Siemens Energy baut Nordsee-Plattform für die deutsche Energiewende

Der Netzbetreiber 50Hertz vergibt den Bau einer neuen Stromdrehscheibe auf See an ein Konsortium aus Siemens Energy und Neptun Smulders Offshore Renewables. Der Auftrag für den North Sea Connector 2 soll bis zu zwei Gigawatt Leistung von Windparks in der Nordsee an Land bringen und zugleich einen großen Teil der industriellen Arbeit in Deutschland halten. Damit wird die Offshore-Konverterplattform auch zu einem Test dafür, ob Werften und Energietechnikhersteller den beschleunigten Ausbau der Offshore-Windenergie gemeinsam bewältigen können.

50Hertz plant die Anlage als Teil einer neuen Netzanbindung für weit vor der Küste gelegene Windparks. Die Topside, also der technische Aufbau der Plattform, soll überwiegend auf der Neptun Werft in Rostock-Warnemünde entstehen, während das tragende Stahlfundament von Smulders in den Niederlanden gefertigt wird. Nach der Installation rund 200 Kilometer westlich von Sylt soll die Anlage Windstrom bündeln und über Seekabel in Richtung Mecklenburg-Vorpommern transportieren. In einer Station nahe Schwerin wird die Energie anschließend für die Einspeisung in das Wechselstromnetz vorbereitet. Zum Auftrag gehört außerdem ein Wartungsvertrag mit einer Laufzeit von bis zu zehn Jahren, der neben planmäßigen Arbeiten auch Störungsdienste und IT-Leistungen umfasst.

Die deutsche Fertigung wird zum industriepolitischen Teil des Netzprojekts

Bemerkenswert ist weniger, dass ein großer Energietechnikkonzern die elektrische Ausrüstung liefert, als die regionale Verteilung der Produktion. Nach Unternehmensangaben sollen rund 95 Prozent der Wertschöpfung des Siemens-Anteils in Deutschland anfallen. Transformatoren und Konverter kommen demnach aus Nürnberg, SF₆-freie Schaltanlagen aus Berlin und die Topside aus Rostock-Warnemünde. Für die deutsche Energiewende ist das relevant, weil der Netzausbau nicht nur von Genehmigungen und Kapital abhängt, sondern zunehmend auch von verfügbaren Fabriken, Werftflächen und qualifizierten Beschäftigten.

Die Entscheidung stärkt damit eine maritime Lieferkette, die bislang nicht selbstverständlich als Teil des Stromnetzausbaus wahrgenommen wurde. 50Hertz wertet das Ausschreibungsergebnis als Beleg dafür, dass heimische Werften technisch und preislich konkurrenzfähig sein können. Diese Aussage bleibt allerdings an die erfolgreiche Umsetzung gebunden, denn Offshore-Projekte gelten wegen ihrer Größe, der komplexen Logistik und enger Zeitpläne als besonders störanfällig. Der Auftrag ist deshalb nicht nur ein Produktionsprogramm, sondern auch ein industrieller Belastungstest für Standorte, die parallel weitere Projekte der Energiewende abarbeiten sollen.

Die Offshore-Konverterplattform löst ein zentrales Transportproblem auf See

Windturbinen erzeugen Wechselstrom, doch über sehr lange Strecken lassen sich große Strommengen mit Gleichstrom meist verlustärmer übertragen. Auf der Offshore-Konverterplattform wird der Strom deshalb bereits auf See umgewandelt und mit hoher Spannung durch ein Kabelsystem an Land geschickt. Dort übernimmt eine zweite Konverterstation die Rückumwandlung, damit die Energie in das bestehende Netz eingespeist werden kann. Diese Hochspannungs-Gleichstromübertragung ist keine spektakuläre Begleittechnik, sondern eine Voraussetzung dafür, dass weit entfernte Windparks wirtschaftlich an das Stromsystem angeschlossen werden können.

Die technische Anlage besteht aus zwei Teilen, einem auf dem Meeresboden verankerten Jacket und der haushohen Topside mit der elektrischen Ausrüstung. Gerade diese Trennung macht deutlich, warum der Bau Partner aus unterschiedlichen Industrien erfordert. Werften und Stahlbauer beherrschen große maritime Strukturen, während Energietechnikhersteller die empfindlichen Komponenten für Umwandlung, Schaltung und Steuerung liefern. Die Offshore-Windenergie wird dadurch zu einem Markt, in dem klassische Schiffbaukompetenz, Netztechnik und digitale Betriebsführung enger zusammenrücken.

Der Auftrag zeigt, wie knapp industrielle Kapazitäten geworden sind

Siemens Energy investiert nach eigenen Angaben mehrere hundert Millionen Euro in die Erweiterung seiner deutschen Werke. Der neue Auftrag liefert dafür zusätzliche Auslastung, offenbart aber zugleich den Engpass, auf den solche Investitionen reagieren. Der Ausbau von Netzen, Windparks und Konverterstationen verlangt viele Großkomponenten gleichzeitig, während Fertigungslinien, Prüfstände und Spezialpersonal nicht kurzfristig vervielfacht werden können. Dass die vollständige Auftragsbuchung erst im Geschäftsjahr erwartet wird, das am 1. Oktober 2026 beginnt, verweist zudem auf die langen wirtschaftlichen Vorläufe solcher Projekte.

Für 50Hertz ist die Vergabe strategisch, weil sie neben der Technik auch zusätzliche Baukapazitäten im eigenen Netzgebiet mobilisiert. Für die beteiligten Unternehmen entsteht umgekehrt eine größere Abhängigkeit von verlässlichen Ausbaupfaden und rechtzeitigen Genehmigungen. Bleiben Anschlussprojekte aus oder verzögern sie sich, können eigens aufgebaute Kapazitäten rasch teuer werden. Kommt der Ausbau dagegen planmäßig voran, stärkt das Projekt die industrielle Basis für weitere Netzanbindungen und erhöht den Wettbewerbsdruck auf Anbieter, die ähnliche Systeme in Europa liefern.

Der langfristige Nutzen entscheidet sich nicht allein auf der Werft

Mit einer möglichen Übertragungsleistung von zwei Gigawatt gehört North Sea Connector 2 zu den großen Infrastrukturbausteinen des künftigen Stromsystems. Die Anlage kann ihren Wert jedoch erst entfalten, wenn Windparks, Seekabel, Landstation und Übertragungsnetz zeitlich aufeinander abgestimmt fertig werden. Der zehnjährige Servicevertrag zeigt, dass es zudem nicht beim Bau bleibt, denn Verfügbarkeit, Softwarepflege und schnelle Reparaturen werden über die Wirtschaftlichkeit im laufenden Betrieb mitentscheiden. Der eigentliche Erfolg misst sich deshalb nicht an der Größe der Plattform, sondern daran, wie zuverlässig sie über Jahre Strom an Land bringt.

Für die deutsche Industrie eröffnet das Vorhaben die Chance, Kompetenzen aus Werftbau und Energietechnik dauerhaft zu verbinden. Zugleich ist es ein Hinweis darauf, dass Industriepolitik im Energiesektor zunehmend über konkrete Aufträge und belastbare Nachfrage wirkt, nicht nur über Förderprogramme. Die deutsche Energiewende gewinnt damit einen neuen Fertigungsschwerpunkt an der Ostseeküste, obwohl die Anlage selbst in der Nordsee arbeiten wird. Ob daraus eine tragfähige Serie weiterer Projekte entsteht, hängt vor allem davon ab, ob Netzausbau und Offshore-Windenergie in den kommenden Jahren tatsächlich im angekündigten Tempo wachsen.

Schreibe einen Kommentar