Siemens Energy erweitert Nürnberger Transformatorenwerk für 220 Millionen Euro

Siemens Energy will in Nürnberg deutlich mehr Großtransformatoren bauen lassen und dafür rund 220 Millionen Euro in den Ausbau des Werks investieren. Geplant sind zusätzliche Fertigungsflächen und 350 neue Arbeitsplätze – ein Schritt, der zeigt, wie stark der Druck im europäischen Netzgeschäft inzwischen geworden ist.

Siemens Energy Nürnberg setzt damit ausgerechnet bei einer Komponente an, die selten Schlagzeilen macht, aber für die Modernisierung der Stromversorgung zentral ist: Transformatoren verbinden Spannungsebenen und ermöglichen, dass Strom über weite Strecken transportiert werden kann. Nach Darstellung des Konzerns trifft die Investition auf eine weltweit stark gestiegene Nachfrage – und damit auf einen Markt, in dem lange Lieferzeiten und knappe Kapazitäten Projekte ausbremsen können.

Im Nürnberger Werk arbeiten nach Unternehmensangaben derzeit knapp 1.000 Menschen; Transformatoren werden dort seit 1912 gefertigt. Die Erweiterung soll rund 16.000 Quadratmeter umfassen und die Produktionskapazität am Standort um etwa 50 Prozent erhöhen. Dass die Baumaßnahmen im laufenden Betrieb stattfinden sollen, deutet auf einen Spagat hin: Einerseits will Siemens Energy kurzfristig lieferfähig bleiben, andererseits erhöht Bauen bei laufender Produktion erfahrungsgemäß die Komplexität – von Logistik bis Qualitätssicherung.

Die neuen Flächen sollen 2028 bereitstehen, was zugleich die Zeithorizonte im Netzgeschäft verdeutlicht: Infrastrukturindustrie arbeitet nicht im Quartalstakt. Für Nürnberg ist die Entscheidung dennoch eine klare Standortansage, weil sie Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung bindet – in einem Bereich, in dem Europa sich zuletzt wieder stärker um eigene Kapazitäten bemüht hat.

Großtransformatoren werden zur Schlüsselware für den Netzausbau

Großtransformatoren für Netzausbau stehen sinnbildlich für eine Verschiebung in der Energiewende: Nicht allein Erzeugungskapazitäten wie Wind- und Solarparks entscheiden, sondern die Fähigkeit, Stromnetze technisch nachzuziehen. Transformatoren sitzen an vielen Knotenpunkten des Netzes und machen es überhaupt möglich, Strom zwischen verschiedenen Spannungsebenen zu „übersetzen“ – etwa von der Höchstspannung in regionale Verteilnetze. Wenn diese Komponenten fehlen, kann das den Zeitplan ganzer Netzabschnitte beeinflussen, auch wenn Leitungen und Umspannwerke an anderer Stelle bereits geplant sind.

Siemens Energy verweist darauf, dass die in Nürnberg gefertigten Geräte weltweit in großen Energie-Infrastrukturprojekten eingesetzt würden, etwa bei der Anbindung von Offshore-Windparks, zur Netzstabilisierung oder in internationalen Stromverbindungen. Dahinter steht ein Trend, der längst nicht nur Deutschland betrifft: Viele Länder müssen Netze ausbauen, weil erneuerbare Erzeugung stärker schwankt, weiter entfernt von Verbrauchszentren entsteht oder weil Stromhandel zwischen Regionen an Bedeutung gewinnt. In dieser Gemengelage wird Fertigungskapazität zu einem Wettbewerbsfaktor – und zu einer Frage, wie resilient Lieferketten für kritische Industrietechnik sind.

Die Förderung in Bayern macht aus dem Projekt auch Standortpolitik

Bemerkenswert ist nicht nur die Größenordnung der Investition, sondern auch die politische Rahmung. Zur Grundsteinlegung kamen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König; der Freistaat will das Projekt zudem mit einer Technologieförderung von bis zu 20 Millionen Euro unterstützen. Damit wird der Ausbau des Transformatorenwerks in Bayern ausdrücklich als regionalwirtschaftlich bedeutsam eingeordnet – verbunden mit dem Anspruch, den Innovationsstandort Nürnberg auch in Forschung und Entwicklung zu stärken.

Söder formulierte die industriepolitische Stoßrichtung dabei ungewöhnlich zugespitzt: „Ohne Industrie hat der Standort Deutschland keine Chance.“ Der Satz passt in eine Debatte, die sich seit Monaten verschärft: Energiewende Stromnetze Deutschland sind längst nicht mehr nur Klima- und Infrastrukturthemen, sondern auch eine Frage, wo Schlüsselkomponenten produziert werden – und ob politische Förderprogramme eher als Hebel für Wertschöpfung oder als Risiko für Mitnahmeeffekte wirken. Dass Bayern Förderung an eine konkrete Kapazitätserweiterung koppelt, kann man als Versuch lesen, beides zu verbinden: Tempo beim Netzausbau und industrielle Substanz am Standort.

Mit Nürnberg bündelt Siemens Energy mehrere Energiewende-Technologien

Der Nürnberger Ausbau steht zudem nicht isoliert. Siemens Energy hatte bereits im Vorjahr angekündigt, am selben Standort 90 Millionen Euro in eine neue Fertigung für Konverter zu investieren – also Technik, die unter anderem in Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) eine Rolle spielt. Aus Sicht des Konzerns ergibt das eine logische Klammer: Transformatoren und Konverter gehören zu den Bausteinen, die Netze stabilisieren und große Energiemengen effizient über Entfernungen transportieren helfen. Strategisch kann Nürnberg damit vom klassischen Transformatorenstandort zu einem breiter aufgestellten Netztechnik-Hub werden.

Konzernchef Christian Bruch stellte den Standortfaktor Deutschland in den Vordergrund und sagte: „Deutschland bleibt attraktiv, wenn Wirtschaft und Politik gemeinsam Verantwortung übernehmen“. Siemens Energy verweist außerdem auf rund eine Milliarde Euro Investitionen in Deutschland in den vergangenen drei Jahren sowie auf zusätzliche Stellen: 2024 seien rund 1.300 neue Jobs entstanden, bis Ende 2026 könnten bis zu 1.500 weitere hinzukommen. Das unterstreicht, dass das Unternehmen nicht nur auf Auftragslage reagiert, sondern Kapazitäten für einen Markt aufbauen will, der zwar langfristig wächst, aber auch von Genehmigungen, Netzausbauplänen und politischer Steuerung abhängt. Ob die Rechnung aufgeht, wird damit auch davon abhängen, ob Europa die vielen parallelen Netzinvestitionen tatsächlich in Projekte übersetzt – und ob industrielle Engpässe wie bei Großtransformatoren künftig weniger häufig die Taktzahl bestimmen.

Schreibe einen Kommentar