Salzgitter und EWE sichern Wasserstoff für klimafreundlicheren Stahl

Salzgitter und EWE haben einen langfristigen Liefervertrag geschlossen, der ab 2030 jährlich rund 10.000 Tonnen grünen Wasserstoff aus Emden zum Stahlstandort Salzgitter bringen soll. Der Salzgitter Wasserstoffvertrag ist vor allem wegen seiner Signalwirkung bemerkenswert, da sich erstmals ein großer Erzeuger und ein industrieller Abnehmer über mehrere Jahre binden, obwohl Preise, Infrastruktur und Regulierung noch erhebliche Unsicherheiten bergen.

Der Vertrag läuft zunächst sieben Jahre und deckt nach Angaben der Unternehmen etwa 6,5 Prozent des erwarteten Wasserstoffbedarfs des SALCOS-Programms. Für EWE ist es der erste Großabnahmevertrag aus der geplanten 320-Megawatt-Elektrolyseanlage in Emden, für die Salzgitter AG der erste größere Liefervertrag mit einem externen Wasserstoffproduzenten. Damit erhält ein Teil der künftigen Produktion frühzeitig einen festen Abnehmer, während der Stahlkonzern seine Versorgung für den Umbau der Werke breiter aufstellt. Zugleich zeigt die begrenzte Menge, wie weit die deutsche Stahlindustrie noch von einer flächendeckenden Wasserstoffversorgung entfernt ist.

Der Liefervertrag verbindet Erzeugung, Leitungsnetz und Stahlproduktion

Der Wasserstoff soll über das geplante Wasserstoff-Kernnetz nach Salzgitter transportiert und dort im SALCOS-Programm eingesetzt werden. Dieses sieht vor, die bisherige Hochofenroute mit Kohle und Koks schrittweise durch Direktreduktion zu ersetzen. Bei diesem Verfahren wird dem Eisenerz Sauerstoff entzogen, zunächst auch mithilfe von Erdgas und langfristig möglichst mit Wasserstoff. Während bei der traditionellen Herstellung große Mengen Kohlendioxid entstehen, fällt bei der Nutzung von Wasserstoff überwiegend Wasserdampf an.

Nach Angaben des Unternehmens kann bereits der Einsatz von Erdgas die Emissionen gegenüber der klassischen Hochofenproduktion deutlich verringern. Nahezu klimaneutral wird die neue Route jedoch erst, wenn genügend grüner Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar ist. In den Direktreduktionsanlagen könnten perspektivisch bis zu 150.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr eingesetzt werden, während EWE zunächst 10.000 Tonnen liefern soll. Weitere rund 9.000 Tonnen will Salzgitter mit einer eigenen Elektrolyseanlage auf dem Werksgelände erzeugen.

Der Wasserstoffstandort Niedersachsen gewinnt ein industrielles Rückgrat

Strategisch verbindet die Vereinbarung zwei Regionen, die im künftigen Wasserstoffmarkt unterschiedliche Funktionen übernehmen sollen. In Emden baut EWE Erzeugungskapazitäten auf und entwickelt im Rahmen des Vorhabens „Clean Hydrogen Coastline“ zugleich Speicher-, Transport- und Pipelineinfrastruktur. Salzgitter steht auf der Nachfrageseite und benötigt große Mengen klimafreundlicher Energie, um eine emissionsintensive Schlüsselindustrie umzubauen. Der Salzgitter Wasserstoffvertrag verknüpft damit Projekte, die bislang häufig getrennt geplant und finanziert wurden.

Für den Wasserstoffstandort Niedersachsen ist diese Verbindung industriepolitisch relevant. Das Land verfügt über Häfen, Windstrom, mögliche Kavernenspeicher und energieintensive Unternehmen, die als frühe Abnehmer auftreten können. Erst durch solche Lieferketten kann aus einzelnen Elektrolyseprojekten ein belastbarer Markt entstehen. Langfristig könnte die Infrastruktur zudem die Abhängigkeit Europas von fossilen Energieimporten reduzieren, sofern Erzeugung und Transport wirtschaftlich tragfähig werden.

Hohe Stromkosten und EU-Regeln gefährden die Wirtschaftlichkeit

Die vereinbarte Lieferung steht unter dem Vorbehalt einer RFNBO-Zertifizierung. Die Abkürzung bezeichnet erneuerbare Kraftstoffe nicht biogenen Ursprungs und ist mit europäischen Vorgaben für den verwendeten Strom verbunden. Dieser muss unter anderem zusätzlich aus erneuerbaren Anlagen stammen und zeitlich sowie geografisch mit der Wasserstoffproduktion verknüpft sein. Die Regeln sollen verhindern, dass Elektrolyseure lediglich bestehenden Ökostrom verbrauchen und dadurch an anderer Stelle fossile Kraftwerke länger benötigt werden.

Für die Produzenten erhöhen die Vorgaben jedoch den Beschaffungsaufwand und können die Auslastung der Anlagen begrenzen. EWE und Salzgitter fordern deshalb längere Übergangsfristen sowie flexiblere Kriterien für den Strombezug. Dahinter steht ein grundsätzliches Problem des Markthochlaufs: Elektrolyseure benötigen günstigen Strom und viele Betriebsstunden, während industrielle Kunden langfristige Mengen nur bei kalkulierbaren Kosten buchen. Auch Strompreiskompensation und Investitionssicherheit für Speicher werden damit zu entscheidenden Faktoren für die deutsche Stahlindustrie.

Öffentliche Förderung ermöglicht den Einstieg, ersetzt aber keinen Markt

Der Bund unterstützt den Umbau der Stahlproduktion in Salzgitter nach Angaben der Pressemitteilung mit 925 Millionen Euro. Die Wasserstofferzeugung in Emden werde zusätzlich mit 267 Millionen Euro gefördert. Diese Summen zeigen, dass der Vertrag nicht allein aus der heutigen Marktlogik entstanden ist, sondern auf umfangreicher öffentlicher Anschubfinanzierung beruht. Die Förderung kann die anfängliche Kostenlücke verkleinern, schafft aber noch keine dauerhaft wettbewerbsfähigen Preise.

Für Salzgitter ist die Vereinbarung dennoch ein wichtiger Baustein, weil sie die technische Umstellung mit einer konkreten Lieferperspektive verbindet. EWE wiederum kann einen wesentlichen Teil der ersten Ausbaustufe seiner Anlage vermarkten und das wirtschaftliche Risiko eines Projekts reduzieren, das erst ab 2030 liefern soll. Der Vertrag ist deshalb weder der Durchbruch der Wasserstoffwirtschaft noch lediglich ein politisches Symbol. Er ist ein früher Markttest, an dem sich zeigen wird, ob Infrastruktur, Regulierung und industrielle Zahlungsbereitschaft rechtzeitig zusammenfinden.

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