Der Softwarekonzern SAP und der Versicherer SIGNAL IDUNA wollen künstliche Intelligenz nicht länger neben bestehenden Systemen erproben, sondern direkt in den Umbau zentraler Geschäftsprozesse einbauen. Die Kooperation zeigt, wie KI in Versicherungen zunehmend mit einer grundlegenden Modernisierung der IT verknüpft wird, während die deutsche Versicherungswirtschaft zugleich nach messbaren Produktivitätsgewinnen sucht. Die Cloud-Transformation mit RISE bildet dafür das technische Fundament.
Im Mittelpunkt steht zunächst nicht ein einzelnes KI-Produkt, sondern ein gemeinsamer Entwicklungsprozess. SAP und SIGNAL IDUNA wollen Anwendungsfälle identifizieren, als Prototypen testen und nur bei belastbarem Nutzen in den Regelbetrieb übernehmen. Technische Voraussetzung ist die Cloud-Transformation mit RISE, einem SAP-Angebot, das bestehende Unternehmenssysteme schrittweise in eine cloudbasierte Umgebung überführt und deren Betrieb vereinheitlicht. Für SIGNAL IDUNA geht es damit um mehr als neue Software, denn Daten, Anwendungen und Entscheidungswege sollen auf einer gemeinsamen Grundlage zusammengeführt werden.
Der Umbau der Datenbasis entscheidet über den Nutzen der KI
Die ersten Projekte sollen sich auf die Unternehmenssteuerung und die Erneuerung von Kernprozessen richten. Indem zentrale Datensätze und Anwendungen in die Cloud wandern, will der Versicherer Szenarien schneller berechnen und Prognosen stärker für operative Entscheidungen nutzen. Das ist relevant, weil künstliche Intelligenz nur so verlässlich arbeitet wie die Daten, auf denen ihre Modelle beruhen. Gerade bei KI in Versicherungen können uneinheitliche Bestände, veraltete Angaben oder schwer nachvollziehbare Datenwege Fehler im großen Maßstab fortschreiben, statt Entscheidungen zu verbessern.
Die Partnerschaft zielt auf Produktivität statt auf spektakuläre Einzelprojekte
SAP stellt bei der Kooperation den wirtschaftlichen Effekt in den Vordergrund. Vernetzte Abläufe und automatisierte Routinen sollen Bearbeitungszeiten verkürzen und Beschäftigte bei wiederkehrenden Aufgaben entlasten, damit mehr Zeit für Prüfung, Beratung und Entscheidungen bleibt. Der Anspruch eines weitgehend autonom gesteuerten Unternehmens ist allerdings zunächst ein Zielbild, keine absehbare Realität. In der deutschen Versicherungswirtschaft dürfte sich der Erfolg deshalb weniger an einzelnen Demonstrationen messen lassen als an stabilen Prozessen, niedrigeren Kosten und einer nachweisbar besseren Servicequalität.
Mehrere Technologiekonzerne erhöhen Tempo und Abhängigkeit zugleich
SIGNAL IDUNA stellt seiner Belegschaft bereits eine zentrale KI-Plattform zur Verfügung, die gemeinsam mit Google Cloud aufgebaut wurde. Durch SAP und SIGNAL IDUNA entsteht nun eine zweite strategische Achse, die näher an den Kernsystemen und den betriebswirtschaftlichen Daten des Konzerns liegt. Das kann Entwicklung und Einführung neuer Anwendungen beschleunigen, erhöht aber zugleich die Abhängigkeit von wenigen großen Plattformanbietern. Für einen Versicherer mit sensiblen Kundeninformationen werden deshalb Zugriffsrechte, Nachvollziehbarkeit und Datenhoheit ebenso wichtig wie technische Leistungsfähigkeit. Die Cloud-Transformation mit RISE muss sich folglich nicht nur an Effizienz, sondern auch an Kontrollmöglichkeiten und der späteren Übertragbarkeit von Anwendungen messen lassen.
Ob aus Prototypen ein Vorteil entsteht, zeigt erst der Regelbetrieb
In einer späteren Phase wollen die Partner weitere Ideen in Workshops und KI-Hackathons entwickeln. Solche Formate können neue Anwendungen sichtbar machen, lösen aber nicht das verbreitete Problem, dass viele KI-Projekte über den Pilotstatus kaum hinauskommen. Entscheidend wird sein, ob SIGNAL IDUNA klare Kriterien für Datenqualität, Kosten, Kundennutzen und regulatorische Risiken festlegt und erfolgversprechende Modelle dauerhaft in die Organisation integriert. Für KI in Versicherungen wäre genau dieser Übergang wichtiger als die Zahl neuer Versuche, denn erst im laufenden Betrieb zeigt sich, ob Technik tatsächlich Entscheidungen verbessert oder lediglich zusätzliche Komplexität erzeugt. Gelingt die Überführung, könnte die Kooperation zu einem Referenzfall dafür werden, wie die deutsche Versicherungswirtschaft ihre gewachsenen IT-Strukturen schrittweise modernisiert.


