Mit einer eigens errichteten Versuchslinie im Zementwerk Mergelstetten beginnt ein ungewöhnlich großer Praxistest für klimafreundlichere Baustoffe. Das Projekt catch4climate soll klären, ob sich die Pure-Oxyfuel CO₂-Abscheidung technisch und wirtschaftlich so beherrschen lässt, dass sie für die europäische Zementindustrie infrage kommt. Nach Angaben der Projektgesellschaft handelt es sich um die weltweit erste Forschungs- und Entwicklungsanlage, die dieses Verfahren in einer eigenen Klinkerlinie erprobt.
Die Zementherstellung gehört zu jenen Industrieprozessen, bei denen Emissionen nicht allein durch den Austausch fossiler Brennstoffe verschwinden. Ein erheblicher Teil des Kohlendioxids entsteht bei der chemischen Umwandlung von Kalkstein zu Klinker, dem zentralen Vorprodukt von Zement. Für Hersteller, die ihre Produktion weitgehend dekarbonisieren wollen, wird die Abscheidung von CO₂ deshalb zu einer strategischen Ergänzung von Energieeffizienz, alternativen Brennstoffen und neuen Materialmischungen.
Hinter dem Vorhaben stehen Buzzi mit Dyckerhoff, Heidelberg Materials, SCHWENK Zement und Vicat. Die Wettbewerber gründeten 2019 mit kartellrechtlicher Genehmigung die Forschungsgesellschaft CI4C und investierten nach eigenen Angaben mehr als 120 Millionen Euro, ohne öffentliche Fördermittel zu nutzen. Diese private Investition zeigt, wie hoch der Handlungsdruck in der Branche eingeschätzt wird. Zugleich verteilt die Kooperation technische Risiken und Entwicklungskosten auf mehrere Unternehmen, die bei späteren Großprojekten wieder eigenständig entscheiden dürften.
Die Versuchsanlage soll den Sprung in den industriellen Maßstab vorbereiten
Für das Projekt catch4climate wurde am Zementwerk Mergelstetten eine separate Drehofenlinie gebaut, die ausschließlich der Forschung dient. Sie kann täglich bis zu 450 Tonnen Klinker erzeugen und ist damit deutlich näher an realen Produktionsbedingungen als ein klassischer Laborversuch. Der Maßstab ist entscheidend, weil sich erst im laufenden Ofenbetrieb zeigt, wie stabil Prozesse, Materialqualität und Energieverbrauch zusammenspielen.
Die Anlage produziert noch nicht für den regulären Markt. Ihr Zweck besteht darin, Daten für spätere Investitionsentscheidungen zu liefern und technische Schwachstellen früh sichtbar zu machen. Für die europäische Zementindustrie könnte daraus eine belastbarere Grundlage entstehen, um Abscheidetechnik an bestehenden oder neuen Werken zu planen, statt sich allein auf Modellrechnungen und kleinere Pilotanlagen zu stützen. Ob daraus ein wirtschaftlich tragfähiger Standard wird, lässt sich aus der Inbetriebnahme allein jedoch noch nicht ableiten.
Gemeinsame Forschung verteilt Kosten, doch Investitionsrisiken bleiben
Die Zusammenarbeit der vier Hersteller ist auch industriepolitisch bemerkenswert, weil sie Forschung an einer gemeinsamen Grundlagentechnologie ermöglicht, ohne den Wettbewerb im Kerngeschäft vollständig aufzuheben. Erkenntnisse über Ofenführung, Gasqualität und Anlagenbetrieb können zunächst gemeinsam gewonnen werden, während spätere Entscheidungen über Standorte, Kapazitäten und Vermarktung bei den einzelnen Konzernen liegen. Das Modell verkürzt möglicherweise Lernkurven, beseitigt aber nicht die hohen Folgekosten für Umbauten, Sauerstoffversorgung und CO₂-Infrastruktur. Gerade weil keine staatliche Förderung eingesetzt wurde, dürfte die Branche genau beobachten, ob die technische Entwicklung auch belastbare wirtschaftliche Argumente liefert.
Reiner Sauerstoff erleichtert die Trennung, aber nicht die Gesamtaufgabe
Bei herkömmlichen Öfen gelangt mit der Verbrennungsluft viel Stickstoff in den Abgasstrom, wodurch das enthaltene Kohlendioxid verdünnt wird. Die Pure-Oxyfuel CO₂-Abscheidung setzt stattdessen auf reinen Sauerstoff und erzeugt so ein stärker konzentriertes CO₂-Gemisch, das sich leichter abtrennen lässt. Das abgeschiedene Gas könnte anschließend gespeichert oder als Rohstoff in anderen industriellen Prozessen genutzt werden, sofern passende Transportwege, Abnehmer und Speicher verfügbar sind.
Der technische Vorteil löst die wirtschaftliche Frage nicht automatisch. Die Bereitstellung von Sauerstoff benötigt zusätzliche Anlagen und Energie, während Abscheidung, Aufbereitung und Weitertransport eine neue Infrastruktur entlang der Lieferketten verlangen. Die kommenden Testreihen müssen daher zeigen, ob die vereinfachte Trennung die zusätzlichen Kosten und den Betriebsaufwand in einem industriell tragfähigen Verhältnis ausgleicht. Ebenso wichtig ist, ob die Klinkerproduktion dauerhaft die geforderte Qualität erreicht und der Ofen unter veränderten Verbrennungsbedingungen stabil arbeitet.
Mergelstetten wird zum Testfeld für Europas Zementstrategie
Erste Betriebsschritte wurden bereits vor der Einweihung erreicht. Ende Mai 2026 erzeugte die Anlage erstmals Klinker, Mitte Juni wurde erstmals Sauerstoff in den Prozess eingespeist, nach Darstellung der Projektgesellschaft wurden dabei die Ziele der ersten Kampagne erfüllt. Für das Zementwerk Mergelstetten beginnt damit eine längere Erprobungsphase, in der nicht die symbolische Inbetriebnahme, sondern reproduzierbare Ergebnisse zu Qualität, Kosten und Betriebssicherheit zählen.
Politisch ist das Projekt relevant, weil die industrielle Transformation nicht nur von Klimazielen, sondern auch von Genehmigungen, Energieangebot und Infrastruktur für CO₂-Speicherung abhängt. Sollte sich die Pure-Oxyfuel CO₂-Abscheidung bewähren, könnten die beteiligten Hersteller das Wissen auf weitere Standorte übertragen und damit einen Teil ihrer prozessbedingten Emissionen adressieren. Bis daraus ein breiter Einsatz wird, bleiben Fragen zur Skalierung, zum Strombedarf und zu verlässlichen Rahmenbedingungen der Industriepolitik offen. Der Praxistest liefert deshalb weniger eine fertige Lösung als eine Entscheidungsgrundlage dafür, welche Rolle CO₂-Abscheidung künftig in einer emissionsärmeren Baustoffproduktion spielen kann.


