Die REWE Group plant die Übernahme von bis zu 40 Tegut Märkten von der Genossenschaft Migros Zürich. Der Schritt könnte die Kräfteverhältnisse im regionalen Lebensmitteleinzelhandel Deutschland punktuell verschieben, steht aber noch unter dem Vorbehalt der Behörden. Entscheidend wird nun die kartellrechtliche Prüfung durch das Bundeskartellamt.
Nach Angaben der beteiligten Unternehmen haben REWE Group und die Genossenschaft Migros Zürich am 15. April eine Vereinbarung über eine mögliche Übernahme geschlossen. Ein Großteil der betroffenen Tegut Märkte soll demnach künftig unter der Marke REWE geführt werden, weitere Standorte sollen an PENNY übergehen. Welche Filialen konkret betroffen sind, wurde mit Verweis auf laufende Verfahren und Vertraulichkeit zunächst nicht genannt.
Für die REWE Group wäre die Transaktion weniger ein großer Zukauf im nationalen Maßstab als vielmehr ein regional gezielter Ausbau des Filialnetzes. Im deutschen Lebensmittelhandel entscheiden einzelne Standorte oft über lokale Marktpositionen, besonders dort, wo Nahversorgung, Erreichbarkeit und Preisniveau für Verbraucher eine zentrale Rolle spielen. Die geplante Übernahme zeigt damit auch, wie stark der Lebensmitteleinzelhandel Deutschland von Standortqualität, Logistik und hoher Auslastung geprägt ist.
Die geplante Integration betrifft nicht nur neue Firmenschilder an bestehenden Märkten. Die Standorte sollen nach einer Freigabe an Sortiments- und Logistiksysteme des Kölner Handelskonzerns angebunden werden. Für Kundinnen und Kunden könnte das ein stärker standardisiertes Angebot, eine größere Rolle von Eigenmarken und eine verlässlichere Warenverfügbarkeit bedeuten. Zugleich verweist REWE darauf, dass die Verbindung zu regionalen Produzenten erhalten bleiben solle, was bei früheren Tegut Kunden besonders sensibel sein dürfte.
Die Übernahme zeigt den Druck auf regionale Handelsformate
Tegut steht im deutschen Lebensmittelmarkt für ein vergleichsweise profiliertes Sortiment mit Bio-Produkten und regionaler Ausrichtung. Gerade solche Konzepte geraten jedoch zunehmend unter Druck, weil sie hohe Anforderungen an Beschaffung, Fläche, Personal und Preisgestaltung stellen. Große Handelsgruppen können Skaleneffekte in Einkauf, Logistiksysteme und IT besser nutzen, während kleinere oder regional geprägte Strukturen bei Kostensteigerungen schneller an Grenzen stoßen.
Die geplante Übernahme der Tegut Märkte fügt sich damit in eine breitere Entwicklung ein. Der Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel Deutschland wird nicht nur über Preise geführt, sondern auch über Frische, Verfügbarkeit, Standorte und Arbeitskräfte. Für REWE und PENNY könnten die Märkte daher vor allem dort interessant sein, wo bestehende Kundenfrequenz, gute Lage und eingespielte Teams bereits vorhanden sind. Für die Genossenschaft Migros Zürich scheint der Verkauf zugleich Ausdruck einer strategischen Bereinigung zu sein, nachdem sie nach eigenen Angaben mit mehreren möglichen Erwerbern gesprochen hatte.
Peter Maly, Vorstand der REWE Group, wird mit den Worten zitiert: „Wir wollen die Verantwortung für die Standorte und ihre Teams übernehmen.“ Diese Aussage zielt auf zwei Punkte, die in solchen Transaktionen regelmäßig besonders beobachtet werden. Einerseits geht es um die Frage, ob Arbeitsplätze erhalten bleiben. Andererseits entscheidet sich an der weiteren Entwicklung der Märkte, ob aus einer Übernahme tatsächlich eine stabile Nahversorgung entsteht oder lediglich eine Umstellung auf ein anderes Vertriebskonzept.
PENNY könnte einzelne Standorte stärker in Richtung Preiswettbewerb verschieben
Dass ein Teil der Märkte künftig von PENNY betrieben werden soll, ist strategisch bedeutsam. Während REWE als Vollsortimenter stärker auf Breite, Frische und Service setzt, steht PENNY für den Discountkanal innerhalb der Gruppe. Damit könnten einzelne bisherige Tegut Standorte künftig ein anderes Marktprofil bekommen. Je nach Lage wäre das für Verbraucher attraktiv, wenn ein günstigeres Angebot fehlt, könnte aber auch die bisherige Positionierung der Märkte verändern.
PENNY verweist in der Mitteilung auf das eigene Markthallen-Konzept, das Frische, Markenprodukte und Eigenmarken zu niedrigeren Preisen verbinden soll. Der Bereichsvorstand Stefan Görgens sagt dazu: „Sobald die Freigabe erteilt wird, modernisieren wir die neuen Märkte auf unser Markthallen-Konzept.“ Hinter dieser Formulierung steht ein Trend, der den Discount seit Jahren prägt. Discounter treten nicht mehr nur über niedrige Preise an, sondern versuchen, mit Backwaren, Obst und Gemüse, Frischetheken ähnlicher Warenpräsentation und klarer Ladenführung näher an klassische Supermärkte heranzurücken.
Für die betroffenen Kommunen kann die Unterscheidung zwischen REWE und PENNY dennoch relevant sein. Ein Vollsortimenter erfüllt andere Erwartungen als ein Discounter, etwa bei Bio-Produkten, regionalen Herstellern oder Bedienungsangeboten. Die angekündigte Modernisierung dürfte deshalb nicht überall gleich wahrgenommen werden. Gerade in kleineren Orten kann der Betreiberwechsel darüber entscheiden, ob ein Markt weiter als umfassender Nahversorger gilt oder stärker als preisorientierte Einkaufsstätte.
Die kartellrechtliche Prüfung entscheidet über Tempo und Umfang
Noch ist offen, ob die Übernahme vollständig wie geplant umgesetzt werden kann. Die kartellrechtliche Prüfung durch das Bundeskartellamt ist bei solchen Transaktionen mehr als ein formaler Schritt. Die Behörde untersucht, ob sich durch den Zusammenschluss in einzelnen regionalen Märkten eine zu starke Stellung ergibt. Gerade im Lebensmittelhandel kommt es dabei weniger auf bundesweite Marktanteile an als auf lokale Einkaufsmöglichkeiten und die Wettbewerbssituation im unmittelbaren Umfeld.
Nach der Vertragsunterzeichnung soll die Anmeldung beim Bundeskartellamt zügig erfolgen. Erst nach einer Freigabe könnten REWE Group, PENNY und die Genossenschaft Migros Zürich die Übergabe der Standorte vorbereiten. Für die Beschäftigten ist diese Phase besonders wichtig, weil nach Angaben der Unternehmen allen Mitarbeitenden der betroffenen Märkte ein Angebot gemacht werden soll. Tarifbindung und Beschäftigungsperspektiven werden in der öffentlichen Bewertung des Vorhabens daher eine wichtige Rolle spielen.
Für die Branche ist die Transaktion ein weiteres Signal, dass Handelsunternehmen ihre Netze gezielt verdichten, statt nur auf großflächige Expansion zu setzen. Gute Standorte sind knapp, Genehmigungen für neue Märkte dauern oft lange und Verbraucher erwarten zugleich kurze Wege. Wenn bestehende Tegut Märkte in das System von REWE und PENNY übergehen, könnte das für einzelne Regionen eine stabilere Einkaufsinfrastruktur bringen. Es würde aber auch die Konzentration im Markt weiter erhöhen, was die Prüfung durch die Wettbewerbshüter politisch und wirtschaftlich relevant macht.


