RTL Deutschland will künstliche Intelligenz deutlich tiefer in Produktion, Streaming, Werbung und interne Abläufe integrieren. Der Medienkonzern setzt dabei nicht mehr nur auf einzelne Experimente, sondern auf Systeme, die Arbeitsprozesse strukturieren und Inhalte schneller nutzbar machen sollen. Für die Medienbranche in Deutschland ist das ein Signal: KI wird vom Zusatzwerkzeug zur strategischen Infrastruktur.
KI soll die gesamte Wertschöpfungskette verändern
Im Mittelpunkt steht nicht allein generative KI, die Texte, Bilder, Stimmen oder Videos erzeugt. RTL Deutschland verweist besonders auf Agentic AI, also auf Systeme, die Aufgaben weitgehend eigenständig planen, vorbereiten und ausführen können. Sie sollen Redaktionen, Produzenten und technische Teams nicht ersetzen, sondern im Alltag entlasten.
Der Konzern will KI entlang der gesamten Wertschöpfungskette einsetzen, von der Stoffentwicklung über Schnitt und Bearbeitung bis zur Ausspielung. Für ein privates Medienhaus ist das besonders relevant, weil Streaminganbieter und Fernsehsender unter Kostendruck stehen und zugleich schneller neue Inhalte bereitstellen müssen. KI in Streaming und Fernsehen wird damit zu einem Mittel, Produktionsgeschwindigkeit, Variantenvielfalt und Ressourceneinsatz neu auszubalancieren.
Agentic AI wird zur organisatorischen Strategie
Besonders sichtbar wird der Anspruch beim geplanten Aufbau einer sogenannten Agent Factory. Dort sollen agentenbasierte Anwendungen für konkrete Aufgaben in Medienproduktion, Vermarktung und internen Prozessen entstehen. Beim Werbetechnologieanbieter Smartclip sollen Plattformen wie Sidekicks Teams dabei unterstützen, Informationen aufzubereiten, Entscheidungen vorzubereiten und wiederkehrende Arbeitsschritte zu übernehmen.
RTL-Deutschland-Chef Stephan Schmitter formuliert das Ziel weitreichend: Das Unternehmen wolle sich zum führenden Agentic-AI-Medienhaus im deutschsprachigen Raum entwickeln. Entscheidend ist dabei weniger der Führungsanspruch als die Richtung. KI soll nicht nur dort eingesetzt werden, wo sie sichtbar neue Bilder oder Stimmen erzeugt, sondern in Prozesse hineinwachsen, die bisher oft unsichtbar blieben: Planung, Auswertung, Sortierung und Abstimmung.
Damit entstehen neue Anforderungen an Verantwortung und Kontrolle. Je stärker KI-Systeme Entscheidungen vorbereiten, desto wichtiger werden klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Qualitätsprüfungen und Regeln für Datenschutz, Urheberrechte und redaktionelle Verantwortung. RTL betont, dass der Mensch die kreative Verantwortung behalten soll. In der Praxis wird sich zeigen müssen, wie eindeutig diese Trennung bleibt.
Serien und Shows werden zum Testfeld
Die sichtbarsten Beispiele liegen im Programmbereich. RTL Deutschland hatte bereits bei „Neue Geschichten vom Pumuckl“ KI eingesetzt, um die Stimme des verstorbenen Schauspielers Hans Clarin zu reproduzieren. Auch bei „Unter Uns“ wurde eine verstorbene Serienfigur mithilfe künstlicher Intelligenz wieder in die Handlung eingebunden. Solche Fälle zeigen, wie stark KI inzwischen in kreative und ethische Grenzbereiche hineinreicht.
Weitere Formate sollen folgen. Bei „Ulrich Wetzel – das Strafgericht“ arbeiten RTL Deutschland und Constantin Entertainment an KI-gestützten Varianten bereits produzierter Folgen. Aus vorhandenem Material sollen neue Episoden mit veränderter Dramaturgie, neuen Darstellern und alternativen Urteilen entstehen. Nach Angaben des Unternehmens werden diese Folgen juristisch geprüft und redaktionell verantwortet. Gerade bei einem Gerichtsshow-Format ist das wichtig, weil fiktionale Dramaturgie, rechtliche Plausibilität und der Eindruck realitätsnaher Fälle eng beieinanderliegen.
Auch die Postproduktion wird stärker automatisiert. RTL Studios entwickelt mit dem „AI Director“ ein Werkzeug, das Audio- und Videomaterial analysiert, Inhalte transkribiert, Szenen erkennt und bei der Entwicklung von Storylines hilft. Der erste größere Einsatz ist für die nächste Produktion von „Are You The One“ in Thailand vorgesehen. Für Reality-Formate ist das naheliegend, weil dort große Mengen Material entstehen, aus denen erst im Schnitt eine erzählerische Struktur gebaut wird.
Virtuelle Kulissen verändern die Serienproduktion
Ein weiteres Feld sind virtuelle Kulissen und digital erweiterte Räume. In Babelsberg testet UFA Serial Drama unter realen Produktionsbedingungen, wie Serienproduktion flexibler und visuell anspruchsvoller werden kann. Bei „Unter Uns“ und „Alles was zählt“ sind virtuell erweiterte Hintergründe laut RTL Deutschland bereits auf Sendung. Auch bei „GZSZ“ soll die Technik weiter erprobt werden.
Gemeint ist dabei nicht nur ein digitaler Effekt am Rand, sondern eine Veränderung der Produktionslogik. Drehorte können ergänzt, variiert oder teilweise ersetzt werden, ohne dass jedes Motiv physisch gebaut oder bereist werden muss. Für fiktionale Inhalte kann das finanzielle und kreative Spielräume eröffnen. Kulissen lassen sich digital vergrößern, Szenen können atmosphärisch dichter wirken und Produktionen werden unabhängiger von realen Orten.
Bei „Club der roten Bänder – Die neue Generation“ soll KI ebenfalls dazu dienen, Kulissen digital zu erweitern und visuelle Möglichkeiten auszubauen. Die Neuauflage ist für RTL+ und Vox angekündigt. Für Produzenten kann das bedeuten, dass auch im deutschen Serienmarkt Bilder möglich werden, die früher eher größeren Budgets vorbehalten waren.
Werbung, Jugendschutz und Governance rücken in den Fokus
Neben Serien und Shows betrifft der KI-Ausbau auch Werbung und Ausspielung. RTL plant erneut vollständig KI-generierte Werbetrenner im Hauptprogramm, nachdem bereits zur Weihnachtszeit 2025 zahlreiche Varianten ausgestrahlt worden sein sollen. Solche Elemente wirken klein, sind aber für Sender relevant. Sie prägen das On-Air-Branding, lassen sich schnell variieren und eignen sich als Testfeld, weil sie weniger komplex sind als ganze Sendungen.
Langfristig wichtiger sind jedoch Governance-Fragen. RTL Deutschland verweist auf Standards für Qualität, Verantwortung, Datenschutz und Rechte. Zudem wurden zentrale Projekte aus der Pilotphase in den regulären Einsatz überführt. Dazu zählt die Jugendschutz-KI „Merm:ai:d“, die Anfang 2026 in einen Modellversuch der Kommission für Jugendmedienschutz gestartet ist.
Damit wird deutlich: KI im Medienhaus ist nicht nur eine Frage von Effizienz. Systeme, die in sensiblen Bereichen wie Jugendschutz, redaktioneller Auswahl oder fiktionaler Rekonstruktion eingesetzt werden, müssen erklärbar, überprüfbar und verlässlich sein. Gesteuert werden die Aktivitäten über ein AI Transformation Cockpit, unterstützt durch RTL Data, RTL Technology, den KI Hub und die KI Academy. Für die Medienbranche könnte der Ansatz Signalwirkung haben. Wer KI in Streaming und Fernsehen ernsthaft nutzen will, braucht nicht nur Software, sondern auch neue Regeln, Kompetenzen und Kontrollmechanismen.


