Schaeffler übernimmt in einem staatlich geförderten Verbundprojekt die Koordination, um elektrische Achsantriebe künftig systematischer zu zerlegen, wiederzuverwenden und zu recyceln. ReDriveS soll dabei Robotik, neue Recyclingwege und digitale Datenmodelle zusammenbringen und die Debatte um Rohstoffe in der Elektromobilität stärker in Richtung Kreislaufwirtschaft verschieben.
Schaeffler führt im Schaeffler ReDriveS Projekt ein Konsortium mit 25 Partnern aus Industrie, Mittelstand und Wissenschaft. Nach den Projektangaben geht es um ein Vorhaben mit mehr als 25 Millionen Euro Gesamtvolumen, davon über 16 Millionen Euro Förderung, angesetzt auf 36 Monate. Inhaltlich zielt der Verbund auf eine industrietaugliche Methode, die ausgediente elektrische Achsantriebssysteme nicht einfach zu schreddern, sondern zunächst gezielt zu öffnen, zu bewerten und je nach Zustand zu reparieren, in Teilen wiederzuverwenden oder hochwertig zu recyceln. Genau diese Abstufung gilt in der Praxis als schwer, weil E-Antriebe je nach Hersteller und Bauweise unterschiedlich konstruiert sind und weil sich der wirtschaftliche Nutzen eines sorgfältigen Zerlegens erst bei stabilen Prozessen und größeren Stückzahlen zeigt.
Im Kern geht es um Recycling elektrische Achsantriebe, also um die Antriebseinheit, die bei vielen Elektroautos Motor, Leistungselektronik und Getriebe in einer Achse bündelt. Für Außenstehende ist das vor allem ein Bauteil, das am Ende des Fahrzeuglebens als teurer, komplexer Block im Raum steht. In der Industrie ist es ein Knotenpunkt aus Materialwert, Sicherheitsrisiko und Datenfrage. Wenn sich E-Achsantriebe künftig öfter reparieren oder als Teilelager nutzen ließen, würde das nicht nur Abfall vermeiden, sondern auch die Versorgung mit knappen Materialien verbessern. Das Schaeffler ReDriveS Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert und ist damit auch industriepolitisch aufgeladen: Es soll zeigen, ob Kreislaufwirtschaft bei Schlüsselkomponenten der Elektromobilität mehr sein kann als ein wohlklingendes Leitbild.
Der Kampf um knappe Rohstoffe macht Kreislaufwirtschaft zur harten Kostenfrage
ReDriveS setzt bei Materialien an, die in der Elektromobilität besonders sensibel sind. Genannt werden seltene Erden in Magneten sowie Kupfer, Aluminium, Stahl und elektronische Bauelemente. Gerade Magnete auf Basis von NdFeB Magnete gelten als strategisch, weil sie in vielen Antriebskonzepten eine zentrale Rolle spielen und ihre Lieferketten als anfällig wahrgenommen werden. Die Logik dahinter ist nüchtern: Wer aus Altteilen wieder hochwertige Werkstoffe gewinnt, muss weniger teuer am Weltmarkt einkaufen und reduziert das Risiko, bei Engpässen in Produktion oder Preiswellen hineingezogen zu werden. In dieser Lesart ist die Kreislaufwirtschaft Standort Deutschland keine grüne Zusatzaufgabe, sondern ein Instrument zur Stabilisierung von Industrieprozessen.
Gleichzeitig schwingt Regulierung mit, ohne dass im Projekttext einzelne Gesetze genannt werden. ReDriveS soll einen technischen Vorsprung schaffen, um künftige Vorgaben einzuhalten und den Zugang zu hochwertigen Rohstoffen günstiger zu machen. Das klingt nach dem Versuch, Recycling nicht erst dann aufzubauen, wenn Quoten und Nachweispflichten greifen, sondern vorher. Für die Autoindustrie kann das zum Wettbewerbsvorteil werden, wenn Standards und Prozesse früh entstehen. Es kann aber auch zum Kostenblock werden, wenn sich die Technik zwar demonstrieren lässt, die Skalierung in den Alltag jedoch stockt, etwa weil Teile zu heterogen sind oder sich Daten nicht durchgängig nutzen lassen.
Automatisierte Demontage soll aus einem „Block“ wieder ein Baukastensystem machen
Eine Besonderheit des Vorhabens ist der Fokus auf zerstörungsfreie Demontage und Robotik. Statt Antriebe grob zu zerkleinern, soll ein robotergeführtes Konzept Bauteile gezielt separieren. Die Idee dahinter ist, dass nicht jedes Aggregat gleich behandelt werden sollte: Manche Einheiten könnten nach Prüfung repariert werden, andere könnten als Quellen für Teilkomponenten dienen, und erst der Rest wandert in Recyclingverfahren. Für diese Sortierung ist laut Projektbeschreibung eine Bewertungsmatrix vorgesehen, die Informationen über Zustand und Geometrie verarbeitet und daraus wirtschaftliche Demontageszenarien ableitet. Das klingt nach einem Ansatz, der technische Machbarkeit mit betriebswirtschaftlicher Realität verknüpfen will, weil Demontage nur dann großflächig stattfindet, wenn sie kalkulierbar und automatisierbar wird.
Zentral ist zudem der Datenaspekt. Schaeffler kündigt einen Demonstrator an, der mit einem digitalen Modell gekoppelt wird und Daten über den gesamten Lebenszyklus sammeln und verarbeiten soll. Genau hier taucht das zweite große Versprechen auf: Digitale Zwillinge Elektromobilität sollen herstellerübergreifend nutzbar werden und damit die Grundlage für eine konsistente Bewertung schaffen. Der Leiter Zentrale Technologien bei Schaeffler, Tim Hosenfeldt, formuliert das Ziel so: „Unser Ziel ist es, elektrische Achsantriebe über digitale Zwillinge, automatisierte Demontage und hochwertiges Recycling deutlich ressourceneffizienter zu gestalten“. Das ist inhaltlich plausibel, aber politisch und wirtschaftlich anspruchsvoll. Denn ein generischer digitaler Zwilling lebt davon, dass Datenstrukturen kompatibel sind und dass Akteure entlang der Kette bereit sind, Informationen zu teilen, obwohl gerade in der Automobilindustrie Daten oft als Wettbewerbsmittel gelten.
Der Standorttest entscheidet sich an Standards, Datenzugang und Skalierung
ReDriveS wird als nationales Leuchtturmprojekt beschrieben und greift damit drei Themen auf, die die Branche seit Jahren begleiten: Systemfähigkeit, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Praktisch übersetzt heißt das, dass nicht nur ein neues Recyclingverfahren gesucht wird, sondern ein industrielles Gesamtpaket, das von der Demontage bis zur Datennutzung reicht. Damit wird Recycling elektrische Achsantriebe zu einer Art Systemprobe für die Elektromobilität, weil es zeigt, ob Deutschland und Europa eine zirkuläre Wertschöpfungskette für Schlüsselkomponenten aufbauen können. Wer an dieser Stelle nur auf die technische Seite schaut, greift zu kurz. Der entscheidende Hebel liegt darin, ob aus Demonstratoren später Anlagen, Standards und Geschäftsbeziehungen werden, die auch unter Kostendruck tragen.
Die Projektbeschreibung deutet zudem an, dass aus Daten neue Geschäftsmodelle entstehen könnten. Das ist denkbar, etwa wenn Zustandsdaten die Wiederverwendung sicherer machen oder wenn Rücknahme, Prüfung und Wiederverkauf als Service organisiert werden. Doch je stärker Digitale Zwillinge Elektromobilität zur Voraussetzung werden, desto stärker verschieben sich Fragen in Richtung Datenhoheit, Haftung und Interoperabilität. Für die Kreislaufwirtschaft Standort Deutschland wäre das ein Gewinn, wenn sich daraus ein industrieweiter Rahmen ergibt, der OEMs, Zulieferer und Recycler zusammenbringt. Es wäre ein Rückschlag, wenn jedes Unternehmen eigene Inseln baut und der Markt am Ende in inkompatible Systeme zerfällt. Genau deshalb ist das Schaeffler ReDriveS Projekt mehr als ein Technikprogramm, es ist ein Test, ob Kreislaufwirtschaft in der Elektromobilität als gemeinsames Betriebssystem funktionieren kann.
Quellenhinweis:
Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von Schaeffler, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.


