Siemens Healthineers und der Leichtathletik-Weltverband World Athletics wollen die medizinische Versorgung bei großen Ausdauer-Events stärker in Richtung Wettkampfort verlagern. Im Zentrum stehen mobile Diagnostik und schnelle Laborwerte, die Entscheidungen in der Akutsituation beschleunigen sollen. Eine in Tokio gestartete Datenerhebung soll dabei helfen, aus Einzelfall-Lösungen belastbarere Standards zu machen.
Bei Ausdauerwettkämpfen wie Marathon, Gehen oder Trail- und Bergläufen treffen sportliche Extrembelastung und Logistik oft ungünstig aufeinander. Medizinische Teams müssen unter Zeitdruck entscheiden, teils fernab klassischer Klinikstrukturen, während bei Großveranstaltungen der Transport ins Krankenhaus nicht nur lange dauern kann, sondern auch Behandlungspfade verzögert. Dass Veranstalter den diagnostischen Teil der Versorgung näher an Start und Ziel ziehen wollen, folgt deshalb einer praktischen Logik, weniger einem Techniktrend. Es geht um die Frage, ob Risiken wie Kreislaufprobleme, Hitzeerkrankungen oder Verletzungen schneller eingeordnet werden können, bevor sich der Zustand verschlechtert oder Fehlentscheidungen den Sportlerinnen und Sportlern schaden.
Der Ansatz kombiniert dabei Point-of-Care Diagnostik Sport mit mobiler Bildgebung, also Messungen und Untersuchungen direkt im medizinischen Bereich der Veranstaltung. Siemens Healthineers World Athletics setzten dafür laut Angaben des Unternehmens auf ein Ultraschallsystem sowie ein mobiles Bluttest-System, ergänzt um Beratung der Teams vor Ort. „Der Vorteil von Point-of-Care-Tests besteht darin, dass man Patientinnen und Patienten so schnell wie möglich überall versorgen kann, um ihnen bestmöglich zu helfen“, sagte Bob Stowers, Leiter des Point-of-Care-Diagnostik-Geschäfts bei Siemens Healthineers.
Wer Diagnostik an die Strecke bringt, verschiebt Verantwortung von Kliniken zu Veranstaltern
Der Vorstoß hat eine strategische Komponente, die über Einzelfälle hinausgeht. Wenn Diagnostik zunehmend im Sanitätsbereich eines Events stattfindet, werden Veranstalter und Verbände stärker zu Mitbetreibern medizinischer Infrastruktur. Das kann die Versorgung verbessern, erhöht aber auch den Anspruch an Abläufe, Qualifikation und Ausstattung. World Athletics lasse erkennen, dass es mittelfristig nicht bei punktuellen Einsätzen bleiben solle, sondern dass die Ausrüstung von Sanitätszelten systematischer werden müsse. Damit rückt eine Art „Wettkampfmedizin“ als eigener Standard in den Vordergrund, der international vergleichbarer werden könnte.
Für Siemens Healthineers ist die Kooperation zugleich ein Schaufenster, aber auch ein Testfeld, auf dem sich zeigt, ob Geräte und Workflows unter Eventbedingungen wirklich funktionieren. Das Unternehmen berichtet, 2025 bei drei internationalen Großveranstaltungen unterstützt zu haben. Entscheidend ist dabei weniger die Anzahl der Einsätze als die Frage, ob aus den Erfahrungen robuste Verfahren entstehen, die sich wiederholen lassen. Genau an dieser Stelle wird aus einer technischen Möglichkeit eine Branchenentwicklung, die auch andere Sportarten und Ausrichter unter Druck setzen könnte.
Das Ultraschallgerät Acuson Sequoia Ultraschall soll Klinikwege verkürzen, ersetzt sie aber nicht
Konkreter wird die Entwicklung beim Einsatz von Acuson Sequoia Ultraschall, der bei einem großen Wettbewerb zur Beurteilung von Beschwerden und Verletzungen genutzt worden sei. Ultraschall ist für Laien oft „das Bild aus der Schwangerschaft“, in der Akutmedizin dient er jedoch vor allem dazu, Gewebe und Strukturen schnell zu beurteilen, ohne Strahlung und ohne große Geräteparks. Siemens Healthineers argumentiert, die Mobilität und die Bildqualität könnten die Wartezeit bis zur Diagnose verkürzen und Krankenhausüberweisungen reduzieren. Das klingt plausibel, weil die erste Einordnung am Ort des Geschehens häufig darüber entscheidet, ob eine Person sofort weitertransportiert wird oder zunächst vor Ort behandelt werden kann.
Gleichzeitig bleibt Ultraschall in vielen Fällen ein Baustein, kein endgültiges Urteil. Bei komplexen Verletzungen oder unklaren Symptomen wird die Klinik weiter nötig sein, auch aus haftungs- und qualitätsbezogenen Gründen. Der relevante Punkt ist deshalb die Triage: Wenn Acuson Sequoia Ultraschall hilft, die Dringlichkeit besser einzuordnen, kann das Ressourcen schonen und die Versorgung fokussieren. Dass Untersuchungen zudem „diskreter“ im medizinischen Bereich vor Ort möglich seien, deutet auf einen weiteren Aspekt hin, nämlich Datenschutz und Athletenwohl, die bei medienintensiven Sportgroßereignissen schnell zum Thema werden.
Die Tokio Hitzeanpassungsstudie Leichtathletik zeigt, wie Daten zu Regeln werden könnten
Besonders interessant ist die Verbindung aus Versorgung und Forschung, weil sie die Standardisierung wahrscheinlicher macht. Bei den Weltmeisterschaften in Tokio sei eine Studie zu Hitzeanpassung und Hydrationsstrategien durchgeführt worden, gemeinsam mit einer Universität in Japan. Im Kern geht es darum, körperliche Belastungen unter extremen Bedingungen besser zu verstehen und schneller behandelbar zu machen. Dafür wurden kleine Blutproben direkt vor Ort analysiert, um Werte zu prüfen, die auf Flüssigkeitsmangel, Überwässerung oder hitzebedingte Erkrankungen hinweisen können. „Der Einsatz von Point-of-Care-Geräten an Ort und Stelle verbessert die medizinische Versorgung bei Ausdauerwettkämpfen deutlich, da schneller und wirksamer auf hitzebedingte Notfälle und Probleme mit der Flüssigkeitsversorgung reagiert werden kann“, erklärte Dr. Stéphane Bermon, Leiter der Abteilung Health & Science von World Athletics.
Dass Ergebnisse „in den kommenden Monaten“ erwartet werden, macht deutlich, wie stark die Branche auf Evidenz angewiesen ist, bevor aus Pilotprojekten verbindliche Empfehlungen werden. Gelingt es, aus der Tokio Hitzeanpassungsstudie Leichtathletik belastbare Muster abzuleiten, könnten Verbände künftig konkreter festlegen, welche Diagnostik bei bestimmten Wetterlagen und Distanzen vor Ort verfügbar sein sollte. Für Lieferketten und Wettbewerb in der Medizintechnik wäre das nicht trivial, weil Standards in der Praxis Investitionsentscheidungen auslösen. Dann würde Point-of-Care Diagnostik Sport nicht mehr als Zusatz gelten, sondern als erwartete Grundausstattung, die Ausrichter einkaufen, warten und personell absichern müssen.
Quellenhinweis:
Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von Siemens Healthineers, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.


