Siemens Energy baut 2-Gigawatt-Konverterplattform für die Nordsee

Der Auftrag von 50Hertz für den North Sea Connector 2 verbindet den Ausbau der Offshore-Windenergie mit einer industriepolitisch bemerkenswerten Standortentscheidung. Siemens Energy und der Werftverbund Neptun Smulders sollen eine Netzanbindung errichten, die bis zu zwei Gigawatt Windstrom von der Nordsee nach Mecklenburg-Vorpommern transportieren kann. Für die deutsche Energiewende ist das Projekt deshalb mehr als ein weiterer Baustein im Netzausbau: Es soll zeigen, ob sich ein großer Teil der dafür nötigen Wertschöpfung wieder im Inland bündeln lässt.

Im Zentrum steht eine 2-Gigawatt-Konverterplattform, deren Stahlaufbau überwiegend in Rostock-Warnemünde entstehen soll. Die Neptun Werft übernimmt damit eine Aufgabe, die technisch zwischen Großanlagenbau, Schiffbau und Energietechnik liegt. Für die ostdeutsche Küstenindustrie ist der Zuschlag bedeutsam, weil klassische Werften nach neuen Geschäftsfeldern suchen und der Ausbau der Offshore-Windenergie langfristig eine Reihe ähnlicher Plattformen erfordern dürfte. Die Entscheidung von 50Hertz ist dennoch kein industriepolitischer Freibrief, denn ausschlaggebend waren nach Angaben des Netzbetreibers Preis und Technik in einem offenen Vergabeverfahren. Gerade deshalb besitzt der Auftrag Signalwirkung: Deutsche Werftkapazitäten können offenbar wieder bei Projekten mithalten, die bislang häufig von spezialisierten Standorten im Ausland geprägt wurden. Der geografische Zuschnitt ist dabei ungewöhnlich: Die Anlage liegt weit vor der nordfriesischen Küste, der Strom soll jedoch in Richtung Schwerin geführt und dort in das Netzgebiet von 50Hertz eingespeist werden. Das verdeutlicht, dass Offshore-Anbindungen nicht nur Küstenprojekte sind, sondern neue Stromachsen zwischen Erzeugungsregionen und dem Binnenland schaffen.

Die Aufteilung der Produktion macht aus dem Energieprojekt ein Stück Industriepolitik

Die Topside, also der haushohe Aufbau mit der elektrischen Ausrüstung, soll in Rostock gefertigt werden. Das stählerne Fundament entsteht dagegen bei Smulders in den Niederlanden und wird später rund 200 Kilometer westlich von Sylt im Meeresboden verankert. Siemens Energy will Transformatoren und Konverter aus Nürnberg sowie gasisolierte Schaltanlagen aus Berlin zuliefern, die ohne das klimaschädliche Isoliergas SF₆ auskommen. Nach Unternehmensangaben werden rund 95 Prozent der eigenen Wertschöpfung in Deutschland erbracht. Diese Quote umfasst allerdings nur den Anteil des Energietechnikkonzerns und nicht automatisch das Gesamtprojekt, dessen Lieferkette grenzüberschreitend bleibt.

Die Standortwahl fällt in eine Phase, in der Hersteller ihre Kapazitäten für Stromnetze deutlich erweitern. Der Konzern investiert nach eigenen Angaben mehrere hundert Millionen Euro in die Werke in Nürnberg und Berlin, weil Transformatoren, Konverter und Schaltanlagen zu Engpassprodukten der Energiewende geworden sind. Der neue Auftrag gibt diesen Investitionen zusätzliche Auslastung, zugleich erhöht er die Abhängigkeit von einem verlässlichen Zeitplan für Offshore-Projekte. Verzögerungen bei Genehmigungen, Kabeln oder Bauleistungen können eine industrielle Planung schnell verteuern. Der North Sea Connector 2 ist daher auch ein Test dafür, ob Netzausbau, Fertigung und maritime Installation besser aufeinander abgestimmt werden können.

Die Gleichstromtechnik senkt Verluste auf dem langen Weg zum Festland

Windräder erzeugen zunächst Wechselstrom, doch über große Entfernungen lässt sich dieser nicht ohne Weiteres verlustarm durch Seekabel transportieren. Auf der Plattform wird der Strom deshalb in Gleichstrom umgewandelt, der für lange Kabelstrecken geeigneter ist. An Land, in einer Konverterstation nahe Schwerin, wird er wieder zu Wechselstrom und anschließend in das Übertragungsnetz eingespeist. Dieses Verfahren der Hochspannungs-Gleichstromübertragung ist technisch etabliert, verlangt auf See aber große und wartungsintensive Anlagen. Die Plattform bündelt damit Funktionen eines Umspannwerks und einer Konverterstation an einem schwer zugänglichen Standort.

Die geplante Leistung von zwei Gigawatt entspricht der Größenordnung mehrerer konventioneller Kraftwerksblöcke, sagt aber für sich genommen noch wenig über die tatsächlich eingespeiste Strommenge aus. Windstrom schwankt mit dem Wetter, während Netzanschlüsse auf hohe Spitzenleistung ausgelegt sein müssen. Die wirtschaftliche Bedeutung der Anlage liegt daher nicht nur in ihrer Nennleistung, sondern in der Fähigkeit, große Offshore-Windparks überhaupt in das deutsche Stromsystem zu integrieren. Ohne solche Leitungen drohen neue Windkapazitäten auf See schneller zu wachsen als die Infrastruktur, die ihren Strom zu den Verbrauchszentren bringt. Die Offshore-Windenergie wird damit zunehmend zu einer Aufgabe des Netzbaus und nicht allein des Turbinenmarkts.

Der langfristige Servicevertrag verschiebt Risiken in die Betriebsphase

Zum Auftrag gehört ein Wartungsvertrag mit einer möglichen Laufzeit von bis zu zehn Jahren. Er umfasst geplante und ungeplante Arbeiten, IT-Dienste sowie Rufbereitschaften und bindet den Hersteller damit über die Errichtung hinaus an die Anlage. Das ist bei Offshore-Infrastruktur relevant, weil jeder Ausfall teuer werden kann und Reparaturen stark von Wetter, Schiffen und verfügbarem Personal abhängen. Für den Betreiber bedeutet die Vereinbarung mehr planbare Unterstützung, für den Lieferanten aber auch langfristige Haftungs- und Kostenrisiken. Wie hoch der wirtschaftliche Wert des Gesamtauftrags ist, wurde nicht genannt.

Die vollständige Auftragsbuchung erwartet das Unternehmen erst im Geschäftsjahr, das am 1. Oktober 2026 beginnt. Bis zur Inbetriebnahme bleiben damit technische, regulatorische und terminliche Unsicherheiten bestehen, die bei Großprojekten dieser Art üblich sind. Der politische Wunsch nach mehr heimischer Fertigung kann diese Risiken nicht ersetzen, wohl aber Investitionen erleichtern, wenn eine belastbare Projektpipeline entsteht. Für die deutsche Energiewende entscheidet sich der industrielle Nutzen deshalb nicht an einem einzelnen Zuschlag. Maßgeblich wird sein, ob aus dem Projekt ein dauerhaftes Zusammenspiel von Werften, Elektrotechnik, Netzbetreibern und Zulieferern entsteht.

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