Der Energiekonzern RWE hat in Kampanien zwei Agri-PV-Anlagen in Betrieb genommen, die Landwirtschaft und Stromerzeugung auf derselben Fläche verbinden sollen. Das Projekt steht für einen Trend, der erneuerbare Energien stärker mit Fragen der Flächennutzung, regionaler Akzeptanz und landwirtschaftlicher Nutzung verknüpft. Mit zusammen 19,1 Megawatt Wechselstromleistung soll nun erstmals Solarstrom in Kampanien aus kommerzieller Agri-PV von RWE kommen.
Die Anlagen Morcone und Acquafredda liegen in der Provinz Benevento und kommen nach Unternehmensangaben auf 9,8 beziehungsweise 9,3 Megawatt Wechselstromleistung. Rund 32.500 Solarmodule sollen dort rechnerisch Strom für etwa 13.000 italienische Haushalte liefern. Für RWE in Italien ist das mehr als ein weiterer Solarpark, weil die Projekte zeigen sollen, ob sich Stromproduktion, landwirtschaftliche Erträge und Naturschutz auf einer Fläche belastbar miteinander verbinden lassen. Solarstrom in Kampanien erhält damit eine zusätzliche strategische Bedeutung, weil die Region nicht nur als Standort für Energieerzeugung, sondern auch als landwirtschaftlich genutzter Raum adressiert wird.
Die Doppelnutzung macht knappe Flächen wirtschaftlich und politisch wertvoller
Agri-PV beschreibt Photovoltaikanlagen, bei denen Solarmodule so angeordnet werden, dass darunter weiterhin Landwirtschaft betrieben werden kann. In Morcone und Acquafredda setzt RWE dafür auf erhöhte Tracker-Systeme, deren Module auf rund drei Meter hohen Gestellen montiert sind und sich entlang einer Achse bewegen können. Diese Technik soll die Stromausbeute verbessern und zugleich mehr nutzbare Fläche für Pflanzen lassen als klassische Solarparks, die Bodenflächen stärker belegen. Kommerzielle Agri-PV wird damit zu einem Versuch, den häufigen Zielkonflikt zwischen Energieausbau und Flächennutzung abzumildern, ohne ihn vollständig aufzulösen.
Die landwirtschaftliche Nutzung bleibt dabei nicht beim Energiekonzern selbst, sondern liegt nach den Angaben bei lokalen Betrieben, die Auswahl, Anbau und Ernte der Kulturen mit den Grundstückseigentümern abstimmen. Genannt werden Luzerne, Hafer, Ackerbohnen, Rosmarin, Kamille und weitere Heilkräuter. Der Ansatz beruht auf der Annahme, dass Schatten unter den Modulen im Sommer Hitzestress verringern und den Wasserbedarf senken kann. Zugleich könnten die Konstruktionen Pflanzen vor Hagel, Frost und Starkregen schützen, was angesichts zunehmender Wetterrisiken für landwirtschaftliche Betriebe relevanter wird.
Die Forschung soll zeigen, ob der ökologische Nutzen trägt
Ob die Doppelnutzung tatsächlich mehr ist als eine elegante Projektbeschreibung, soll eine dreijährige Untersuchung mit der Universität Neapel Federico II klären. Das Forschungsteam soll erfassen, wie sich die Anlagen auf Boden, Pflanzen, Bestäuber und weitere Ökosystemleistungen auswirken. Dazu gehören agrometeorologische Messungen, Analysen zur chemischen und biologischen Bodenfruchtbarkeit, Untersuchungen von Mikroorganismen, Ertragsdaten sowie Beobachtungen spontaner Vegetation. Für RWE ist das Monitoring auch deshalb wichtig, weil der Konzern eine positive Wirkung auf Biodiversität bis 2030 als Ziel nennt und solche Ansprüche ohne nachvollziehbare Messdaten schwer zu bewerten sind.
Die Kooperation mit der Universität verleiht den Anlagen eine Bedeutung, die über die Stromproduktion hinausgeht. In der Debatte über erneuerbare Energien entscheidet zunehmend nicht nur die installierte Leistung, sondern auch die Frage, wie Eingriffe in Landschaften begründet und überprüft werden. Gerade bei Agri-PV-Anlagen ist der Nachweis zentral, dass Landwirtschaft nicht nur symbolisch erhalten bleibt, sondern wirtschaftlich und agronomisch sinnvoll weitergeführt werden kann. Gelingt dieser Nachweis nicht, droht die Technologie als Photovoltaik mit landwirtschaftlichem Zusatznutzen wahrgenommen zu werden, aber nicht als eigenständiger Beitrag zur Transformation ländlicher Räume.
Der Ausbau verschiebt den Wettbewerb um Italiens Solarflächen
RWE baut in Italien bereits weitere Projekte dieser Art und will dafür rund 50.000 zusätzliche Solarmodule installieren. Die geplanten Anlagen kommen zusammen auf 38,2 Megawatt Wechselstromleistung und entstehen in Kampanien, Kalabrien und Sizilien. Nach Unternehmensangaben sollen Acquafredda 2, Cave, Enna und Carcitella noch 2026 ans Netz gehen und rechnerisch mehr als 20.000 weitere Haushalte versorgen. Neben dem Anbau von Kulturen ist dort auch vorgesehen, dass Schafe unter den Modulen weiden, was den Pflegeaufwand auf den Flächen verringern und die landwirtschaftliche Nutzung sichtbarer machen kann.
Der Ausbau zeigt, wie stark sich Projektentwicklung im Solarsektor verändert. Wo große Freiflächenanlagen früher vor allem nach Einstrahlung, Netzanschluss und Genehmigungsfähigkeit bewertet wurden, rücken inzwischen zusätzliche Kriterien wie Akzeptanz, Lieferkette, Nutzungskonkurrenz und lokaler Mehrwert in den Vordergrund. Für erneuerbare Energien in Italien kann Agri-PV deshalb ein Brückenmodell sein, weil sie Ausbauziele mit landwirtschaftlichen Interessen verknüpft. Ob daraus ein breiter Markt wird, hängt jedoch davon ab, ob die höheren technischen Anforderungen und die Abstimmung mit landwirtschaftlichen Betrieben in der Praxis wirtschaftlich tragfähig bleiben.
Für den Konzern wird Italien zum Testfeld integrierter Energieprojekte
RWE in Italien verweist auf eine bereits größere Präsenz im Markt für sauberen Strom. Einschließlich 17 Onshore-Windparks und der neuen Solaranlagen betreibe der Konzern dort nun 608 Megawatt Leistung, die rechnerisch mehr als 500.000 italienische Haushalte versorgen könnten. Zusätzlich baut das Unternehmen zwei weitere Windparks mit zusammen 92 Megawatt. Der italienische Markt wird damit zu einem Schauplatz, an dem RWE verschiedene Formen erneuerbarer Erzeugung kombiniert und zugleich Erfahrungen mit komplexeren Flächenkonzepten sammelt.
Für die Branche ist der Schritt relevant, weil Agri-PV-Anlagen nicht nur zusätzliche Kapazität liefern, sondern auch den politischen Charakter des Solarausbaus verändern. Je stärker Energieprojekte in landwirtschaftliche Räume hineinreichen, desto wichtiger werden transparente Regeln, belastbare Forschung und nachvollziehbare Vorteile für lokale Akteure. Kommerzielle Agri-PV kann diesen Anspruch erfüllen, wenn Ernte, Stromertrag und ökologische Qualität dauerhaft zusammenpassen. RWE setzt in Italien nun darauf, dass aus einem technisch anspruchsvollen Nischenmodell ein wiederholbares Projektformat wird.


