Schaeffler und Spire wollen gemeinsam Bauteile, Sensoren und Plattformen für Satelliten entwickeln und in größerem Maßstab fertigen. Die Kooperation steht für den Versuch, industrielle Kompetenzen aus Deutschland mit praktischer Raumfahrterfahrung zu verbinden. Für die europäische Raumfahrtindustrie geht es dabei nicht nur um neue Produkte, sondern auch um unabhängige Lieferketten und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit.
Grundlage der Zusammenarbeit ist zunächst eine Absichtserklärung, noch kein verbindliches Investitions- oder Lieferprogramm. Geplant seien unter anderem Satelliten-Subsysteme, Hochfrequenz- und Umweltsensoren sowie Komponenten für sogenannte Satellitenbusse. Damit ist die technische Grundplattform eines Satelliten gemeint, die beispielsweise Energieversorgung, Steuerung, Kommunikation und Temperaturmanagement übernimmt, während die eigentliche Nutzlast je nach Mission ausgetauscht werden kann. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll daraus nach Vorstellung der Unternehmen ein europäisches Geschäft für Hardware und Raumfahrtmissionen entstehen.
Die wirtschaftliche Logik liegt in der Kombination unterschiedlicher Fähigkeiten. Schaeffler verfügt über Erfahrung in der Präzisionsfertigung, bei Lagern, Antriebssystemen und Leistungselektronik, hat bislang jedoch keine vergleichbare Position im kommerziellen Satellitengeschäft. Spire wiederum entwickelt und betreibt eigene Kleinsatelliten und bringt Kenntnisse über Plattformarchitektur, Bordsoftware und den Betrieb im Orbit ein. Ob sich daraus tatsächlich ein neuer Industriestandard entwickelt, hängt allerdings von Aufträgen, Investitionen und der Zuverlässigkeit der geplanten Komponenten im Weltraumeinsatz ab.
Die Kooperation soll kritische Raumfahrt-Lieferketten in Europa absichern
Zunächst wollen die Partner die Versorgung mit kritischen Bauteilen stabilisieren und deren Fertigung ausweiten. Gerade bei Satellitenkonstellationen, die aus Dutzenden oder Hunderten weitgehend baugleichen Flugkörpern bestehen, entscheidet eine reproduzierbare Serienproduktion über Kosten, Geschwindigkeit und Verfügbarkeit. Satellitenhardware in Europa wird bislang häufig in vergleichsweise kleinen Stückzahlen und projektbezogenen Strukturen hergestellt. Schaefflers Beitrag könnte deshalb vor allem darin liegen, Verfahren aus der Automobil- und Industrieproduktion auf die besonderen Qualitätsanforderungen der Raumfahrt zu übertragen.
Das ist technisch anspruchsvoller, als herkömmliche Industriekomponenten lediglich robuster zu bauen. Satelliten-Subsysteme müssen starke Vibrationen beim Raketenstart, große Temperaturschwankungen, Strahlung und jahrelangen Betrieb ohne Reparatur überstehen. Zugleich sollen sie leichter, effizienter und möglichst standardisiert werden. Die geplante industrielle Skalierung muss daher mit umfangreichen Tests und Qualifizierungsverfahren verbunden werden, bevor Komponenten für kommerzielle oder staatliche Missionen eingesetzt werden können.
Für Europa hat diese Lieferkettenfrage eine politische Dimension. Raumfahrtsysteme werden längst nicht nur für Forschung und Kommunikation benötigt, sondern auch für Wetterbeobachtung, Navigation, Katastrophenschutz und die Überwachung kritischer Infrastruktur. Viele dieser Anwendungen sind als Dual-Use-Technologie sowohl zivil als auch militärisch nutzbar. Eine leistungsfähige europäische Raumfahrtindustrie soll deshalb die Abhängigkeit von außereuropäischen Plattformen und Zulieferern verringern, ohne sämtliche Komponenten zwangsläufig innerhalb einzelner Nationalstaaten produzieren zu müssen.
Schaefflers Einstieg in die Raumfahrt folgt einer breiteren Diversifizierungsstrategie
Für Schaeffler eröffnet die Kooperation einen Zugang zu einem Markt, der hohe technische Anforderungen mit wachsenden staatlichen Budgets verbindet. Der Automobil- und Industriezulieferer hat Raumfahrt und Verteidigung bereits als Wachstumsfelder seiner langfristigen Konzernstrategie definiert. Der Vorstoß fällt damit in eine Phase, in der etablierte Industrieunternehmen nach neuen Anwendungen für Fertigungstechnik, Elektronik und mechatronische Systeme suchen. Schaeffler und Spire könnten davon profitieren, dass europäische Regierungen sicherheitsrelevante Produktionskapazitäten stärker im eigenen Wirtschaftsraum verankern wollen.
Der Schritt bleibt dennoch mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Raumfahrtprojekte erfordern lange Entwicklungszyklen, hohe Vorleistungen und eine Qualifizierung, die sich von der Automobilproduktion deutlich unterscheidet. Zudem ist der Markt politisch geprägt, weil staatliche Institutionen, Verteidigungsbehörden und öffentlich finanzierte Raumfahrtprogramme zu den wichtigsten Auftraggebern gehören. Für Schaeffler wird daher entscheidend sein, ob sich aus den vorhandenen Kontakten zu Industrie und öffentlicher Hand konkrete Programme ableiten lassen.
Spire bringt nach eigenen Angaben Erfahrung aus mehr als 240 gebauten und gestarteten Satelliten mit. Das Unternehmen könne derzeit an seinen Standorten in den USA und Europa mehrere Hundert Satelliten jährlich fertigen. Solche Angaben beschreiben allerdings zunächst eine technische Kapazität und keine gesicherte Auslastung. Für die Partnerschaft sind sie dennoch relevant, weil Spire bereits über Flugerfahrung und operative Daten verfügt, die bei der Entwicklung neuer Komponenten helfen können.
Der Raumfahrtstandort Deutschland soll von Serienfertigung und staatlicher Nachfrage profitieren
Spire betreibt seit Mai 2025 eine Satellitenproduktion in München und will seine europäische Präsenz durch die Zusammenarbeit ausbauen. Für den Raumfahrtstandort Deutschland könnte daraus eine Verbindung zwischen klassischer Hochpräzisionsindustrie und dem stärker softwaregetriebenen Geschäft mit kleinen Satelliten entstehen. Deutschland verfügt zwar über eine etablierte Luft- und Raumfahrtbranche, doch die schnelle Serienproduktion standardisierter Kleinsatelliten wird bislang stärker von Unternehmen aus den USA geprägt. Genau an dieser Schnittstelle wollen die Partner ansetzen.
Die geplanten Systeme sollen unter anderem für Wetterdienste, zivile Sicherheit, Verteidigung und den Schutz kritischer Infrastruktur eingesetzt werden können. Damit richtet sich das Vorhaben an Märkte, in denen öffentliche Auftraggeber eine zentrale Rolle spielen und neben dem Preis auch Herkunft, Lieferfähigkeit und politische Verlässlichkeit bewerten. Der Raumfahrtstandort Deutschland könnte von dieser Entwicklung profitieren, wenn Entwicklung, Erprobung und Fertigung dauerhaft vor Ort stattfinden. Eine Absichtserklärung allein schafft jedoch weder Produktionsvolumen noch technologische Autonomie.
Die strategische Bedeutung der Kooperation liegt daher zunächst weniger in einem einzelnen Satellitenprodukt als im angestrebten Produktionsmodell. Schaeffler und Spire wollen Raumfahrthardware nicht ausschließlich als Spezialanfertigung behandeln, sondern stärker standardisieren und in industriellen Stückzahlen herstellen. Gelingt dieser Übergang, könnte die europäische Raumfahrtindustrie schneller auf neue zivile und sicherheitspolitische Anforderungen reagieren. Misslingt er, bliebe die Partnerschaft ein weiteres Beispiel dafür, wie groß die Lücke zwischen angekündigter Raumfahrtstrategie und wirtschaftlich tragfähiger Serienproduktion noch ist.


