird aber auch Teil einer größeren digitalen Angriffsfläche. Die Partner verweisen deshalb auf integrierte Sicherheitskonzepte und auf Lösungen für Werkzeugmaschinen, nennen in der Mitteilung jedoch keine konkreten Standards oder Einführungsfristen. Für Betreiber wird entscheidend sein, ob Schutzmaßnahmen über den gesamten Lebenszyklus aktualisiert werden können.
Strategisch stärkt die Kooperation das Retrofit-Geschäft, also die technische Erneuerung vorhandener Anlagen. Das ist für kapitalintensive Branchen attraktiv, weil Produktionsmittel oft über Jahrzehnte genutzt werden und ein Austausch hohe Kosten sowie längere Stillstände verursachen kann. Zugleich zeigt das Vorhaben, dass autonome Produktion nicht nur in neuen Fabriken entstehen soll, sondern schrittweise im Bestand. Der langfristige Nutzen wird sich daran messen lassen, ob die Systeme Ausfallzeiten tatsächlich senken, eine konstante Schleifqualität sichern und zugleich beherrschbar bleiben.


