RWE plant in Lingen den größten Batteriespeicher Niedersachsens

Mit dem Projekt „RWE Batteriespeicher Lingen“ setzt der Konzern am Standort einen 400 Megawatt Batteriespeicher auf ein ehemaliges Industriegelände. Die Anlage soll ab 2028 Strom aufnehmen und abgeben und damit vor allem kurzfristige Engpässe im Netz ausgleichen. Das Vorhaben ordnet sich in einen breiteren Speicher-Ausbau Niedersachsen ein, der durch den wachsenden Anteil von Wind- und Solarstrom an Bedeutung gewinnt.

RWE beschreibt den geplanten 400 Megawatt Batteriespeicher als Systembaustein, der innerhalb von Sekundenbruchteilen reagieren könne und mindestens zwei Stunden am Stück die Maximalleistung bereitstellen solle. Aus dieser Kombination ergibt sich eine Kapazität von mindestens 800 Megawattstunden, was den Unterschied zwischen Leistung und Energiemenge greifbar macht. Leistung entscheidet über die kurzfristige Stütze in einem Moment, die Kapazität darüber, wie lange diese Hilfe anhält. In der Logik der Energiewende ist das weniger spektakulär als es klingt, aber strategisch wichtig, weil volatile Erzeugung immer häufiger flexible Gegenspieler braucht. „Mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien wächst der Bedarf an gesicherter Leistung.“

Die Standortwahl zeigt, wie Energiewende immer öfter über Flächen und Genehmigungen entschieden wird

Entstehen soll der Batteriepark auf dem Gelände der Dralon GmbH, wo bis 2021 Acrylfasern gefertigt wurden. Dass ein ehemaliger Chemie- und Textilstandort nun Infrastruktur für den Strommarkt beherbergt, ist auch ein Symbol für Strukturwandel, allerdings ohne die großen Versprechen, die früher oft an neue Industrieprojekte geknüpft wurden. RWE spricht von einem 8,5 Hektar großen Areal, das im Industriegebiet baureif gemacht werden müsse, und betont, dass die Genehmigungen vorlägen. Der Start der Arbeiten sei für den 2. Februar vorgesehen, was darauf hindeutet, dass das Unternehmen den Zeitplan früh absichern möchte.

Die Nähe zum Kraftwerk Emsland ist dabei kein Zufall. RWE argumentiert, Batteriespeicher ergänzten flexible Kraftwerke, weil Batterien kurze Lastspitzen und Lücken schließen, während Gaskraftwerke eher längere Flauten überbrücken sollen. Für den Standort bedeutet das eine doppelte Positionierung, als Erzeugungs- und als Flexibilitätsknoten. Dass ein Speicherprojekt ausgerechnet neben bestehender Kraftwerks- und Netztechnik platziert wird, ist auch ein Hinweis darauf, wie stark der Engpass heute nicht mehr nur in der Technik, sondern in Anschlüssen und verfügbaren Flächen liegt.

Im Regelenergie Strommarkt zählt nicht nur Kapazität, sondern die Fähigkeit, Netzdienstleistungen zu liefern

Ein zentraler wirtschaftlicher Hebel liegt im Regelenergie Strommarkt, also in jenen Produkten, die Frequenz und Spannung im System stabil halten sollen. RWE kündigt an, der Speicher werde Regelenergie bereitstellen und sei zudem für neue Netzdienstleistungen wie Momentanreserve ausgelegt. Für Laien lässt sich das so übersetzen: In einem Stromsystem mit vielen leistungselektronisch angebundenen Erzeugern muss die Stabilität teilweise anders hergestellt werden als früher, als große Turbinen automatisch eine träge Stützwirkung lieferten. Ein Batteriespeicher kann diese Stabilisierung technisch nachbilden, wenn Steuerung und Hardware darauf ausgelegt sind, und wird damit zu mehr als einem großen Akku.

Die Dimensionen der Anlage deuten an, wie industriell dieser Markt inzwischen geworden ist. Geplant sind mehr als 200 Lithium-Ionen-Batterieeinheiten sowie umfangreiche Umrichter- und Trafotechnik, um die Energie in netztaugliche Form zu bringen. Die Netzanbindung soll über die Umspannanlage Hilgenberg erfolgen, die Amprion in unmittelbarer Nähe errichtet. Für das Projekt spricht, dass Anschlusswege kurz sind und zusätzliche Leitungsprojekte nicht im Vordergrund stehen. Für den Markt insgesamt zeigt es, dass Speicherentwickler nicht mehr nur auf günstige Batterien schauen, sondern auf Anschlussfähigkeit und die Frage, welche Systemdienste künftig vergütet werden.

RWE setzt beim Speicher-Ausbau Niedersachsen auf Skalierung und einen international austarierten Baukasten

RWE stellt das Vorhaben in einen größeren Ausbauplan, der längst nicht mehr nur Deutschland im Blick hat. Das Unternehmen berichtet, Ende des dritten Quartals 2025 habe es weltweit Batteriespeichersysteme mit rund 1,2 Gigawatt Leistung betrieben, weitere 2,7 Gigawatt seien im Bau. Der Standort in Lingen (Ems) ist damit weniger ein Solitär als ein weiteres Modul in einem Portfolio, das Erzeugung, Handel und Flexibilität zusammendenkt. Für RWE liegt der Reiz darin, dass Speicher sowohl Systemdienstleistungen liefern als auch Preisschwankungen im Strommarkt abfedern können, je nachdem, wie sich das Marktumfeld entwickelt.

Der Speicher-Ausbau Niedersachsen bekommt dadurch eine zweite Bedeutungsebene. Einerseits stärkt er regional die Infrastruktur in einer Phase, in der Wind- und Solarzubau das Netz stärker fordert. Andererseits zeigt das Projekt, wie ein großer Akteur Risiken streut, indem er viele ähnliche Anlagen in verschiedenen Märkten aufsetzt. Das wirkt betriebswirtschaftlich plausibel, erhöht aber auch den Wettbewerbsdruck für kleinere Projektierer, die weniger Kapital und weniger Standorte mit guten Netzanschlüssen kontrollieren. In der Konsequenz dürfte der Kampf um geeignete Flächen und schnelle Netzanschlüsse in den kommenden Jahren eher härter als leichter werden.

Die Langfristwirkung hängt daran, ob Politik und Marktregeln Flexibilität wirklich belohnen

So eindeutig der technische Nutzen klingt, so offen bleibt die Frage, wie stabil die Geschäftsmodelle über Jahre tragen. Batteriespeicher profitieren von Märkten für Regelenergie und von Preisspreads im Stromhandel, doch diese Erlösquellen verändern sich, wenn viele neue Speicher gleichzeitig ans Netz gehen. Aus Sicht der Versorgungssicherheit ist das trotzdem eine gewünschte Entwicklung, weil Flexibilität dann breiter verfügbar wird und Ausfälle einzelner Anlagen weniger ins Gewicht fallen. Gleichzeitig wird politisch immer wieder diskutiert, wie gesicherte Leistung und Flexibilität langfristig organisiert werden sollen, besonders wenn erneuerbare Energien weiter wachsen und konventionelle Erzeugung zurückgeht oder sich stark verändert.

Für den Standort Lingen spricht, dass industrielle Vorprägung und vorhandene Energieinfrastruktur den Umbau erleichtern können, ohne neue Großflächen in der Landschaft zu beanspruchen. Für die Strompreise lässt sich aus einem einzelnen Projekt dagegen nur vorsichtig ableiten, was es bringt, weil Preisdynamiken vom gesamten System abhängen. Dennoch sendet die Investitionsentscheidung ein Signal, dass große Speicher in Deutschland nicht mehr als Pilot, sondern als Baustein in der Fläche geplant werden. Ob daraus ein dauerhaft robustes Modell wird, entscheidet sich in den kommenden Jahren vor allem im Zusammenspiel von Netzbedarf, Marktregeln und dem Tempo, mit dem weitere Projekte nachziehen.

Quellenhinweis:

Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von RWE , die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.

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